IOC-Session in Pyeongchang Wer kritisiert, wird attackiert

Er gilt als eines der verdientesten IOC-Mitglieder - und Kritiker: Richard Pound hat vor dem Start der Winterspiele auf die Missstände im Weltverband hingewiesen. Die Vollversammlung reagierte mit Attacken und Selbstlob.

IOC-Präsident Thomas Bach (Mitte) und weitere Mitglieder
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IOC-Präsident Thomas Bach (Mitte) und weitere Mitglieder

Aus Pyeongchang berichtet


Im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) legt man traditionell großen Wert auf Etikette. So hat das dienstälteste IOC-Mitglied, Doyen genannt, auf Vollversammlungen stets das letzte Wort. Wenn sich der Doyen zu Wort meldet, auch nur räuspert, wird ihm Respekt entgegengebracht. Dann lauschen die Mitglieder der Weisheit des Alters. Normalerweise.

Beim korrupten brasilianischen IOC-Doyen João Havelange war das so. Auch bei Witali Smirnow: Der Russe, ehemals KGB-Agent und Architekt des sowjetischen Sportsystems, genoss diese Sonderstellung bis Vollendung seines 80. Lebensjahres. Seither gehört Smirnow, ein Vertrauter des IOC-Präsidenten Thomas Bach, zu den IOC-Ehrenmitgliedern.

Staatspräsident Wladimir Putin hat Smirnow mit der Führung einer Kommission beauftragt, die feststellen sollte, ob es in Russland ein Staatsdopingsystem gab. In Krisenzeiten wie diesen ist Smirnow noch immer ein Verbindungsmann von Moskau in die IOC-Zentrale nach Lausanne. Derzeit schreitet er entspannt durch die Lobby des IOC-Hotels im Alpensia-Resort von Pyeongchang, dort, wo die Olympischen Winterspiele am Freitag beginnen werden.

Als IOC-Doyen und Nachfolger von Smirnow fungiert nun ein Kollege, den die Russen als einen der Drahtzieher einer westlichen Verschwörung - Hintergrund sind die Enthüllungen zum russischen Dopingsystem (mehr dazu lesen Sie hier) - gegen sie ausgemacht haben. Richard Pound aus Kanada, der noch bis Ende 2022 diese Rolle einnimmt, bis er das IOC mit 80 Jahren verlassen muss, ist eines der verdientesten Mitglieder in der Geschichte des Olympiakonzerns.

Richard Pound (Archivfoto)
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Richard Pound (Archivfoto)

Er baute in den Achtzigerjahren das olympische Vermarktungssystem auf, sicherte dem IOC in den Neunzigern die ersten Milliardenverträge und rettete das Gremium zur Jahrtausendwende, als der Bestechungsskandal um Salt Lake City den Weltverband schwer unter Druck setzte. Danach formte Pound als Gründungspräsident die Welt-Anti-Dopingagentur Wada.

Am ersten Tag der 132. IOC-Session wurde etwa vier Stunden über Russland debattiert, stellten die von Bach einberufenen Kommissionen noch einmal ihre Arbeit vor, bis Bach schließlich, wie schon 2016 in Rio, die Vollversammlung aufforderte, die Beschlüsse des Exekutivkomitees zu unterstützen. Und Pound?

Pound skizzierte erneut die Ungereimtheiten und Fehler, die er der IOC-Führung zuschreibt. Whistleblower würden nicht geschützt, man habe achtzehn Monate verloren und stehe jetzt ähnlich schlecht da, wie vor den Sommerspielen 2016 in Rio. Damals hätten führende IOC-Mitglieder die Ermittlungsergebnisse von Richard McLaren (hier lesen Sie ein Interview mit dem Ex-Chefermittler) als Spekulation bezeichnet, bis sie Ende 2017 von zwei hausinterne Kommissionen bestätigt wurden.

"In weiten Teilen der Welt und unter den meisten Sportlern hat das IOC an Ansehen verloren", sagte Pound. Man habe es nicht geschafft, saubere Sportler und den olympischen Wettbewerb zu schützen. "Wir reden mehr, als das wir handeln. Unsere Taten müssen aber beweisen, dass wir meinen, was wir sagen."

Attacken gegen Kritiker Pound

Sofort meldeten sich Mitglieder zu Wort, die zu den treuesten Verbündeten von Bach zählen, und attackierten Pound. Allen voran der Argentinier Gerardo Werthein: Pound solle weniger mit Journalisten reden, sondern als Doyen öffentlich das IOC schützen, sagte Werthein. Wer ständig an die Presse gehe, respektiere die anderen Mitglieder nicht, der diskreditiere die Arbeit der Kommissionen. Pounds Kritik sei unfair, er müsse begreifen, dass im IOC Demokratie herrsche und nicht nur seine Meldung gelte. Viele andere Mitglieder stimmten Werthein in ähnlicher Schärfe zu.

IOC-Präsident Thomas bach
AFP

IOC-Präsident Thomas bach

Und was tat Bach? Er erzählte Pound und der Session, dass er am Vortag im Olympischen Dorf von einem kanadischen Sportler angesprochen wurde, der ihm die Hand drückte und sich für die konsequente Politik der IOC-Führung bedankte.

Pound war aufgebracht. Es sei erschreckend zu hören, er dürfe nicht mit der Presse reden und solle sich besser überhaupt nicht öffentlich äußern. Offenbar seien "Meinungen nicht erwünscht, die von den Beschlüssen des mächtigen Exekutivkomitees abweichen".

