Paralympics und Olympische Spiele Miteinander statt nacheinander

Die große Euphorie vorüber, viele Fans längst abgereist: In Pyeongchang werden die Paralympics eröffnet - zwei Wochen nach dem Ende der Olympischen Winterspiele. Dieses Modell sollte man abschaffen.

Paralympics in Pyeongchang
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Paralympics in Pyeongchang

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Der Bau des Olympiastadions von Pyeongchang hat knapp 90 Millionen Euro gekostet. Die Arena wird für insgesamt vier Veranstaltungen genutzt, die Eröffnungs- und Schlussfeier der Olympischen Winterspiele, sowie für dasselbe Prozedere bei den am Freitag startenden Paralympics. Danach wird das Stadion wieder abgerissen.

Ein Stadionbau für lediglich vier Anlässe, das ist schon irrsinnig genug. Und die Organisatoren hätten sich zwei davon sogar sparen können - dafür müssten sie nur die Olympischen Spiele und Paralympics endlich zusammenlegen.

Es mag gute Gründe dafür geben, warum die Paralympics ihre eigene Bühne bekommen, 14 Tage nach Ende der Olympischen Spiele. Die Wettkämpfe bekommen ihr eigenes Gewicht, die Öffentlichkeit sieht noch einmal gesondert hin, Sportler wie die deutschen Stars Anna Schaffelhuber und Andrea Eskau erhalten die verdiente Aufmerksamkeit.

Anja Wicker feiert gemeinsam mit Laura Dahlmeier

Dennoch: Um wie viel größer wäre die öffentliche Wahrnehmung, wenn die paralympischen Wettbewerbe parallel zu den olympischen Rennen oder als Teil des olympischen Programms ausgetragen würden? Welche Aufwertung wäre es, wenn Mono-Ski und Para-Snowboard gleichrangig neben dem Abfahrtslauf und der Eiskunstlaufkür stünden? Wenn die Erfolge von Anja Wicker und Georg Kreiter im Deutschen Haus genauso gefeiert würden wie die von Laura Dahlmeier und Eric Frenzel?

Stattdessen sind die meisten internationalen Zuschauer und Journalisten längst abgereist, wenn die paralympischen Athleten ihre Spiele beginnen. Auch wenn ARD und ZDF ihrem Sendeauftrag eifrig nachkommen: Welche Einschaltquoten hätten die Wettbewerbe, wenn sie als Teil der Olympischen Winterspiele wahrgenommen würden - selbst wenn sie es faktisch nicht sind, weil nicht das IOC, sondern das IPC, das Internationale Paralympische Komitee, die Spiele ausrichtet.

Der ganze Apparat wird wieder hochgefahren

So jedoch werden die Paralympics ihr Image nicht los, eine nachrangige Veranstaltung im Abgang der Olympischen Spiele zu sein, mit einer Melde- und Chronistenpflicht in den heimischen Medien, wenn die deutschen Athleten mal wieder eine Goldmedaille errungen haben, aber ohne das ganz große Feuer, das olympische Feuer. Dafür aber mit gewaltigem Aufwand, Tausende Volunteers dürfen noch einmal Dienst tun, der gesamte Winterspiele-Apparat wird dort noch einmal hochgefahren, wo der Ausrichter nach zwei Wochen Olympia an sich schon vollständig ermattet ist.

Organisatorisch wäre zweifellos auch die Zusammenlegung von Olympischen und Paralympischen Spielen eine Herausforderung. Die Winterspiele würden dadurch noch größer gemacht, es müssten noch mehr Wettbewerbe integriert werden. Aber auch das wäre machbar. Dafür dürften die olympischen Teilnehmer gern auf den einen oder anderen Teamwettbewerb aus ihrem aufgeblähten Programm verzichten.



