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IOC-Entscheidung für Peking: Verdächtige vier Stimmen

Aus Kuala Lumpur berichtet

Olympia-Show in Peking: Knapper Wahlsieg gegen Almaty Zur Großansicht
DPA

Olympia-Show in Peking: Knapper Wahlsieg gegen Almaty

Peking hat den Zuschlag für die Olympischen Winterspiele 2022 erst in der zweiten Wahlrunde erhalten - mit weniger Stimmen als in der ersten. IOC-Präsident Bach reagiert unwirsch auf Fragen nach dem Warum.

Der Außenseiter Almaty aus Kasachstan verlor knapper als erwartet: Bei der Abstimmung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) über den Gastgeber der Olympischen Spiele 2022 setzte sich Peking überraschend mit nur 44:40 Stimmen durch. In der Geschichte der Spiele hat es lediglich fünf Mal eine engere Entscheidung gegeben.

Olympia-Planer, die mit den Umständen vertraut sind, gehen davon aus, dass die Spiele in Peking und der Bergregion von Zhangjiakou die Kosten der Winterspiele 2014 in Sotschi von 50 Milliarden Dollar bei Weitem überschreiten und vielleicht sogar einen dreistelligen Milliardenbetrag fordern. Offiziell aber werden die Infrastrukturprojekte wie Autobahnen und eine Schnellzugstrecke nicht den Olympia-Etats zugerechnet. Und das sind nicht die einzigen Unstimmigkeiten.

Insofern bleibt das IOC seiner Tradition des Gigantismus treu, obwohl doch Präsident Thomas Bach mit seiner sogenannten Agenda 2020 angeblich auf Nachhaltigkeit und Kostenreduzierung setzt. Elementare Fragen der Menschenrechte in den Bewerberländern Kasachstan und China wurden auf der 128. IOC-Vollversammlung nicht thematisiert.

Stattdessen war man intensiv mit dem etwas schwierigen Wahlprozess beschäftigt. Bach enthielt sich wie üblich, die drei Chinesen Lingwei Li, Yang Yang und Zaiqing Yu waren nicht wahlberechtigt, elf weitere Mitglieder, darunter FIFA-Präsident Joseph Blatter, blieben der Session fern. So stimmten 85 von derzeit 100 Mitgliedern ab - gezählt wurden allerdings 89 Stimmen.

Angeblich hatten etliche Mitglieder Schwierigkeiten mit den neuen Samsung-Tablets und so dass offenbar einige Stimmen doppelt gezählt wurden. Nicole Hoevertsz aus Aruba, die Chefin der Wahlkommission und eine Unterstützerin von Bach, beriet sich daraufhin mit Bach, der eine zweite Wahlrunde anordnete, diesmal schriftlich. Sofort machten Gerüchte über mögliche Manipulationen die Runde.

Bach reagierte unwirsch: Es sei "unfair", auch nur eine solche Frage zu stellen. Es habe lediglich technische Probleme mit den Geräten gegeben. Weitere Details blieb das IOC schuldig, auch zum elektronischen Wahlsystem, für das eine norwegische Firma zuständig ist und das auf der 111. Session im September 2000 in Sydney erstmals genutzt wurde. Seither kam es immer mal zu kleineren Zwischenfällen, etwa bei der Wahl von London zur Olympiastadt 2012, die ebenso knapp ausging (54:50 gegen Paris). Doch nie wurde schriftlich gewählt. Erstmals seit mehr als zwei Jahrzehnten stellte das IOC kein Wahlprotokoll zur Verfügung.

Bach preist "sichere und historische Entscheidung"

Thomas Bach war im September 2013 mit chinesischer Unterstützung zum IOC-Präsidenten gekürt worden. Wenige Wochen später überreichte er Chinas Staats- und KP-Chef Xi Jinping den Olympischen Orden. Im Februar 2014 wurde sein Verbündeter Zaiqing Yu IOC-Vizepräsident. Nun also die Olympiastadt Peking. Es sei eine "sichere und historische Entscheidung", sagte Bach.

Historisch, weil nie zuvor Winter- und Sommerspiele am selben Ort stattfanden. "Sicher, weil China liefern wird, weil China Versprechen einhält und große Erfahrungen bei der Austragung solcher Events hat", sagte Bach. Auffallend oft hatte er zuletzt darauf hingewiesen, dass es die letzte Städtekür sei, die vor seiner viel beschworenen Reformagenda eingeleitet wurde.

Das ist einerseits richtig, andererseits führt es in die Irre und ist ein ziemlich plumpes Propaganda-Manöver. Denn tatsächlich wurde Bach im September 2013 gewählt, der Wettbewerb um die Winterspiele 2022 begann Mitte November 2013, also kurz nach seiner Wahl. Schon damals war darüber diskutiert worden, das Bewerbungsverfahren zu verschieben und erst die Regeln zu überarbeiten. Denn im Frühjahr 2013 hatte sich die Bevölkerung des Schweizer Kantons Graubünden gegen eine Bewerbung ausgesprochen. In München wurde die Bewerbung nach einem Bürgerentscheid eingestellt. Auch Oslo, Stockholm, Krakau und Lwiw hatten Rückzieher gemacht. Es blieben also nur Peking und Almaty aus Kasachstan übrig. Bach hätte durchaus die Möglichkeit gehabt, das Bewerbungsverfahren zu modifizieren, um es für neue Städte wieder attraktiv zu machen.

