Paralympics-Begleitläufer Schlee "Ich ersetze Vivians Augen"

Die blinde Biathletin Vivian Hösch will bei den Paralympischen Winterspielen in Sotschi um Medaillen mitlaufen. An ihrer Seite wird ein Mann sein: Norman Willo Schlee. Im Interview spricht der Begleitläufer über die Konkurrenz aus Russland und Stürze im Tiefschnee.

Biathletin Hösch (r.), Schlee: Gemeinsam in Sotschi am Start
DBS

Biathletin Hösch (r.), Schlee: Gemeinsam in Sotschi am Start

Ein Interview von


Norman Willo Schlee, Jahrgang 1983, hat an der Universität Freiburg Sport und Englisch auf Lehramt studiert. In seiner Jugend war er selbst ambitionierter Langläufer, heute ist Schlee Begleitläufer der blinden Biathletin und Langläuferin Vivian Hösch (Jahrgang 1991, Startklasse B1). Ihre größten Erfolge sind bislang der Gewinn der Deutschen Meisterschaft im Biathlon und im Skatingsprint sowie ein erster Platz im Weltcup.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schlee, Sie reisen als Begleitläufer zu den Paralympics in Sotschi. Was genau ist Ihre Aufgabe?

Schlee: Ich bin dafür da, dass die Langläuferin und Biathletin Vivian Hösch sicher ins Ziel kommt. Sie ist blind, während des Wettkampfes ersetze ich ihre Augen. Ich mache die Strecke für sie sichtbar.

SPIEGEL ONLINE: Wie funktioniert das? Über Körperkontakt oder spezielle Signale?

Schlee: Ich laufe vorweg und rufe ihr bei jedem zweiten Schritt ein "Hopp" zu. Das heißt: Tempo halten, weiter geradeaus. Geht es in die Kurve, orientiere ich mich mit meinen Signalen am Ziffernblatt der Uhr, drei Uhr zum Beispiel bedeutet eine Rechtskurve von 90 Grad. Auch zur richtigen Technik oder zum Stockeinsatz gebe ich ihr Hinweise.

SPIEGEL ONLINE: Bei den Olympischen Winterspielen sah man bei den Langläufern und Biathleten ohne Behinderungen etliche Unfälle. Wie verhindern Sie, dass Vivian Hösch stürzt?

Schlee: Ich muss mich einerseits perfekt an ihren Rhythmus anpassen und andererseits immer einen Schritt voraus sein. Trotzdem lassen sich Stürze nicht verhindern, und dann wird es manchmal kompliziert. Einmal flog Vivian mit dem Kopf voran in den Tiefschnee und ich dachte, sie schafft es nicht allein raus. Also zog ich meine Ski aus - doch da stand sie schon wieder und wollte loslaufen. Ich war so überrumpelt, dass ich ihr zurief: "Lauf schon mal los!" Vivian kam nur ein paar Meter weit und landete wieder im Tiefschnee.

Fotostrecke

13  Bilder
Paralympische Winterspiele 2014: Das sind die deutschen Athleten

SPIEGEL ONLINE: Beinahe noch schwieriger als das Langlaufen erscheint das Schießen im Biathlon. Kommen die Befehle da auch von Ihnen?

Schlee: Nein. Die Biathleten haben Lasergewehre, die mit einem Kopfhörersystem verbunden sind. Wenn sie auf die Scheibe zielen, ertönt ein Signal. Das wird höher, je weiter sie in die Mitte zielen. Haben sie getroffen, leuchtet für uns Begleitläufer und die Wettkampfrichter eine grüne Lampe auf.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt extrem kniffelig. Was passiert, wenn es zum Beispiel stark windet?

Schlee: Um möglichst wenige Störfaktoren zu haben, schießen die sehbehinderten Biathleten nur im Liegen. Sonst hätten sie kaum eine Chance, die Scheibe zu finden. Aber sonst ist die Trefferquote beinahe wie bei nichtbehinderten Sportlern, es kommt ja auf die gleichen Dinge an: Schaffe ich es, Puls und Atmung zu kontrollieren? Vivian ist eine sehr gute Schützin.

SPIEGEL ONLINE: Sie und ihre Sportlerin bilden eine enge Einheit. Wie groß ist Ihr Anteil an Vivians Erfolgen?

Schlee: Sie sagt immer, ohne einen Begleitläufer könnte sie den Sport nicht machen. Aber Laufen und Schießen muss sie schon selbst. Und dafür ackert sie genau so wie eine Athletin ohne Behinderung.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Sie auch im Training immer dabei sein?

Schlee: Wenn möglich, schon. Je eingespielter ein Team ist, desto einfacher und sicherer ist es für den behinderten Sportler. Das bedeutet für mich, dass ich an sechs bis sieben Tagen pro Woche mindestens dreieinhalb Stunden Training habe. Mit Vivian arbeite ich schon seit sechs Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist das zeitlich für Sie möglich?

Schlee: Während des Studiums in Freiburg war das kein Problem, da kam ich schnell hoch auf den Feldberg. Als ich im Referendariat war, stieß ich an meine Grenzen, ich dachte daran, alles hinzuschmeißen. Aber dann hätte Vivian einen neuen Begleitläufer finden müssen. Unser großes Glück war es, dass sich im vergangenen Jahr die Sportförderung der Bundeswehr für Behindertensportler geöffnet hat. Ich bekam eine der dafür vorgesehenen Sportsoldatenstellen und zuletzt war es mein Job, Vivian bis zu den Paralympics zu begleiten. Das ist ein wichtiger Schritt hin zur Professionalisierung im Behindertensport, wie es sie in anderen Nationen bereits gibt.

SPIEGEL ONLINE: Wo werden Behindertensportler besonders gefördert?

Schlee: In der Ukraine oder in Russland schon lange. Dort ist auch die Konkurrenz am stärksten. Es war sehr wichtig, dass sich an unseren Strukturen etwas tut, sonst wären wir auf absehbare Zeit nicht mehr hinterhergekommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie schätzen Sie Ihre Chancen in Sotschi ein?

Schlee: Gar nicht so schlecht. Eine Medaille für uns beide wäre natürlich die Krönung, aber dafür muss viel zusammenpassen. Immerhin haben wir im Weltcup dieses Jahr schon einen dritten Platz gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die Pistenverhältnisse während der olympischen Wettbewerbe begutachtet?

Schlee: Na klar, ganz genau. Es sind schwierige Bedingungen in den Bergen von Krasnaja Poljana, und je wärmer es wird, desto anstrengender wird es für Vivian.

SPIEGEL ONLINE: Auch die politischen Umstände haben sich seit Ende der Spiele drastisch verschlechtert. Haben Sie im deutschen Team schon an einen Boykott gedacht?

Schlee: Nein, bislang nicht. Aber wir werden die aktuelle Situation natürlich aufmerksam beobachten. Es wäre unheimlich schade, wenn die Wettkämpfe darunter leiden würden. Für die meisten von uns sind es die ersten Paralympics, und dieser Traum soll in Erfüllung gehen.



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
katzekaterkarlo 06.03.2014
1. Viel Glück ...
... trotz Putin.
pittydoc 07.03.2014
2. paralympic biathlon
es ärgert schon wieder,daß der Bundes-Gauckler den Sportlern durch sein Fernbleiben den Sportlern den nötigen Respekt verweigert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.