insgesamt 10 Beiträge
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RalfHenrichs 09.03.2018
1. Blödsinn
Zum einen würden die Behinderten nicht gleichrangig sein sondern untergehen, weil sich die meisten Menschen eben eher weniger für sie interessieren. Andere Argumente nennt Ahrens selbst: die Organisationsprobleme (welche Teamwettbewerbe würde Ahrens denn konkret streichen wollen), die Platzprobleme (man braucht z.B. gleich zwei Eishallen für Eishockey oder wie sollte es sonst funktionieren? Nur halb so viele Mannschaften einladen?, man braucht auch z.B. deutlich mehr Unterkünfte, denn aktuell können die Behinderten ja die leeren Wohnungen der nicht-behinderten Sportler beziehen), das Veranstalterprobleme (wer ist z.B. für die Sicherheit zuständig: IPC oder IOC). Es gibt sicherlich noch deutlich mehr Gründe. Es ist halt einfach eine Schnapsidee.
widower+2 09.03.2018
2. Sehr gute Idee
Und sollte eine Zusammenlegung aus organisatorischen Gründen tatsächlich nicht möglich sein, kann man zumindest über eine Umstellung der Reihenfolge nachdenken. Nach zwei Wochen olympischer Spiele ist der geneigte Sportfan doch etwas sportmüde und möglicherweise nicht mehr uneingeschränkt bereit, sich auch noch die paralympischen Wettbewerbe anzuschauen. Mit den kleineren Paralympics könnte man auch die Organisationsstrukturen testen und etwaige Defizite bei den "größeren, normalen" Olympischen Spielen dann behoben haben.
lektra 09.03.2018
3. Grau ist alle schöne inklusive Theorie
Sie geht aber völlig am Wesenskern des Interesse für Leistungssport vorbei. Das zeigt sich schon an der Forderung nach gleichzeitigen olympischen und paralympischen Wettkämpfen, um die Beachtung von Presse und Öffentlichkeit von Wettbewerben mit hohem Zuschauerinteresse (Olympische Spiele) auf Wettbewerbe, die nur wenige interessieren (Paralympische Spiele), zu lenken. Ein Beispiel für den Versuch, Zuschauerinteresse umzuleiten, ist das DFB-Pokal-Endspiel der Männer und Frauen. Man wollte die große Aufmerksamkeit für das Spiel der Männer nutzen, um dem Spiel der Frauen mehr Öffentlichkeit zu verschaffen. Vielleicht ein Versuch der Wiedergutmachung, nachdem der Frauenfußball durch das bis in die 1970er Jahre reichende Verbot durch den DFB stark behindert worden war. Der Effekt war aber gegenteilig: Das demonstrative Desinteresse eines Großteils des Publikums für das "Vorspiel der Frauen" vor dem "eigentlichen Spiel" entwertete dieses Spitzenspiel der Frauen vollkommen. Erst als das Frauen-Pokalfinale seinen eigenen Ort und Termin hatte, bekam es auch eine eigenständige Wertigkeit. Die Verteilung des Interesses von Fans und Medien ist oft nicht gerecht. Viele tolle Sportarten und großartige Leistungen laufen unter dem Radar. Interesse kann man nicht erzwingen, man muss sie sich langsam erarbeiten. Vor einer großen Kulisse zu starten, die sich für den laufenden Wettbewerb nicht interessiert, kann deprimierend sein. Dann vielleicht doch besser Wettkämpfe mit weniger Presse und Zuschauern, die aber extra wegen der stattfindenden Wettkämpfe gekommen sind. Der Hinweis, dass die olympischen Teilnehmer "gern" zugunsten der paralympischen Wettbewerbe auf "den einen oder anderen Teamwettbewerb aus ihrem aufgeblähten Programm verzichten" können, zeigt eine gewisse Unkenntnis. Gerade bei den Paralympischen Spielen gibt es eine Vielzahl an Wettbewerben, weil die verschiedensten Schadensklassen ihren eigenen Wettbewerbe brauchen. Bei den Paralympics 2016 gab es 528 Wettbewerbe, bei den Olympischen Spielen dagegen nur 306 Wettbewerbe - dafür, dass Olympia ein "aufgeblähtes" Programm habe, dass zugunsten der Paralympics gestutzt werden könne, gibt es nicht so viele Argumente. Bei den Paralympics 2016 gab es zum Beispiel allein 16 Wettbewerbe im 100-m-Lauf der Männer (Schadensklassen T11-13, T33-38, T42, T44, T47, T51-54). Wer glaubt allen Ernstes, dass die Aufmerksamkeit für alle diese 16 Wettbewerbe über 100 m gleich hoch sein wird wie für den olympischen Wettbewerb von Usain Bolt und Justin Gatlin? Ein wenig beachtet würde wohl bei den Paralympics allein die Wettbewerbe, bei denen die Behinderung optimal durch Prothesen oder Sportgeräte ausgeglichen werden können, weil das das schnittig anzusehen ist. Das geht aber vollkommen am Gedanken der Paralympischen Spiele vorbei. Die angedachte Form des "Miteinander statt nacheinander" würde v.a. eine Auswirkung haben: Man würde wahrscheinlich noch mehr Schwierigkeiten haben, einen Austragungsort für die Spiele zu finden.
widower+2 09.03.2018
4. Ganz und gar nicht
Zitat von RalfHenrichsZum einen würden die Behinderten nicht gleichrangig sein sondern untergehen, weil sich die meisten Menschen eben eher weniger für sie interessieren. Andere Argumente nennt Ahrens selbst: die Organisationsprobleme (welche Teamwettbewerbe würde Ahrens denn konkret streichen wollen), die Platzprobleme (man braucht z.B. gleich zwei Eishallen für Eishockey oder wie sollte es sonst funktionieren? Nur halb so viele Mannschaften einladen?, man braucht auch z.B. deutlich mehr Unterkünfte, denn aktuell können die Behinderten ja die leeren Wohnungen der nicht-behinderten Sportler beziehen), das Veranstalterprobleme (wer ist z.B. für die Sicherheit zuständig: IPC oder IOC). Es gibt sicherlich noch deutlich mehr Gründe. Es ist halt einfach eine Schnapsidee.
Dann würde im Rahmen einer dieser Olympiadauersendungen zu einer Entscheidung in einer paralympischen Sportart geschaltet und die meisten Zuschauer, deren Glotze ja schon läuft, würden sich das ansehen und im besten Fall spannend und faszinierend finden. Bei Paralympischen Spielen als "Standalone-Veranstaltung" muss man den Fernseher eben für diese erst extra einschalten. Die behinderten Sportler würden nicht untergehen, sondern enorm profitieren.
BettyB. 09.03.2018
5. Irgendwie bemerkenswert
Gemeinsam zur gleichen Zeit. Soll das die Abwesenheit der Sportjurnalisten von ihren Famileien verkürzen, was verständlich wäre, ober aber Berichte über die behinderten Sportler vermeiden? ber vielleicht ist Ahrens ja Optimierer und will zwei Ziele mit einem Artikel erreichen. Oder aber, nein, nachgedacht haben wird er wohl...
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