Bürgerentscheid in Bayern Aufstand gegen die olympische Allmacht

Es war kein Misstrauensvotum gegen München, sondern gegen das IOC: Die Bayern haben sich deutlich gegen Olympische Winterspiele 2022 in ihrer Region ausgesprochen. Die Entscheidung ist historisch; in Deutschland haben Bewerbungen nur noch unter einer Bedingung eine Chance.

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Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte wurden die Bürger vor einer Olympiabewerbung um ihre Meinung befragt, und die Antwort war eindeutig: Mehr als 53 Prozent der Menschen, die am Sonntag in den oberbayerischen Kommunen abstimmten, wollen nicht, dass sich München um die Winterspiele 2022 bewirbt. Dieses Votum ist eine Zäsur. Es hat historische Bedeutung.

In den vergangenen Jahrzehnten hatte eine Allianz aus Sport und Politik die Abenteuer von Olympia-Bewerbungen durchgedrückt. Im Vergleich dazu wäre das Münchner Projekt wohl sogar darstellbar gewesen. Das gilt sogar fürs Finanzielle, selbst wenn man davon ausgehen darf, dass die Kosten erheblich höher würden als ursprünglich veranschlagt. Denkt man an frühere deutsche Bewerbungen wie Berlin 2000 oder Leipzig 2012 kann man sogar, ganz vorsichtig, von einer gewissen Transparenz sprechen und von nachhaltigen Planungen. Dennoch hat der Souverän dieses Mammutprojekt gestoppt.

Das Votum reiht sich ein in eine Serie des Protestes gegen sportliche Mega-Events in diesem Jahr: Im März entschieden sich die Bürger des Schweizer Kantons Graubünden gegen eine Olympiabewerbung für 2022. Im Juni demonstrierten Millionen Brasilianer gegen den Investitionswahnsinn Fußball-WM 2014 und Olympia 2016 in ihrem Land.

Das ist zuallererst ein gutes Zeichen für die Demokratie. Sport als Opium für die Bürger? Die Droge wirkt nicht mehr uneingeschränkt. Es ist den Menschen mittlerweile bewusst, dass es ein Unterschied ist, ob man bequem Fernsehsport konsumiert oder sich auf ein viele Milliarden Euro verschlingendes Abenteuer einlässt.

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Winterspiele 2022: Olympia dahoam fällt aus
Und es ist keinesfalls ein Widerspruch dazu, dass sich die Einwohner der norwegischen Hauptstadt Oslo kürzlich mehrheitlich für eine Olympiabewerbung 2022 ausgesprochen haben. Die Abstimmung in Oslo ist das beste Argument gegen die These, dass Spiele künftig nur noch in pseudodemokratischen oder autoritär regierten Staaten stattfinden könnten, wo die Bevölkerung nicht um ihre Meinung gefragt wird. Der Souverän wurde befragt, der Souverän hat entschieden. In Oslo haben die Bürger eben anders abgestimmt als in Bayern. In Deutschland mag die Skepsis gegen Großprojekte prinzipiell größer sein als in Norwegen, aber sie ist auch durch die früheren Olympiabewerbungen gewachsen.

Das Abstimmungsergebnis in Bayern ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Olympiaskeptiker wegen der fast flächendeckenden PR der Befürworter aus Sport und Politik einen ungleichen Wettbewerb beklagt hatten. Vor allem aber sollte dem Sport, dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC), zu denken geben, dass in den oberbayerischen Landkreisen und Gemeinden Fachleute nein gesagt haben.

Münchens Nein ist kein Nein zu Olympia generell

Dieses Nein basiert keineswegs auf "Vorurteilen und Falschbehauptungen", wie DOSB-Generaldirektor Michael Vesper am Sonntagabend behauptete. Diejenigen, die am Sonntag abstimmen durften, wissen sehr viel besser als er über die Region Bescheid. Tourismus, inklusive sportlicher Höhepunkte wie Weltcups oder Weltmeisterschaften, ist in Oberbayern ein Wirtschaftsfaktor. In den nächsten Wochen werden wieder Weltcup-Wettbewerbe in Schönau am Königssee (Bob und Rodeln), Inzell (Eisschnelllauf), Ruhpolding (Biathlon) und Garmisch-Partenkirchen (Ski Alpin) ausgerichtet. Das ist selbstverständlich. Den Bayern muss niemand etwas über Großereignisse erzählen.

Der Entscheid vom Sonntag heißt dabei überhaupt nicht, dass pauschal jede deutsche Bewerbung künftig zum Scheitern verurteilt wäre. Für jedes Event stellen sich andere Fragen. Die Fragen nach der Seriosität der Finanzierung, nach Transparenz und Glaubwürdigkeit aber stellen sich immer.

