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Russlands Eishockeyteam: Schaibu!

Aus Sotschi berichtet

Die siebziger und achtziger Jahre waren die ganz große Ära des russischen Eishockeys. Die Mannschaft galt als unschlagbar, bis sie bei Olympia 1980 von den US-Amerikanern besiegt wurde. Jetzt geht es in Sotschi wieder gegen die US-Boys, und die glorreichen Zeiten leben wieder auf.

Im Medienzentrum von Sotschi hängt ein Foto. Es ist eine Aufnahme irgendwann aus den frühen achtziger Jahren, es zeigt die jubelnde russische, genauer sowjetische Eishockeynationalmannschaft. Ein lachender Wladislaw Tretjak umarmt Sergej Kasatonow, es ist ein Bild voller Heiterkeit. Es ist ein Bild, das die Helden meiner Jugend zeigt.

Ich weiß nicht, nach welchem Spiel das Foto aufgenommen wurde, wahrscheinlich war es eine der 47 WM-Partien zwischen 1978 und 1983, in denen die Russen nie verloren. Vielleicht war es nach dem 11:1 gegen die Tschechoslowakei oder dem 9:2 über Kanada. Siege fürs Geschichtsbuch.

Wie und warum es anfing mit mir und dieser Mannschaft - ich erinnere mich nicht mehr. Es war wohl ein Wort, das mich angezogen hat: Sbornaja. Ein ebenso rätselhaftes wie melodisches Wort.

Reporter Werner Schneider mit seiner gepressten Stimme sprach es aus, und es klang tatsächlich wie Musik, wenn er die Namen aneinander reihte: Perwuchin, Charlamow, Biljaletdinow. Und Helmut Balderis, der als UdSSR-Spieler merkwürdigerweise denselben Vornamen hatte wie der deutsche Bundeskanzler.

Selbst die Drittelpausen live im Fernsehen

Ich habe mich in diese Namen verliebt. Und in ihre Spielweise. Der Puck tanzte Kasatschok auf dem Eis, wenn die KLM-Angriffsreihe stürmte: Wladimir Krutow, Igor Larionow und Sergej Makarow. Dahinter hielten Wjatscheslaw Fetisow und Aleksej Kasatonow die blaue Linie. The Russian Five. Bolschoi auf dem Eis, ich konnte ihnen stundenlang zusehen. Nachmittags, es waren die Zeiten, als das Fernsehen, also das echte Fernsehen ARD und ZDF, seine Programme freiräumte, um WM-Spiele aus Prag, aus Helsinki, aus Stockholm live zu übertragen. Selbst die Drittelpausen wurden live gezeigt. Wenn die Eismaschine ganz langsam Bahn für Bahn zog. Und die sowjetischen Reisekader auf den Rängen ihre "Schaibu" intonierten.

Es war der Kalte Krieg, vielleicht war er nie so kalt wie Anfang der achtziger Jahre. Die Sowjets waren gerade in Afghanistan einmarschiert, und wer ihnen, egal in welcher Sportart, die Daumen hielt, war jedenfalls im stockkonservativen Paderborn gefährlich nah dem Kommunismus-Verdacht ausgesetzt. Auch das gefiel mir. In der Pubertät ist man gerne Opposition.

Und dann kam 1980. Exakter gesagt, der 22. Februar 1980, das Spiel in der Eishockey-Endrunde bei den Olympischen Winterspiele von Lake Placid. Von den Spielen sind mir drei Dinge erinnerlich: der Eisbart des Langlauf-Hünen Juha Mieto. Dann, wie Reporter Bruno Morawetz sein "Wo ist Behle?" in den Wald und in die Welt hineinseufzte. Und dieser 22. Februar. Das Miracle on Ice.

Die Außenseiter-Mannschaft der USA forderten die als unschlagbar geltende Sbornaja. Ich saß hoffnungsfroh vor dem Fernseher, um den nächsten großen UdSSR-Sieg zu bestaunen. Und dann geschah es. Die Angreifer vom Zentralen Armeesportclub ZSKA Moskau verzweifelten am US-Goalie Jim Craig, und auf der anderen Seite schoss US-Kapitän Mike Eruzione humorlos das Siegtor.

