Technik im Behindertensport "Es ist eine Materialschlacht"

Maßgeschneidert und teuer wie Kleinwagen: Viele Para-Sportgeräte sind komplexe Meisterstücke. In der Rennmaschine von Ski-alpin-Star Anna Schaffelhuber stecken 300 Stunden Arbeit.

Anna Schaffelhuber
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Anna Schaffelhuber

Von Sabrina Knoll


Es ist ein Puzzle aus 130 Teilen und Anna Schaffelhuber hätte keine Chance, es allein zu lösen. Vor gut zwei Wochen war es mal wieder soweit, der Mono-Ski der Alpin-Rennfahrerin wurde in seine Einzelteile zerlegt - die Generalüberholung stand an, pünktlich vor den am Freitag beginnenden Paralympischen Winterspielen in Pyeongchang. Zusammensetzen könnte Schaffelhuber ihn nicht wieder. "Dafür brauch ich den Braxi", sagt die 25-Jährige. "Der Braxi", das ist Ex-Profisportler Martin Braxenthaler, er hilft bei der Technik.

Schaffelhuber ist von Geburt an querschnittsgelähmt, zum Skifahren tauscht sie den Rollstuhl gegen den sogenannten Mono-Ski. Während aber Skier in Serie produziert werden können, sind die Anforderungen an den Mono-Ski so individuell wie die Einschränkungen der Sportler. Das Gerät muss die fehlenden Fähigkeiten kompensieren, damit der Athlet seine Stärken möglichst gut auf die Piste bringen kann.

Bereits 2011, ein Jahr nachdem Schaffelhuber als 17-Jährige überraschend Olympia-Bronze gewonnen hatte, hat sich die Nachwuchshoffnung für ihr perfektes Sportgerät mit Braxenthaler zusammengetan.

Braxenthaler hat zwischen 1998 und 2010 selbst zehn paralympische Goldmedaillen im Mono-Ski geholt. Aber der 45-Jährige ist auch gelernter KFZ-Mechaniker. Und als solcher hat er bereits seine damaligen Breitensportgeräte zu Spezialmaschinen umfunktioniert, hat sich seit jenen Tagen ein starkes Netzwerk aufgebaut, vom Karbonmacher, der eigentlich Rennwagen baut, bis hin zum Fahrwerkspezialisten mit Paris-Dakar-Erfahrung.

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Paralympics-Star Anna Schaffelhuber: Rennmaschine für die Perfektionistin

Auch der Mono-Ski von Schaffelhuber war mal ein Seriengerät. Davon ist jedoch lediglich die Bindungskonsole übriggeblieben. "Alles, was den Ski ausmacht - die Geometrie, der Rahmen, die Stoßdämpferelemente - habe ich individuell angepasst", sagt Braxenthaler.

Immer wieder hat er in seiner Werkstatt im oberbayerischen Traunstein an der für Schaffelhuber richtigen Mischung aus Halt und Spielraum, an der passenden Federung, der Sitzposition gewerkelt. 300 Arbeitsstunden stecken in dem individuell angefertigten Meisterstück. Seit der Sotschi-Saison, die für Schaffelhuber in fünf Goldmedaillen aus fünf Rennen ihren Höhepunkt fand, passt der Mono-Ski perfekt. "Wie ein Schuh, der sehr, sehr eng sitzt", sagt dessen Trägerin.

Schaffelhuber ist bei all der Erfahrung, die Braxenthaler mitbringt, vor allem froh, "dass wir dieselbe Sprache sprechen". Wenn sie beschreibt, wo der Schuh auf der Piste drückt, weiß er, welche Schraube zu fest sitzt. Er ist ihr Dolmetscher zwischen Gefühl und Mechanik.