Einige Stunden später sagte Pound dem SPIEGEL: "Ich war wütend." Es sei erschreckend, wie Bach seine Gefolgsleute einsetze. "In Rio haben sie den Wada-Präsidenten Craig Reedie verbal vernichtet, diesmal mich. Das hat Methode." Vier Jahre hat Pound noch, bis er seinen 80. Geburtstag feiert und seine IOC-Mitgliedschaft endet. Bis dahin sind weiter kritische Worte von ihm zu erwarten.



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p-touch 06.02.2018
1. Olympia ist tot
Verspürt noch jemand denn olympischen Geist? So wie vor 20 - 30 Jahren, als man es kaum erwarten konnte das es los ging? Die Presse war schon Wochen voll mit Berichten, und heute? Wenn ich die Zeitung aufschlage, so gut wie nichts, wenn man nicht wüsste das am diesem WE die Spiele starten, man könnte es glatt verpassen. Es interessiert die Leute schlichtweg nicht mehr, in denn Augen der Bevölkerung sind die meisten Sportler gedopt und das IOC würde am liebsten das Thema totschweigen. Das IOC wird erst dann aufwachen wenn die Zuschauerzahlen massiv einbrechen und das Geld wegbleibt, oder sie nur noch in undemokratischen Ländern ihre Spiele ausrichten können, weil sich in allen anderen Ländern die Bevölkerungen dagegen ausspricht. Mir tun nur die echten Amateure leid, die viel Zeit, Geld und Energie aufwenden um wennigsten einmal bei denn Spielen teilnehmen zu können und deren Randsportarten oftmals nicht einmal in denn Medien erwähnt werden. Denn hier wird noch der echte olympische Geist gelebt. "Dabei sein ist alles!"
AntiMonetarist 07.02.2018
2.
Zitat von p-touchVerspürt noch jemand denn olympischen Geist? So wie vor 20 - 30 Jahren, als man es kaum erwarten konnte das es los ging? Die Presse war schon Wochen voll mit Berichten, und heute? Wenn ich die Zeitung aufschlage, so gut wie nichts, wenn man nicht wüsste das am diesem WE die Spiele starten, man könnte es glatt verpassen. Es interessiert die Leute schlichtweg nicht mehr, in denn Augen der Bevölkerung sind die meisten Sportler gedopt und das IOC würde am liebsten das Thema totschweigen. Das IOC wird erst dann aufwachen wenn die Zuschauerzahlen massiv einbrechen und das Geld wegbleibt, oder sie nur noch in undemokratischen Ländern ihre Spiele ausrichten können, weil sich in allen anderen Ländern die Bevölkerungen dagegen ausspricht. Mir tun nur die echten Amateure leid, die viel Zeit, Geld und Energie aufwenden um wennigsten einmal bei denn Spielen teilnehmen zu können und deren Randsportarten oftmals nicht einmal in denn Medien erwähnt werden. Denn hier wird noch der echte olympische Geist gelebt. "Dabei sein ist alles!"
Es gibt ja bereits alternative Olympische Spiele: World Games , Universiade University Games, Asian Games,World Combat Games,World Beach Games
jens20505 07.02.2018
3. Ich schließe mich ...
... p-touch unbedingt an. 20 Jahre zurück haben wir keinen Wettbewerb, auch egal ob Sommer- oder Winterspiele, ausgelassen. Heute bin ich eher gut unterhalten über das IOC bashing und das die Wada den Dopern ewig hinterher läuft. Was für eine Verschwendung von Ressourcen ....
spon-43u-88gr 07.02.2018
4. Beschämend...
Ich schäme mich einfach nur noch dafür, dass dieser IOC-Präsident ein Vertreter Deutschlands ist, der das IOC führt wie der Präsident einer Bananenrepublik und damit den Geist der olympischen Spiele weiterhin den Bach runtergehen lässt. Dies ist zugleich auch eine Standortbestimmung wie es hierzulande mit der Korruption, dem Filz und der persönlichen Vorteilsnahme in den Bereichen bestellt ist, in welchen Herr Bach tätig war/ist (Sportfunktionär, ... https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Bach). Der Sport und die Sportler an sich spielen dabei nur eine Statistenrolle. Respekt vor den Entscheidungen derjenigen Städte, die Olympia einen Korb gegeben haben! Nicht dass dieses bei den IOC-Oberen zum Nachdenken geführt hätte - allenfalls möglicherweise darüber, welche Stadt sich stattdessen zur Selbstbereicherung eignen könnte. Sportler werden als Vorbilder hochgehalten. Das Umfeld des Sports scheint davon ausgenommen zu sein, so wie es sich bei der Aufarbeitung und dem Umgang mit Doping, Bestechung oder konstruktiver Kritik mit Ruhm bekleckert. Es ist traurig und ich schließe mich den Vorkommentatoren an - früher war ich richtig heiß auf die olympischen Spiele, heute interessieren sie mich nicht mehr die Bohne. Hut ab und Respekt all denjenigen, die trotz des immensen Gegenwindes das Rückgrat haben und die Energie aufwenden dagegen anzugehen!
nadennmallos 07.02.2018
5. Bach ist ein Machtmensch, das ist bekannt. Und Olympia, bzw. saubere .
... Spiele, das gab's doch in den letzten Jahrzehnten noch nie. Zum Beispiel: Wenn Menschen 250 kg und mehr heben, dann geht das nicht ohne "Hilfsmittel", 100 m unter 10 sec? Normal ist "anders". Aber Olympia ist eben Geschäft und Bach, muss man ihm zugestehen, ein guter Manager. Aber wir müssen das ja nicht ansehen.
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