München ist noch im Rennen als einer von vielen Austragungsorten für die Fußball-Europameisterschaft 2020. Ein paar Fußballspiele in der Arena auszutragen ist Tagesgeschäft und nicht mit einer Olympiabewerbung zu vergleichen. Der DFB will sich auch für die Europameisterschaft 2024 bewerben. Da wird es schon komplizierter - finanziell, politisch und, das auch, moralisch.

Als im März in Graubünden die Schweizer Olympiaträume gestoppt wurden, hat der Sportchef der Eidgenossenschaft, Jörg Schild, das klaglos als demokratische Entscheidung respektiert. Er hat zudem die Arbeit seines Dachverbandes Swiss Olympic hinterfragt. Und er hat eine bemerkenswerte Analyse vorgelegt. "Das Image des IOC ist nicht das beste", sagte der langjährige Staatsanwalt: "Der Sport ist in Verruf geraten. Seine Glaubwürdigkeit hat enorm gelitten." Das Kürzel IOC lässt sich problemlos durch die Kürzel Fifa oder Uefa ersetzen.

Derlei Sätze wird man von deutschen Sportfunktionären allerdings kaum hören, da im September gerade ein Deutscher, Thomas Bach, zum IOC-Präsidenten gekürt wurde, der bisher nicht als Vorkämpfer für Transparenz aufgefallen ist. Und solange die herausragenden Vertreter der Spitzenverbände Ohren und Augen vor der Realität verschließen, statt Korruption und Intransparenz zu bekämpfen, werden es deutsche Bewerbungen für Olympische Spiele schwer haben, vor der Bevölkerung zu bestehen. Zu groß ist mittlerweile das Misstrauen gegen die Sportfunktionäre.

Das Problem liegt im Sportsystem, in skandalerprobten, profitorientierten Konzernen wie dem IOC und der Fifa, die ganze Ausrichter-Nationen mit Knebelverträgen an die Kandare nehmen wollen. Das haben die Menschen inzwischen begriffen. In Graubünden, in Brasilien und in Bayern.

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raber 11.11.2013
1. Gesundes kritisches Erwachen und hoffentlich mit Folgen
Es ist schon interessant und für mich unerwartet, dass wenn für diese Grossveranstaltung gewählt werden kann, die Mehrheit dagegen ist. Es ist gesund für das IOC und wahrscheinlich auch Fifa, dass dies nun hier geschehen ist und nicht nur in Brasilien protestiert wurde. Eine Umorientierung der IOC sollte besonders diese Altherrenriege dringendst durchführen und zwar besonders was die fianazlielle Seite betrifft. Die brauchen nicht immer in Delegationen in 1. Klasse und mit Geschenken durch die Welt zu tuckeln. Nebenbei: Werden die jedes Mal dem Zoll deklariert? Es ist ein gesundes kritisches Erwachen und hoffentlich mit positiven Folgen für den Sport.
sebastian.teichert 11.11.2013
2. optional
Tja. Schade für den Sport. Und definitiv ein finanzieller Verlust für Bayern. Aber wer nicht will der hat schon. ;)
cs01 11.11.2013
3.
Die großen Wintersportverbände sollten sehr genau hinterfragen, ob und zu welchen Bedingungen sie überhaupt noch in Deutschland Wettbewerbe austragen. Vieleicht ist weniger manchmal mehr. Man sollte sich auf die Traditionswettbewerbe konzentrieren und die anderen Veranstaltungen zurückfahren.
matt1981bav 11.11.2013
4. Kein grosser Verlust
Wir haben in Bayern schon für die Bewerbung von 2018 30 Millionen Euro ausgegeben. Da war die Stimmung in der Bevölkerung auch noch viel aufgeschlossener als jetzt. Nur hat sich das IOC dann entschieden uns zu verarschen und die Spiele an einen unbekannten Ort in Südkorea zu vergeben. Auf eine nochmalige Kampagne mit den immer gleichen Gesichtern wie Franz Beckenbauer, Gold-Rosi Mittermeier, Höfl-Riesch und Kathi Witt verzichten wir gerne. Und die Infrastruktur können wir auch ohne Olympia ausbauen, wir müssens ja eh selber zahlen. Da haben wir jetzt nicht den grossen Jackpot verpasst, das IOC wirbt ja immer mit dem Iamgegewinn für die jeweilige Region, nur was sollte das Image von Bayern in der Welt noch gross steigern? Es ist gut genug.
arnulfs 11.11.2013
5. Knebelverträge
Dieses Stichwort war das entscheidende, daß wir gestern gegen Olympia gestimmt haben (ich schreibe das aus München). Z.B. aus Garmisch wurde das sehr gut berichtet: "Letztes Mal mußten wir (= NOlympia) den Menschen die Knebelverträge noch erklären, diesmal haben sie sie gleich mitgebracht zu den Veranstaltungen."
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