Eskaus Schlitten kostet so viel wie ein Kleinwagen

Ähnlich aufwendig, individuell gefertigt und kostspielig sind auch die Schlitten für querschnittsgelähmte Biathleten. Das Sportgerät der sechsmaligen Paralympicssiegerin Andrea Eskau etwa kostet so viel wie ein Kleinwagen, entwickelt wurde es zusammen mit Toyota Motorsport. "Es ist schon eine Art Materialschlacht", sagt die Fahnenträgerin der deutschen Mannschaft. Irgendwann komme man mit Training nicht weiter, dann müsse auch die Technik angepasst werden: "Mit entsprechendem Sportgerät bist du wettbewerbsfähig. Ohne nicht."

An diesen Beispielen zeigt sich die Professionalisierung des Behindertensports. Es zeigt auch, dass der Sport selbst eine andere Wahrnehmung erfährt. Die Athleten haben es geschafft, ihre sportlichen Leistungen in den Vordergrund zu rücken, nicht das, was sie nicht können. Eine beeindruckende Entwicklung für die Sportler. "Ich konnte staunend zuschauen und am eigenen Leib erfahren, wie stark die Wertschätzung gestiegen ist", sagt die 46 Jahre alte Eskau vor ihren mittlerweile sechsten Paralympics.

Kluft zwischen Spitzensportlern mit und ohne Behinderung weiterhin groß

Gleichzeitig zeigen jene Beispiele auch, dass Sportler mit Behinderungen nach wie vor verhältnismäßig mehr investieren müssen. Zwar erhalten sie seit zwei Jahren die gleichen Prämien wie olympische Medaillengewinner. Darüber hinaus ist die Kluft zwischen dem Spitzensport der Menschen mit Behinderung und dem Spitzensport ohne Behinderung weiterhin groß. So gibt es im Parasport kaum hauptamtliche Trainer, Guides für blinde Athleten stellen ihre zahlreichen Trainingsstunden ehrenamtlich zur Verfügung.

Sportler wie Schaffelhuber und Eskau trainieren nicht selten vier Stunden täglich, neben Vollzeitstelle, Ausbildung oder Studium. Eine Aufnahme in die Sportfördergruppe der Bundeswehr, die vielen nichtbehinderten Spitzensportlern etwas Luft verschafft, ist für sie nicht möglich. Zwar erhalten mit Schaffelhuber, Andrea Rothfuss und Anna-Lena Forster drei Wintersportlerinnen dank einer Kooperation mit drei Bundesministerien seit vergangenem Jahr bis zu 2500 Euro monatlich. Doch das betrifft eben nur die Elite. Schon das sogenannte Top-Team Pyeongchang, also jene sieben Sportler mit Medaillenchancen für die Winterspiele, kann nur noch auf 500 Euro im Monat vom Verband bauen.

Schaffelhuber ist froh, dass sich der Parasport so sehr professionalisiert hat. Und, dass sie sich diese Entwicklung nun auch leisten kann. "Das war extrem wichtig", sagt sie. So wichtig, wie die Unterstützung von Martin Braxenthaler. Der ist übrigens nicht mit nach Pyeongchang gereist. "Aber er hat mir alle Ersatzteile eingepackt, die man nur irgendwie brauchen könnte", sagt Schaffelhuber und lacht. Zusammenbauen muss sie die dann aber allein.



insgesamt 2 Beiträge
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Sibylle1969 09.03.2018
1.
Die behinderten Sportler vollbringen sicherlich tolle Leistungen, aber anschauen will ich die Paralympics eher nicht, weil ich die Wettkämpfe im Vergleich zu den *richtigen* Olympischen Winterspielen dann doch eher uninteressant finde.
DeniR 10.03.2018
2. Curling
ist schon toll, vor allem, wenn man die nichtbehinderten Sportler vor Augen hat. Ich habe es heute morgen geschaut und bin immer wieder fasziniert davon, zu welchen Leistungen Menschen in der Lage sind. Wünsche den Sportlern auf jeden Fall viel Spass und Erfolg!
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