Olympische Winterspiele 2026 Dem IOC gehen die Bewerber aus

Zu teuer: Der Stadtrat von Stockholm hat bereits abgewunken, Calgarys Bürger stimmen im November ab, und Mailands Planungen sind äußerst vage. Es geht um nicht weniger als das Überleben der Winterspiele.

Biathlet bei den Winterspielen in Pyeongchang 2018
AFP

Biathlet bei den Winterspielen in Pyeongchang 2018

Aus Buenos Aires berichtet


Er kann es nicht lassen. Wo immer Thomas Bach sich etwas länger aufhält, muss der IOC-Präsident seinen Gastgebern Olympische Spiele empfehlen.

Jüngstes Beispiel: Buenos Aires, Metropole des unter einer gewaltigen Krise leidenden Argentiniens. Rasanter Währungsverfall und Haushaltsdefizit - doch Bach und sein argentinischer Gefolgsmann Gerardo Werthein reden über die Sommerspiele 2032 am Río de la Plata. Dabei haben die urbanen Olympischen Jugendspiele, die am Donnerstag in Buenos Aires beendet wurden, in Sachen Kosten und Logistik wenig mit dem großen Olympia zu tun. Angeblich sollen die Jugendspiele, für die kaum größere Sportstätten benötigt wurden, weniger als 200 Millionen Dollar gekostet haben.

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Youth Olympic Games: Jugend brilliert bei Olympia

In Tokio, Gastgeber der Sommerspiele 2020, hat der japanische Rechnungshof die Gesamtkosten gerade auf 26 Milliarden Dollar geschätzt - und Tokio verfügt über eine deutlich bessere Sportinfrastruktur als Buenos Aires. Als Chef eines Weltkonzerns, der im aktuellen Olympiazyklus weit mehr als sechs Milliarden Dollar umsetzt, muss Bach sein Geschäft bewerben. Sein Vizepräsident Juan Antonio Samaranch junior prägte in Buenos Aires das Unwort des Jahres, als er von den "No Costs Olympics" sprach.

Auf Werthein kann sich Bach ebenfalls verlassen. Der Multimillionär zählt zur Gardetruppe des deutschen IOC-Chefs: Im Streit über das russische Dopingsystem attackierte Werthein etliche Male die wenigen Kritiker in den eigenen Reihen. Vor vier Jahren, als Bach nach dem Rückzug der Olympiabewerbung von Oslo für die Winterspiele 2022 eine schwere Niederlage erlitt, sprang ihm Werthein ebenfalls zur Seite und orakelte über Winterspiele in Patagonien.

Davon ist nun nicht mehr die Rede, obwohl Bach vor zwei Wochen einige Stunden in Patagonien verbrachte, auf der Route des Fackellaufs dieser dritten Sommerjugendspiele. Die Zahl der Olympia-Interessenten ist in den vergangenen Jahren akut gesunken, trotz der angeblichen Segnungen von Bachs viel beschworener Agenda 2020 und den tatsächlich reduzierten Pflichtenheften des IOC. Im September 2013 wurde Bach IOC-Präsident - seit Anfang 2013 scheiterten 15 Olympiabewerbungen am Widerstand von Steuerzahlern und Politikern, dazu zählen die Referenden in München (Winterspiele 2022) und Hamburg (Sommerspiele 2024).

IOC-Präsident Thomas Bach
AP

IOC-Präsident Thomas Bach

Nachdem für die Sommerspiele 2024 nur die Interessenten Paris und Los Angeles übrig geblieben waren, fasste das IOC einen historischen Doppelbeschluss und vergab die Spiele 2024 an Paris und 2028 an Los Angeles. Im Winter bleibt die Lage desaströs. Für 2018 gab es mit großer Mühe drei Bewerber, für 2022 blieben zwei übrig. Es geht um das Überleben der Winterspiele, nachdem im Winter-Kernland in den Alpen, wo das IOC liebend gern wieder Spiele hätte, drei Projekte bei Volksabstimmungen scheiterten: Graubünden, Innsbruck/Tirol und Sion.

Drei Bewerber für 2026: Stockholm, Calgary und Mailand

In der vergangenen Woche ernannte die IOC-Vollversammlung in Buenos Aires nun drei Olympiakandidaten für 2026: Calgary, Stockholm und Mailand (gemeinsam mit Cortina d'Ampezzo). Schon drei Tage später folgte der nächste Rückschlag: Der neuformierte Stadtrat von Stockholm lehnte die Bewerbung ab.

Doch Schwedens NOK und das Bewerberkomitee machen einfach weiter. Sie folgen der offiziellen IOC-Doktrin, nach der skeptische Politiker und Steuerzahler die Segnungen der Olympischen Spiele nur nicht richtig verstehen - man müsse sie lediglich besser erklären. Auch Bach hat das schon vor Ort in Stockholm versucht.

Juan Antonio Samaranch junior
REUTERS

Juan Antonio Samaranch junior

Stockholm tritt gemeinsam mit den weit entlegenen alpinen und nordischen Hochburgen Åre und Falun an. Für Bob, Rodeln und Skeleton würde die Bahn im lettischen Sigulda genutzt. Insofern spart man Kosten im Vergleich zur bisherigen Olympiapraxis, Kunsteisbahnen und Sprungschanzen neu zu errichten. Belastbare Zahlen sucht man im jüngsten IOC-Bericht aber vergeblich.

