Paralympics-Star Schaffelhuber Sie will immer Gold

Bei den Paralympics 2010 in Vancouver war Anna Schaffelhuber noch das "Küken" der deutschen Mannschaft. In Sotschi ist die 21-jährige Studentin auf dem besten Weg, Star dieser Winterspiele zu werden. Zwei Goldmedaillen hat die Athletin bereits gewonnen - und für einen dramatischen Moment gesorgt.

Schaffelhuber: Schon zweimal Gold in Sotschi
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Schaffelhuber: Schon zweimal Gold in Sotschi


Hamburg - Friedhelm Julius Beucher hat es schon immer gewusst. Vor den Paralympics 2010 in Vancouver setzte sich der Präsident des Deutschen Behindertensportverbands persönlich dafür ein, dass die damals erst 17-jährige Anna Schaffelhuber einen Platz in der deutschen Mannschaft erhielt. "Die sollten wir mitnehmen, die hat Talent", sagte Beucher damals. Schaffelhuber enttäuschte ihren Förderer nicht und gewann Bronze im Super-G.

Bei den Paralympics in Sotschi ist das Talent von damals gerade dabei, zum absoluten Star der Spiele zu werden. In der Abfahrt und im Super-G hat die 21-Jährige bereits Gold gewonnen. Und das ist erst der Anfang. Fünfmal tritt Schaffelhuber in Sotschi insgesamt an.

Bei einem Fernsehauftritt kurz vor den Paralympics fragte der Moderator die Athletin, ob sie in allen Disziplinen, in denen sie antritt, Gold anpeile. Die Bayerin antwortete in der ihr typischen Art: "Grob formuliert ist das Ziel immer Gold. Ich bleibe locker und dann schau ma moi."

"Ich bin mir keiner Schuld bewusst"

Fünf Goldmedaillen werden es nicht mehr. Ausgerechnet in ihrer Lieblingsdisziplin, dem Slalom, wurde Schaffelhuber wegen eines Startfehlers disqualifiziert. Die amtierende Slalomweltmeisterin zeigte wenig Verständnis für die Entscheidung der Jury. "Ich bin mir keiner Schuld bewusst und habe nichts falsch gemacht", sagte sie nach ihrer Disqualifikation. Nach dem ersten Lauf hatte sie noch vorne gelegen.

Anna Schaffelhuber ist seit ihrer Geburt querschnittsgelähmt. Schon früh hat die 21-Jährige gelernt, ihre Krankheit nicht als Handicap zu betrachten. "Genau diese Dinge, über die man sagt, dass sie nicht beziehungsweise nur begrenzt möglich sind, reizen mich besonders", sagte sie einmal. Sie sei in gewissen Sachen zwar schon eingeschränkt, "aber auf der Piste kann ich alles genauso machen wie normale Fahrer".

Mit ihrem Erfolg möchte Schaffelhuber auch anderen Menschen mit Behinderung Mut machen. "Die Leute sollen sehen: So geht´s auch, wenn man seinen Weg machen will." Sie wolle zeigen, "dass ich sogar mehr zustande bringe als Leute, die normal leben".

Mit 18 Jahren dreimalige Weltmeisterin

In ihrer noch jungen Karriere hat die ehrgeizige Jurastudentin bereits einiges zustande gebracht. 2010 bekam sie nach ihrer starken Leistung in Vancouver vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler das Silberne Lorbeerblatt verliehen. 2011 gewann sie bei der Weltmeisterschaft dreimal Gold. Mit 18.

Vergangenes Jahr verteidigte sie ihren WM-Titel im Slalom und holte außerdem Silber im Super-G und jeweils Bronze in der Abfahrt und in der Super-Kombination. 2011 und 2013 wurde Schaffelhuber vom Deutschen Olympischen Sportbund zur Behindertensportlerin des Jahres gewählt.

Wenn alles wie geplant läuft, wird Schaffelhuber am Ende der Woche zwei weitere Goldmedaillen ihr Eigen nennen können. Eines steht bereits jetzt fest: Das "Küken" von Vancouver 2010 ist erwachsen geworden. "Anna ist erst bei ihren zweiten Paralympics - und trotz ihrer 21 Jahre überhaupt keine Zufallssiegerin", sagte ihr Entdecker Beucher in Sotschi. "Sie ist eine Botschafterin unseres Sports".

So schnell kann es gehen.

Bei den Winter-Paralympics gibt es 72 Entscheidungen. Es gehen Sportler mit unterschiedlichsten Behinderungen an den Start - Rollstuhlfahrer, Blinde und Armamputierte. Wie können sich Athleten mit so unterschiedlichen körperlichen Fähigkeiten messen? Die Einteilung im Überblick.
Ski alpin
Die Sportler werden entsprechend ihrer Klassifizierung in drei Gruppen eingeteilt - sitzend, stehend und sehbehindert. Zu den Sitzenden, die auf einem Monoski mit Sitz fahren, zählen die Sportler der Klassifizierungen von LW2 bis LW9 - also die mit Beeinträchtigung der Beine oder Arme oder aller Gliedmaßen. Die Stehenden sind Sportler der Klassifizierung LW10 bis LW12. Sie alle haben Beinbehinderungen. Bei den Sehbehinderten, die einen Begleitläufer haben, gibt es drei Klassen (B1 bis B3). Ausnahme sind die Snowboarder, bei denen es nur einen Stehend-Wettbewerb gibt (SB LL und SB UL).
Biathlon und Langlauf
Auch bei den nordischen Skidisziplinen gibt es die Gruppen sitzend (LW2 bis LW9), stehend (LW10 bis LW12) und sehbehindert (B1 bis B3). Hier wird ein kompliziertes Prozent-System genutzt, um die gewertete Zeit jedes Athleten zu berechnen. So ist es möglich, dass ein Sportler, der in der Loipe nicht der schnellste war, dennoch der Sieger ist. Dazu wird jedem Teilnehmer ein Wert zugewiesen, der sich nach dem Grad seiner Behinderung und seiner Klassifizierung ergibt. Auch hier haben die Sitzenden einen Monoski mit Sitz und die Sehbehinderten je nach Klassifizierung einen Begleitläufer. Beim Schießen im Biathlon peilen die Sportler mit beeinträchtigtem Sehvermögen die Zielscheiben mithilfe von akustischen Signalen an.
Sledge-Eishockey
An dieser spektakulären Sportart dürfen nur Athleten einer Schadensklasse teilnehmen. Die Spieler müssen eine Behinderung im unteren Teil ihres Körpers haben, also etwa Muskelschwächen an den Beinen. Auch Querschnittsgelähmte zählen dazu. Die Sportler sitzen auf einem Schlitten dicht über dem Eis und haben in beiden Händen einen Schläger.
Rollstuhl-Curling
Auch beim Curling dürfen nur Sportler teilnehmen, die schwere Behinderungen ihrer unteren Körperhälfte haben. Der Großteil der Athleten ist auf einen Rollstuhl angewiesen. In jedem Team muss mindestens eine Frau sein. Wischen ist beim Rollstuhl-Curling nicht erlaubt.



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