Deutsche Paralympics-Athletin Haben Sie an Boykott gedacht, Frau Eskau?

Sie will Gold holen bei den Paralympics - trotz Kriegsgefahr an der Krim. Andrea Eskau ist 42 Jahre alt, Sotschi ist wohl ihre letzte Chance, ihren Traum zu verwirklichen. Hier spricht sie über den Zwiespalt, bei Spielen im Schatten der Krise anzutreten.

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Der schwarze Schwan soll ihr Glück bringen - und Gold: "Black Swan" heißt Andrea Eskaus Karbon-Schlitten, eine Spezialanfertigung, in der viel Rennsport-Know-how verbaut wurde.

Die 42 Jahre alte Eskau ist Diplompsychologin und arbeitet am Bundesinstitut für Sportwissenschaft in Bonn. Seit einem Fahrradunfall im Jahr 1998 ist sie querschnittsgelähmt, noch immer wird ihr Rücken von Titanstäben stabilisiert. Bei Paralympischen Sommerspielen gewann Eskau bereits zweimal Gold im Straßenrennen mit dem Handbike (2008 in Peking und 2012 in London) sowie die Goldmedaille im Einzelzeitfahren (2012 in London).

In Vancouver startete sie 2010 erstmals auch bei Paralympischen Winterspielen und gewann Bronze (Biathlon, 10 Kilometer) und Silber (Skilanglauf, 5 Kilometer klassisch). Ihre zweiten Winterspiele werden auch ihre letzten sein, so Eskau. In Sotschi startet sie erneut in Biathlon und Langlauf in insgesamt sieben Wettkämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Eskau, 500 Kilometer von Ihnen entfernt droht auf der Krim ein Krieg. Mit welchem Gefühl geht man da in die Paralympischen Winterspiele?

Eskau: Mit Bauchschmerzen. Vor allem nach dem vergangenen Wochenende, als sich die Lage zugespitzt hat. Jetzt sind wir alle gut in Sotschi angekommen, das Auswärtige Amt hatte uns auch nicht abgeraten. Das Gefühl ist dennoch nicht gut.

SPIEGEL ONLINE: Kann man die Bedenken verdrängen, oder beeinflussen sie die Vorbereitung auf die Wettkämpfe?

Eskau: Das können wir schon ausblenden. Man bewegt sich als Athlet bei solchen Spielen ja in einem eigenen Universum. Zudem hat die Krise auf der Krim hier keinerlei Medienpräsenz. Aber natürlich wissen wir, was dort passiert. Und bei dieser weltpolitischen Lage Spiele der Freude oder des Vergnügens abzuhalten, das ist schon recht schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie denn an Boykott gedacht, so wie Verena Bentele, die Behinderten-Beauftragte der Bundesregierung?

Eskau: Darüber nachgedacht habe ich, so wie die Mannschaftsleitung. Aber da die Sicherheit hier vor Ort gewährleistet ist, sind wir hergefahren. Ich hoffe jetzt natürlich, dass zumindest für den Zeitraum der Spiele die Lage dort nicht eskaliert. Und ich wollte aus einem einfachen Grund hier teilnehmen: Für mich ist Sotschi aufgrund meines fortgeschrittenen Alters die letzte Chance, Gold bei den Winter-Paralympics zu holen. Diese Chance will ich nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Einige Ihrer ärgsten Konkurrentinnen könnten die Spiele wegen der Krim-Krise boykottieren.

Eskau: Das stimmt, die Ukrainerinnen gehören zu den besten Biathletinnen. Wenn die abreisen, sinkt der sportliche Wert dieser Spiele enorm.

SPIEGEL ONLINE: Ihnen wäre es also lieber, sie blieben?

Eskau: Ja, klar. Ich will hier gegen die Besten zeigen, wie hart ich trainiert habe und wie ich mich verbessert habe. Das ukrainische Team tut mir einfach sehr leid, die haben alle Brüder und Schwestern, die vielleicht bald in der Heimat einen bewaffneten Konflikt erleben.

SPIEGEL ONLINE: Was macht denn die Klasse der Ukrainerinnen aus?

Eskau: Die sind, wie die Russinnen und Russen, sehr gute Schützen. Da haben diese beiden Länder die fundierteste Ausbildung von allen Mannschaften. Sie schießen sehr schnell und sehr präzise.

SPIEGEL ONLINE: Bei Ihnen hingegen war das Schießen die große Schwäche.