Stattdessen behaupten Stockholms Olympiaplaner, wie IOC-Vize Samaranch, der Organisationsetat (im Fachjargon OCOG-Budget genannt) komme ohne Steuermittel aus. Einer der vielen Tricks dabei: Die ausrichtenden Städte, Regionen und die schwedische Regierung müssen Garantien abgeben, die zwar reduziert wurden, aber immer noch die kompletten Sicherheits- und medizinischen Kosten sowie die kostenlose Bereitstellung aller Sportstätten umfassen - und die Zusicherung, etwaige Verluste des Organisationskomitees auszugleichen.

Viele Fragen bleiben offen, etwa die Finanzierung des Olympischen Dorfs, oft eines der größten Probleme bei Olympia. Das Dorf wird, wie vieles andere, nicht dem OCOG-Etat, sondern dem separaten Infrastrukturetat zugerechnet. Die Kosten für Sicherheit und medizinische Versorgung, die komplett aus Steuermitteln beglichen werden, sollten sich in der Größenordnung von mindestens 500 Millionen Euro bewegen - nach oben offen.

Die Kanadier stimmen am 13. November ab

Im kanadischen Calgary, wo am 13. November die Bürger über die Olympiabewerbung entscheiden, operiert man transparenter und nennt mehr Zahlen. Auf derzeit 610 Millionen Dollar beziffert man beispielsweise die Kosten für Sicherheit und Medizin. Der OCOG-Etat soll zu 90 Prozent privat finanziert werden. Wobei zu dieser sogenannten privaten Finanzierung auch der IOC-Zuschuss von 925 Millionen Dollar aus dem weltweiten olympischen Vermarktungsprogramm zählt, mit dem alle drei Bewerber planen können. Insgesamt werden drei Milliarden kanadische Dollar (rund zwei Milliarden Euro) aus öffentlichen Kassen veranschlagt.

Mit belastbaren Zahlen kann der dritte Bewerber, Mailand, nicht aufwarten. Im Grunde steht dort gar nichts fest - nur das Versprechen, den Organisationsetat hundertprozentig "privat" zu finanzieren. Dabei müssen am 11. Januar 2019 beim IOC die Unterlagen inklusive der Regierungsgarantien abgegeben werden. In Italien haben zuletzt aber schon zweimal Politiker die unausgereiften und hochriskanten Olympiapläne von Rom beerdigt (für die Sommerspiele 2020 und 2024). Für das Winter-Abenteuer 2026 gibt es bislang keinerlei Zusagen der Regierung in Rom.

Juan Antonio Samaranch junior, Thomas Bach, Mark Adams (v.l.n.r.)
DPA

Juan Antonio Samaranch junior, Thomas Bach, Mark Adams (v.l.n.r.)

IOC-Präsident Bach setzt auf Italiens NOK-Präsidenten Giovanni Malagò, ein Feierbiest, das IOC-Leute gern mit Montecristo-Zigarren versorgt. Malagò wurde in Buenos Aires in einem schrägen Verfahren vorab als persönliches Mitglied ins IOC aufgenommen. Dabei ist laut Olympischer Charta nur ein persönliches Mitglied pro Land vorgesehen. Italien hat in Mario Pescante und Franco Carraro aber schon zwei.

Berlusconis ehemaliger Sportminister Pescante scheidet Ende dieses Jahres aus, Roms ehemaliger Bürgermeister Cararro Ende kommenden Jahres. Eigentlich hätte Malagò also erst 2020 IOC-Mitglied werden können. Doch wird ihm diese Ehre schon ab 1. Januar 2019 gewährt. Zehn Tage später soll er die Bewerbungsunterlagen abliefern. Es könnte gut sein, dass Mailand (und Cortina) bis dahin als einziger Kandidat übrig bleibt, weil sich Stockholm und Calgary in den nächsten Wochen offiziell verabschieden.

Es bleibt allerdings auch die Gefahr, dass das IOC im Januar ohne Olympiabewerber dasteht.



insgesamt 47 Beiträge
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loncaros 19.10.2018
1.
Thomas Bach sagte ja die Woche, Deutschland könne sich Olympische Spiele durchaus zutrauen, als es um die Olympischen Jugendspiele ging. Thomas Bach sollte langsam mal klar werden: Wir trauen uns das locker zu. Wir *wollen* nur mit seinem megakorrupten Laden nichts zu tun haben.
Björn L 19.10.2018
2. Unterschied zur Fifa:
Sie haben sich noch nicht erwischen lassen. Traurig wie Sportveranstaltungen verkommen. Bach sollte Sponsoren aus der Pharmaindustrie anwerben. Deren Einfluß hat schon die Tour de France ruiniert und die Leichtathletik, deren Kassen müssten voll sein. Lob an die Schweden für ihre vorläufig anmutende Entscheidung
oelfinger 19.10.2018
3. Geldverschwendung
Hat sich mittlerweile also endlich herumgesprochen, daß der einzige Gewinner der Spiele das IOC ist. Für die ausführenden Länder nur Vorschriften und Kosten. Verschleuderte Steuergelder, nur um ein paar Reiche noch reicher zu machen.
laberbacke08/15 19.10.2018
4.
Sparvorschlag (einsparpotenzial geschätzte 100 Millionen), die Funktionäre schlafen im olympischen Dorf, in Doppelzimmern das trägt auch zur Völkerverständigung bei. Statt VIP shuttle gibt es Fahrräder oder den Bus der auch die Athleten transportiert.
olivergarch 19.10.2018
5. Kosten senken...
Was würden denn die Spiele kosten, wenn man die Bestechungsgelder und in die eigene Tasche gewirtschafteten Millionen nicht hätte? Vielleicht möchten dann auch wieder Leute zuschauen - ohne das Gefühl, für eine Kommerzmaschine verarscht zu werden!
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