Acht Jahre nach der Schmach rehabilitiert

Die Sowjets waren geschlagen, und ihr ebenso geheimnisvoller wie mythischer Coach Viktor Tichonow stand ungläubig an der Bande. Er hatte nie viele Gefühlsregungen gezeigt, aber jetzt wirkte er wie erstarrt. Ihm ging es wie mir.

Es hat acht Jahre gedauert, bis Tichonow, Krutow und die anderen sich einigermaßen rehabilitiert fühlen konnten. 1988 waren die Olympischen Spiele wieder auf dem nordamerikanischen Kontinent, in Kanada, dem Mutterland des Eishockey. Und die Sbornaja tanzte wie in ihren besten Zeiten. Das 5:0 im Eispalast von Calgary gegen den Gastgeber war vielleicht das beste Eishockeyspiel, das ich in meinem Leben gesehen habe. So dominant war die Mannschaft danach nie mehr.

Am Donnerstag habe ich die neue Sbornaja gesehen. Die Helden von heute heißen Owechkin, Malkin und Kowaltschuk. Sie traten gegen das kleine Slowenien an. Sie gewannen zwar, kassierten aber zwei Treffer, weil ihre Verteidigung zu langsam war. Fetisow und Kasatonow wäre das nie passiert.

An diesem Nachmittag spielt die Sbornaja wieder gegen die USA (13.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Und an der Bande steht der Erbe Tichonows, sein alter Verteidiger Sinetula Chaidarowitsch Biljaletdinow. Ich sollte eigentlich unparteiisch sein.

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Toll,
vogelsberg 15.02.2014
ein Wessi,der was für den (sowjetischen) russischen Eishockey übrig hat. Die bessere Mannschaft war aber m. E. die Vorgängermannschaft der 70-er Jahre mit demdamaligen Supersturm Charlamow, Petrow und Jakuschew ( vielleicht war der auch in einer anderen Reihe) , Ansichtssache.Wenn die jetzige Mannschaft das Endspiel gewinnt, ist die Olympide für die Russen ein Erfolg.
2. Leider....
leos-amigo2 15.02.2014
Bin großer Eishockeyfan, und würde gerne der deutschen Mannschaft zu jubeln. Seit 1993 lebe ich in Deutschland, damals, kurz nach Zusammenschluß von DDR und BRD Mannschaften sah es noch gt aus, sogar 3. Platz war drin. Doch über die Jahre wurden die Deutschen immer und immer schlechter. Heute ein Wunder, wenn man sich überhaupt qualifiziert hat, schade. So muss ich wohl lebenslang "Schajbu!" rufen. Schade, daß es für Deutschland nur Fußball interessant ist, viele, früher Deutschlands erfolgreiche, Sportarten leiden darunter. Die Amis s machen wir heute fertig!!!
3. ich fand sie auch toll !!
jesse01 15.02.2014
das waren auch die helden meiner jugendzeit. man kann das schlecht erklären, warum gerade diese mannschaft des klassenfeindes so eine große anziehung ausübte ! es war eben dieses wunderschöne harmonische spiel ! meiner ansicht nach gab es danach nie wieder eine mannschaft, die das spiel so zelebrierte ! im eigenen land wird es aber nichts werden mit gold !! dazu ist die defensive zu schlecht ! der vorteil war eben auch, dass damals die spieler alle in russland blieben und bei nur 2 clubs spielten und damit natürlich immer eingespielt waren ! das war der schlüssel !!!! heute sind sie alle in der nhl, nicht eingespielt in diesem sinne, und deshalb wird es so eine dominanz nicht mehr geben !
4. Meine Erinnerungen ...
LapOfGods 15.02.2014
.... an diese tolle Mannschaft in den späten 70er und 80er sind ganz ähnlich. Tretjak, Kasatonow, Fetisow, die KLM-Reihe. Der Balte (!) Helmuts Balderis und einige andere. Dazu ihr Trainer & Charmebolzen Tichonow. Deren Namen haben sich bei mir tiefer eingebrannt wie mancher deutsche Fußballweltmeister. Ich glaube, das war und ist bis heute die beeindruckenste Mannschaft die überhaupt je ein Spielfeld in irgendeiner Sportart betreten hat. Eigentlich waren sie quasi immer perfekt und doch gab es da diese kleinen Momente, wo sie Nerven zeigten, wenn sie den Widerstand nicht brechen konnten. Dann konnten die Tschechen (WM 76, 77 & 85), die USA (Olympia 80) oder die Kanadier (Canada Cup 84) sie mal ausnahmsweise ärgern. Ab Mitte der 80er - als die Stars in die Jahre kamen - löste sich dann die mitunter dramatische Überlegenheit des sowjetischen Eishockeys langsam aber sicher auf, was natürlich für das internationale Eishockey ingesamt besser ist. Bis dahin gab es daber entweder (meistens) die große Demonstration ihres perfekten Eishockeys (so z.B. als sie die kanadischen Profis beim Canada Cup 1981 8:1 im Finale putzten) oder halt (ganz selten) die große Sensation, wenn sie mal verloren. Aber eine Show waren sie immer.
5.
anomie 15.02.2014
Zitat von vogelsbergein Wessi,der was für den (sowjetischen) russischen Eishockey übrig hat. Die bessere Mannschaft war aber m. E. die Vorgängermannschaft der 70-er Jahre mit demdamaligen Supersturm Charlamow, Petrow und Jakuschew ( vielleicht war der auch in einer anderen Reihe) , Ansichtssache.Wenn die jetzige Mannschaft das Endspiel gewinnt, ist die Olympide für die Russen ein Erfolg.
"Wessi"? Mann, wie schreiben das Jahr 2014.. Selig sind wohl auch die ewig Gestrigen. Und ja, es ist Ansichtssache. Zum Glück ist Ihre Ansicht nicht weiter gefragt. Wer weiß, was da noch Grausiges zum Vorschein käme.
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Eishockey in Sotschi: Stars on Ice

