Deutsches Curling-Team Coole Hamburger Jungs

Sie sind die Exoten der deutschen Mannschaft: Das Team des Hamburger Curling-Clubs. Fünf Männer, die seit Jahren im Beruf stehen, haben sich ihren olympischen Traum erfüllt. Dass sie mehr sein wollen als Hobbysportler, mussten zum Auftakt die Top-Favoriten aus Kanada erleben.

DPA

Aus Sotschi berichtet


Als John Jahr und seine Jungs ins Olympische Dorf einzogen, hissten sie als Erstes die Hamburger Flagge im Fenster. Und verstießen damit gleich gegen die olympischen Regularien. Die Curling-Combo aus dem Norden wurde postwendend darauf hingewiesen, dass nur Nationalflaggen sichtbar sein dürfen. Hamburg grüßt jetzt im Zimmer von der Wand. "Was soll's? War eh nur ein Spaß", sagt Felix Schulze, der als einer von fünf Hanseaten das deutsche Curlingteam bei den Spielen in Sotschi vertritt.

Flagge zeigten die Hamburger Jungs anschließend aber auch bei ihrem ersten Wettkampfauftritt. Skip John Jahr führte sein Team gegen die hoch favorisierten Titelverteidiger aus Kanada zu einem ehrenvollen 8:11. Bis zum letzten Durchgang, der beim Curling End heißt, blieb die Partie offen, bevor die Kanadier mit ihrem überragenden Skip Brad Roberts die Sache letztlich doch für sich entschieden.

"Das war nicht so schlecht, wir waren immerhin auf Tuchfühlung", gab Jahr anschließend noch ein Beispiel für hanseatisches Understatement. "Wir haben ein paar Eisfehler gemacht, aber das ist normal am Anfang eines Turniers." Beeindruckt waren die deutschen Olympia-Novizen möglicherweise von der Lautstärke des Publikums, das die parallel spielenden Russen ebenso leidenschaftlich wie erfolglos anzufeuern versuchten. "Ich hab ja schon in vielen Hallen gespielt, aber so laut habe ich es noch nie erlebt", sagte Jahr. Die eigenen Kommandos seien zuweilen komplett vom Lärmteppich verschluckt worden.

Wiedereinstieg nach zehn Jahren Pause

Jahr wird im April 49 Jahre alt, er ist der mit gehörigem Abstand älteste deutsche Teilnehmer bei diesen Spielen, und vor ein paar Jahren hätte der Enkel des berühmten Hamburger Verlagsgründers John Jahr senior wahrscheinlich im Traum nicht daran gedacht, bei Olympischen Spielen dabei zu sein. Da kümmerte er sich eher darum, seine Geschäfte als Gesellschafter der Spielbanken in Hamburg und Wiesbaden voranzutreiben. Bis ihm das Nur-Geschäfte-Machen zu langweilig wurde und er seinen Jugendsport Curling wieder neu entdeckte.

Zehn Jahre lang hatte er kein Curling mehr gespielt, als er 2010 wieder einstieg und ein derartig schlagkräftiges Hamburger Team aufbaute, dass es sich sogar für die Spiele qualifizieren konnte. Jahr, der nicht nur Skip des Teams ist, sondern den man sich tatsächlich allerbestens als Skipper auf einem Schiff vorstellen könnte, musste nach seinem Wiedereinstieg in den Sport - in den achtziger Jahren war er schon mal Vizeweltmeister gewesen - Curling komplett neu lernen. "Der Sport hat sich vor allem taktisch dramatisch verändert. Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis ich nicht mehr wie der Ochs vorm Berge stand."

Auch wenn sie das selbst gar nicht gerne hören mögen - unter all den Bayern und Thüringern um sie herum sind die fünf Hamburger so etwas wie die Exoten in der deutschen Mannschaft. Was auch damit zusammenhängt, dass hier letztlich ein Team von Hobbysportlern den olympischen Traum gewagt hat. Ein millionenschwerer Immobilienkaufmann (Jahr), ein Anwalt (Schulze), ein Luft-und Raumfahrtingenieur (Peter Rickmers), ein Bankkaufmann (Sven Goldemann) und ein Textilkaufmann (Christopher Bartsch) vertreten Deutschlands Curlingteam.

"Wir sind nicht hier, um Ferien zu machen"

Den Eindruck jedoch, als mache hier eine Truppe gut verdienender Buddies einen ausgedehnten Betriebsausflug an die Schwarzmeerküste, wollen sie gar nicht erst im Ansatz aufkommen lassen. "Wir sind nicht hier, um Ferien zu machen", sagt Schulze. Man bereite sich hochprofessionell vor, ob es um Fitness oder Ernährung gehe. "Klar war Olympia ein Traum, aber wir wollen hier weiter träumen."

Dabei sein ist alles? Das interessiert sie als Slogan nicht. "Wenn wir noch ein bisschen weniger Fehler machen als gegen die Kanadier, können wir hier noch einiges bewegen", sagt Jahr. Der einzige Luxus, den er sich hier gönnt, ist die Zigarette nach dem Wettkampf. Er darf das.

Für Ferien wäre angesichts des engen Wettkampf-Programms ohnehin kein Platz. Trotzdem sieht der Skip das entspannt. Neun Partien über jeweils drei Stunden innerhalb von acht Tagen - "ach, das ist doch ein Spaziergang", sagt Jahr. Zweimal müssen er und seine Leute auch eine Doppelschicht an einem Tag fahren, morgens ein Spiel, nachmittags ein Spiel. Das ist dem Captain gerade recht: "Nur ein Spiel am Tag, das wird fast ein bisschen langweilig."

Und Langeweile - so etwas kommt im Leben von Johnny Jahr gar nicht gut an.



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
10prozentfett 11.02.2014
1. Tja,
Hamburger sind halt die coolsten ;-P
Illya_Kuryakin 11.02.2014
2. optional
Curling... Schönes Spiel so wie Boule oder Boccia. Aber olymipscher "Sport"? Grotesk! Aber Hauptsache bei den Sommerspielen fliegt das historische Ringen raus. Angeblich weil es keine Breite hat. Grotesker! Juan Antonio Samaranch war einst begeisterter Segler. Deshalb bleibt der Oberklassen-Millionario Sport "Segelbootchenfahren" olympisch! Am groteskesten! F*** IOC!
penthalon 11.02.2014
3. Supertruppe
Schön, dass es solche Olympioniken in der deutschen Mannschaft gibt. Für mich repräsentieren sie Deutschland am Besten und sie erfüllen sich ihren Kindheitstraum. Alles Gute und viel Erfolg.
cadaquesien 11.02.2014
4. optional
Schöne Geschichte. Aber der Autor übertreibt's ein bisschen mit Hamburg, Cool, Jungs, Buddies, Kaufmann, Captain, Skipper, Hanseaten et cetera. Ist ja schön, wenn jemand stolz auf seine Herkunft ist, und im Falle von Hamburg auch gut nachzuvollziehen, aber man kann's auch übertreiben.
gnitze 11.02.2014
5. Oh je, Olympia
...leider ist dem Beitrag von "optional" in jeder Hinsicht zuzustimmen. Grotesk. Ich warte im Sommer auf Frisbee, Boule, evtl. noch Minigolf... Ach ja, Darts wäre schön. Ist wie (Bogen-)Schießen, nur dass die Protagonisten deutlich schärfer aussehen ... da bleibt`s bestimmt nicht bei der "Immobilienkaufmann-Multimillionärskippe" nach dem "Wettkampf"... Wäre ja lustig, das alles. Wenn es am Ende nicht ausschließlich um Knete ginge...
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