Eskau: Das stimmt, daran habe ich viel arbeiten müssen. Ich habe zwar präzise geschossen, aber viel zu lange gebraucht. Da sind mir alle weggelaufen. Inzwischen brauche ich für die fünf Scheiben etwa eine halbe Minute, früher brauchte ich doppelt so lange.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie trainiert?

Eskau: Ein Bekannter hat mir eine Halle zur Verfügung gestellt. Da kann ich mir meinen eigenen Schießstand aufbauen und trainieren. Durch meine Behinderung sind normale Schießstände für mich leider nicht nutzbar. Früher habe ich auch in meinem Wohnungsflur trainiert, aber das geht nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Ihrem Wohnungsflur geschossen?

Eskau: Naja, es ging eher um die grundlegenden Abläufe. Das muss ich heute nicht mehr trainieren.

SPIEGEL ONLINE: Zurück zu Ihren Fortschritten - reicht das für die Weltspitze und eine Medaille?

Eskau: Eine Goldmedaille bei Winter-Paralympics ist schon mein ganz großer Traum. Und wenn es gut läuft, kann ich auch in diesen Bereichen mitmischen. Allerdings kann ich beim Schießen nicht schneller werden als 30 Sekunden. Mehr lässt meine Behinderung nicht zu, das Aufrichten nimmt einfach viel Zeit in Anspruch. Außerdem denke ich mehr nach als die Konkurrenz.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Eskau: Die Läuferinnen aus der Ukraine und Russland schmeißen sich einfach hin und schießen los. Völlig emotionslos und mechanisch. Das sind fest einstudierte Bewegungsabläufe. Dadurch sind sie sehr schnell. Aber wenn die Bedingungen schlecht sind und zum Beispiel starker Wind herrscht, merken die erst bei der fünften Scheibe, dass sie die ersten vier nicht getroffen haben. Da bin ich anders.

SPIEGEL ONLINE: Also hoffen Sie in Sotschi auf schlechte Bedingungen?

Eskau: Entgegenkommen würde es mir. Aber bisher sieht es nicht danach aus. So schlecht die Lage auf der Krim ist, hier ist alles ruhig, selbst das Wetter.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
spontifexmaximus 07.03.2014
1. Ich, ich, ich...
Frau Eskau hat doch schon alles gewonnen was möglich ist. Die Athleten und Verantwortlichen Funktionäre hätten geschlossen die Chance nutzen und diese Spiele boykottieren müssen. Offenbar ist der Kommerz und das eigene Ego wichtiger, als die Politik dieses Kriegstreibers in Moskau. Ein weiteres Trauerspiel in den olympischen Annalen.
heidschnucke 07.03.2014
2. Wie schön,
Zitat von spontifexmaximusFrau Eskau hat doch schon alles gewonnen was möglich ist. Die Athleten und Verantwortlichen Funktionäre hätten geschlossen die Chance nutzen und diese Spiele boykottieren müssen. Offenbar ist der Kommerz und das eigene Ego wichtiger, als die Politik dieses Kriegstreibers in Moskau. Ein weiteres Trauerspiel in den olympischen Annalen.
dass wir immer wissen, wie andere sich zu verhalten haben. Das geht natürlich besonders gut, wenn man selbst nicht vor der Wahl steht.
mamacru 07.03.2014
3. Egomania
Ehrgeiz ist im Grunde ja was Gutes, aber diese übersteigerte Fixierung auf die eigene Person finde ich schon richtiggehend krankhaft.
jjcamera 07.03.2014
4. lympia, eine politische Veranstaltung?
Zitat von sysopGetty ImagesSie will Gold holen bei den Paralympics - trotz Kriegsgefahr an der Krim. Andrea Eskau ist 42 Jahre alt, Sotschi ist wohl ihre letzte Chance, ihren Traum zu verwirklichen. Hier spricht sie über den Zwiespalt, bei Spielen im Schatten der Krise anzutreten. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/paralympics-biathletin-ueber-ukraine-und-sotschi-boykott-a-957322.html
Was glauben Sie, wie viel Länder einen guten Grund haben, olympische Spiele in Deutschland zu boykottieren? Griechenland, Türkei, Russland, Kuba, Venezuela, Israel, usw... Ich wundere mich immer, wie viele Funktionäre zu so einer Veranstaltung mitreisen - mehr als Sportler üblicherweise.
jjcamera 07.03.2014
5. Was??
Zitat von mamacruEhrgeiz ist im Grunde ja was Gutes, aber diese übersteigerte Fixierung auf die eigene Person finde ich schon richtiggehend krankhaft.
Glauben Sie, ein Sportler hat Erfolg, wenn er sich nicht auf sich selbst fixiert? Das lernt man beim Training.
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