Doch er beharrte auf Peking und Almaty. Im Pressepulk erweckten einige den Eindruck, Bach habe mit der Entscheidung kaum etwas zu tun, so als habe er das Problem von seinem Vorgänger Jacques Rogge geerbt.

Eine Verschiebung der Bewerbungsfristen wäre problemlos möglich gewesen. Bach aber wollte nicht. Und als ein Jahr später auf der IOC-Session in Monte Carlo der Kanadier Richard Pound ein letztes Mal dafür eintrat, den Bewerbungsprozess 2022 neu auszuschreiben, behandelte Bach den verdienstvollen Pound wie einen kleinen dummen Jungen und schmetterte das Ansinnen binnen Sekunden ab.

Langjährige Vertraute wunderten sich über die Hartnäckigkeit, mit der Bach Ratschläge ausschlug, und darüber, dass er simple Fragen dazu nicht beantworten konnte, wie er eine Wahl von Peking mit seiner Agenda übereinbringen will, die angeblich auf Kostenreduzierung, Umweltverträglichkeit und die Einhaltung von Menschenrechten in Gastgeberländern setzt. Alles Punkte, die China nicht erfüllt. Mit diesem kolossalen Widerspruch muss das IOC leben.

Video: Pekings Bewerbung

REUTERS

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insgesamt 58 Beiträge
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1. Trockener Kunstschnee als Schmierstoff ?
eckawol 31.07.2015
Peking und Umgebung zeigt sich als sehr trockene, schneearme kalte Region im Winter. Aber Kälte macht noch keinen geigneten Standort für Olympische Winterspiele, die Schnee brauchen. Aber Blatter hat Schnee mitgebracht und es wohl gerichtet....?
2. Dankbare Veranstaltung
peter0pf9 31.07.2015
Egal wer gewonnen hat - beide Varianten geben ausreichend Raum für Spekulationen, Mutmaßungen, Unterstellungen....!!! Und das bis 2022!! Hier sollte die Presse wirklich mehr Dankbarkeit zeigen!
3.
hschmitter 31.07.2015
Nun, mit etwas Glück sind ARD und ZDF dann aus dem Übertragungsrennen rausgeflogen und ich muß nicht noch das finanzieren, was eh bloß eine Leistungsschau der Manipulierbarkeit darstellt.
4. Blubbern aus dem Sumpf
dt58561386 31.07.2015
Ach Leute, verschont uns doch bitte mit Nachrichten über das Bubbern aus diesem trüben Sumpf. Das beste wäre, Sportler und Sportminister organisierten sich Neue Olympische Spiele, in kleinerem Rahmen, ohne Werbung, und möglichst weit weg vom IOC. Vorschlag: Die Olympischen Sommerspiele finden nur noch in Athen statt, die Winterspiele in Innsbruck.
5.
redsfan 31.07.2015
Wer glaubt, das Zuschläge für solche Sport-Großveranstaltungen (egal ob Olympia, x-EM/WM oder sonst was) nur Anhand von den Bewerbungen vergeben wird, hat genau das richtige Nivea (:)) als BLÖD-Glauber. Das geht es immer um Bares oder Geschenke und Gefälligkeiten. Und dabei ist es egal ob es ein "böses" Land ist oder Deutschland, USA, GB, F, ...
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Fläche: 9.572.900 km²

Bevölkerung: 1367,820 Mio.

Hauptstadt: Peking

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Olympische Winterspiele
Jahr Austragungsort (Land)
2022 Peking (China)
2018 Pyeongchang (Südkorea)
2014 Sotschi (Russland)
2010 Vancouver (Kanada)
2006 Turin (Italien)
2002 Salt Lake City (USA)
1998 Nagano (Japan)
1994 Lillehammer (Norwegen)
1992 Albertville (Frankreich)
1988 Calgary (Kanada)
1984 Sarajevo (Jugoslawien)
1980 Lake Placid (USA)
1976 Innsbruck (Österreich)
1972 Sapporo (Japan)
1968 Grenoble (Frankreich)
1964 Innsbruck (Österreich)
1960 Squaw Valley (USA)
1956 Cortina d'Ampezzo (Italien)
1952 Oslo (Norwegen)
1948 St. Moritz (Schweiz)
1936 Garmisch-Partenkirchen (Deutschland)
1932 Lake Placid (USA)
1928 St. Moritz (Schweiz)
1924 Chamonix (Frankreich)
Olympische Sommerspiele
Jahr Austragungsort (Land)
2020 Tokio (Japan)
2016 Rio de Janeiro (Brasilien)
2012 London (Großbritannien)
2008 Peking (China)
2004 Athen (Griechenland)
2000 Sydney (Australien)
1996 Atlanta (USA)
1992 Barcelona (Spanien)
1988 Seoul (Südkorea)
1984 Los Angeles (USA)
1980 Moskau (Sowjetunion)
1976 Montréal (Kanada)
1972 München (Deutschland)
1968 Mexiko-City (Mexiko)
1964 Tokio (Japan)
1960 Rom (Italien)
1956 Melbourne (Australien)
1952 Helsinki (Finnland)
1948 London (Großbritannien)
1936 Berlin (Deutschland)
1932 Los Angeles (USA)
1928 Amsterdam (Niederlande)
1924 Paris (Frankreich)
1920 Antwerpen (Belgien)
1912 Stockholm (Schweden)
1908 London (Großbritannien)
1904 St. Louis (USA)
1900 Paris (Frankreich)
1896 Athen (Griechenland)


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