Anna Schaffelhuber unter Erfolgsdruck Schrei der Erleichterung

Mit 21 Jahren die Sensation von Sotschi, mit 25 das große Gold-Versprechen in Pyeongchang: Paralympionikin Anna Schaffelhuber hat ihren Weg gefunden, mit Druck umzugehen - und erkennt sich manchmal kaum wieder.

Anna Schaffelhuber
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Anna Schaffelhuber

Von Sabrina Knoll


Als sie die Bilder von sich sah, erkannte Anna Schaffelhuber sich selbst kaum wieder. Sie hatte gerade paralympisches Gold in der Abfahrt gewonnen - und schrie ihre Freude laut heraus, als die Medaillengewinner im Stadion präsentiert wurden. "Diese krassen Jubelposen, die gibt es von mir eigentlich nicht", sagte die Skirennfahrerin später.

Tatsächlich sieht man von der 25-Jährigen in solchen Momenten höchstens mal eine geballte Faust. Üblicherweise lächelt sie schlicht. Küsschen, winken, Hymne, auf die Medaille beißen. Schaffelhuber ist geübt darin. 29 Medaillen hat sie bei Winterspielen und Weltmeisterschaften bereits gewonnen, darunter achtmal paralympisches Gold. Doch dieser Sieg, der erste in Pyeongchang, der war anders: "Ein absoluter Befreiungsschlag."

Anna Schaffelhuber im Deutschen Haus
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Anna Schaffelhuber im Deutschen Haus

Anna Schaffelhuber ist von Geburt an querschnittgelähmt. Mit fünf Jahren tauschte sie zum ersten Mal den Rollstuhl gegen den Mono-Ski. Keine zehn Jahre später wurde Schaffelhuber in den Rennkader aufgenommen, mit 17 Jahren fuhr sie zu ihren ersten Paralympics. Dort, in Vancouver, gewann sie als Teenager überraschend Bronze im Super-G. Vier Jahre später wurde Schaffelhuber bei den Spielen in Sotschi mit Gold in allen fünf alpinen Disziplinen zur erfolgreichsten Athletin der Spiele.

Mit gerade 21 Jahren war sie plötzlich das "Golden Girl" der Paralympics, die Vorzeige-Athletin, "Anna Goldhuber". Schaffelhuber wurde zur Symbolfigur des Behindertensports, sie hetzte von Termin zu Termin: TV-Shows, Pressegespräche, Gala-Einladungen, Sponsoren-Events. Fünfmal wurde Schaffelhuber zu Deutschlands Behindertensportlerin des Jahres gewählt. 2015 ging der Paralympic Sport Award für die beste Behindertensportlerin der Welt an sie.

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Paralympics-Star Anna Schaffelhuber: Rennmaschine für die Perfektionistin

"Das war schon komisch", sagt Schaffelhuber rückblickend zu dem anhaltend hohen Interesse an ihrer Person. Irgendwann habe sie jedoch gemerkt, dass sie diese Aufmerksamkeit auch nutzen kann. Für sich, aber auch für die Anliegen von Athleten mit Behinderungen. "Immer, wenn ich irgendwo gewesen bin, dann war dort unser Sport präsent", sagt sie. Also habe sie versucht, alles in die 24 Stunden zu stopfen, die ihr täglich zur Verfügung standen: Training, Lehramtsstudium, Medien- und Sponsorentermine, soziale Projekte, Ruhephasen. "Es ist schwierig, allem gerecht zu werden", sagt Schaffelhuber und ergänzt: "Es waren vier sehr, sehr lange Jahre."

"Relativ egal, was der Rest von mir erwartet."

Je näher der Abflugtermin nach Südkorea rückte, desto stärker spürte sie die Erwartungen an "Gold-Anna", den Triumph von Sotschi zu wiederholen. "Da habe ich mir auch selbst ziemlich großen Druck gemacht", sagt sie. Ihre Siege schienen von der Außenwelt längst als gegeben wahrgenommen zu werden, ein erneuter Fünffach-Erfolg abgemachte Sache zu sein. "Dabei ist das für mich absolut kein Selbstläufer, für mich ist jedes Rennen ein Kampf."

Anna Schaffelhuber auf der Piste
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Anna Schaffelhuber auf der Piste

Schon in der Heimat hatte sich Schaffelhuber eine mentale Strategie zurechtgelegt, für all die Fragen, die sicher kommen würden. Vor allem aber für sich selbst. Immer wieder habe sie sich gesagt: Du hast diese Goldmedaillen schon alle zu Hause liegen, die Erlebnisse kann dir keiner mehr nehmen, du kannst alles riskieren, weil du nichts zu verlieren hast. "Aber der Druck und die Erwartungen waren gigantisch. Ich wollte einfach nochmal zeigen, dass ich es kann."

Das alles muss man wissen, um zu verstehen, warum die eigentlich so rationale Anna Schaffelhuber ihre Freude nach dem ersten Gold so herausgeschrien hat. Danach sagte sie: "Jetzt ist es mir relativ egal, was der Rest von mir erwartet." Es sollte noch Gold im Super-G, Silber in der alpinen Kombination und auch ein verkorkster Riesenslalom folgen. In der Nacht zu Sonntag tritt sie noch mal im Slalom an. Insgesamt fällt ihre Bilanz schon jetzt positiv aus: "Ich habe dem Druck standgehalten. Das macht mich glücklich."



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