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Glossar: Eishockey in Sotschi
DPA
Männer: Zwölf Mannschaften treten an und werden anhand der Weltrangliste auf drei Gruppen à vier Teams verteilt. Nach der Vorrunde werden alle Teams entsprechend der Ergebnisse gesetzt. Die Gruppensieger sowie der beste Gruppenzweite sind automatisch für das Viertelfinale qualifiziert. Die acht weitere Mannschaften müssen in die Playoffs und ermitteln die weiteren Viertelfinalisten. Danach geht es im K.o.-System weiter.

Frauen: Die Mannschaften werden in der Vorrunde anhand der Weltrangliste in zwei Gruppen aufteilt. Die vier bestplatzierten Teams kommen in die Gruppe A, die anderen in Gruppe B. Der Sieger und Zweite der Gruppe A sind automatisch für das Halbfinale qualifiziert. Der Dritte und Vierte der Gruppe A ermitteln gegen die beiden ersten der Gruppe B die weiteren Teilnehmer der Vorschlussrunde.

Alle Eishockey-Olympiasieger der Männer
Jahr Ort Gold
2014 Sotschi Kanada (3:0 vs SWE)
2010 Vancouver Kanada (3:2 n.V. vs USA)
2006 Turin Schweden (3:2 vs FIN)
2002 Salt Lake City Kanada (5:2 vs USA)
1998 Nagano Tschechien (1:0 vs RUS)
1994 Lillehammer Schweden (3:2 n.P. vs CAN)
1992 Albertville Vereintes Team (3:1 vs CAN)
1988 Calgary Sowjetunion
1984 Sarajevo Sowjetunion
1980 Lake Placid USA
1976 Innsbruck Sowjetunion
1972 Sapporo Sowjetunion
1968 Grenoble Sowjetunion
1964 Innsbruck Sowjetunion
1960 Squaw Valley USA
1956 Cortina Sowjetunion
1952 Oslo Kanada
1948 St. Moritz Kanada
1936 Garmisch Großbritannien
1932 Lake Placid Kanada
1928 St. Moritz Kanada
1924 Chamonix Kanada
1920 Antwerpen Kanada (12:1 vs Schweden)

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