Pechstein-Prozess: "Der Fall wird Geschichte schreiben"

Von Peter Ahrens

Eisschnellläuferin Pechstein: Hofft auf Entschädigung in Millionenhöhe Zur Großansicht
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Eisschnellläuferin Pechstein: Hofft auf Entschädigung in Millionenhöhe

Eisschnelllaufstar Claudia Pechstein zieht gegen ihre Sportverbände vor Gericht. Bei dem Prozess will sie Schadensersatz in Millionenhöhe als Ausgleich für die zweijährige Dopingsperre erstreiten. Doch ihren Anwälten geht es um viel mehr: Sie wollen die Sportgerichtsbarkeit revolutionieren.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hat sich viel Mühe gegeben für diesen Vormittag: Die Arbeitnehmervertreter haben ein XXL-Banner produziert, auf dem groß der Spruch prangt: "Gerechtigkeit für Claudia Pechstein". Die Genannte, selbst Mitglied der Gewerkschaft, sitzt davor und hat sich für diesen Anlass gar ihre Uniform als Polizeihauptmeisterin angezogen. Eine Kluft, die sie sonst eher selten tragen dürfte. Vor der Presse sollen an diesem Donnerstag die Einzelheiten der Millionenklage erörtert werden, die die fünffache Olympiasiegerin im Eisschnelllauf vor das Landgericht München getragen hat.

Pechstein klagt gegen den Internationalen und den Deutschen Eisschnelllauf-Verband auf Schadensersatz und Schmerzensgeld für ihre zweijährige Dopingsperre von 2009 bis 2011. Sie hält ihre Unschuld mittlerweile für erwiesen und will dies auch gerichtlich dokumentiert wissen. Dabei geht es aber nun um viel mehr: Am Ende der am kommenden Mittwoch beginnenden Verhandlung könnten zwei Sportverbände finanziell ruiniert sein - und die Sportgerichtsbarkeit revolutioniert werden. Denn um nichts weniger geht es den Pechstein-Anwälten.

Thomas Summerer ist der Haupt-Rechtsbeistand der Sportlerin, und er hat Großes im Blick: "Wir greifen den Internationalen Sportgerichtshof Cas als Institution an, wir halten ihn für kein geeignetes Schiedsgericht", sagt der Münchner Anwalt schon vor Prozessbeginn und schiebt damit die Angriffslinie nach vorn. Im Prozess will er ein Urteil erzwingen, das es Sportlern künftig ermöglichen soll, auch zivilrechtlich in ihren Ländern gegen ein Urteil des Cas vorzugehen.

"In der Schweiz nicht gut aufgehoben"

So etwas ist bisher nur in der Schweiz möglich, wo der Cas ansässig ist. "Und die Schweiz mag beim Fremdenverkehr unseren Standards entsprechen, aber nicht in der Gerichtsbarkeit", so Summerer. In der Schweiz sei man "nicht gut aufgehoben, wenn man Gerechtigkeit will". Das sehe man ja daran, wie ungeschoren die der Korruption verdächtigen Herren des Weltfußballverbands Fifa davonkämen.

Summerer hat Erfahrungen mit solchen Fällen wie dem von Pechstein. Er hat 2001 für die ebenfalls wegen Dopings gesperrte Leichtathletin Kathrin Krabbe eine Entschädigung von 1,5 Millionen D-Mark vor Gericht herausgeholt. Der Prozess dauerte damals sieben Jahre, und Summerer kann sich durchaus vorstellen, dass es in der Causa Pechstein ähnlich lange dauern wird. "Der Fall Krabbe war schon schwierig, aber dieser Fall ist ungleich komplizierter."

Dabei ist die Verteidigungsstrategie klar: Pechstein behauptet, die bei Dopingkontrollen bei ihr festgestellte Erhöhung der Werte bei den jungen roten Blutkörperchen, den sogenannten Retikulozyten, sei Resultat einer Blutanomalie, die sie von ihrem Vater geerbt habe. Dafür hat sie mittlerweile zahlreiche Gutachten eingeholt, die ihre Version bestätigen. Selbst die damals von der Internationalen Eislauf-Union ISU eingeholten Experten Giuseppe D'Onofrio und Pierre Edouard Sottas hätten mittlerweile diese Möglichkeit zumindest eingeräumt, so die Anwälte. Die ISU hält dagegen, der Fall sei mit dem Verhängen der Dopingsperre abgeschlossen.

Pechstein-Lager hat Unterschriftenliste organisiert

Pechstein, die sich derzeit auf die Olympischen Winterspiele in Sotschi im kommenden Februar vorbereitet, sieht das völlig anders. Sie habe Sponsoren durch die Dopingsperre verloren, ihr seien Prämien und Antrittsgelder entgangen, sie habe Unsummen für Anwälte aufgebracht - all das addiert sich aus ihrer Sicht auf eine nicht näher genannte einstellige Millionensumme, die sie von der ISU und dem deutschen Verband, der DESG, wiederhaben will. Dass beide Verbände finanziell nicht in der Lage sein dürften, eine solche Summe zu stemmen, und deren Existenz damit durchaus auf dem Spiel stehen könnte, ist ihr relativ gleich: "Ich mache mir erst einmal Gedanken um meine Person als über die finanziellen Verhältnisse dieser Verbände."

Um im Vorfeld des Prozesses den Druck auf die ISU zu erhöhen, hat das Pechstein-Management in dieser Woche der "Sport Bild" einen Brief lanciert, in der Sportler und Funktionäre ihre Unterstützung für die Deutsche signalisieren. "100 Stars kämpfen für Pechstein" hat das Blatt getitelt. Zu den Unterzeichnern gehört auch der Präsident des DESG, Gerd Heinze. Der Verband hatte sich in der Affäre Pechstein schon früh weitgehend hinter die Athletin gestellt. Zu den Paradoxien dieses Falls gehört, dass jetzt auch er für die Pechstein entstandenen Schäden haften soll.

Noch ist gar nicht sicher, ob das Landgericht sich überhaupt für zuständig für diesen Fall erklären wird. Das muss zu Beginn der Verhandlung geklärt werden. Schließlich geht es um eine Angelegenheit, die bereits vor Schweizer Gerichten abschließend behandelt worden ist. Summerer ist sich dennoch jetzt schon sicher: "Dieser Fall wird Sportrechtsgeschichte schreiben."

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1.
pauschaltourist 19.09.2013
Ich gehe einen Schritt weiter und fühle mich mit dieser "Kollegin" in keiner Weise solidarisch, da ich die Sportförderprogramme der Landespolizeien (mir persönlich sind in Pleiteländern absurde Beispiele in zweistelliger Mann/Frau-Stärke bekannt) und des Bundes für pure Steuergeldverschwendung halte. Getoppt wird das sinnlose Planstellenverschwenden für fragwürdige sportlichen Pseudoprestige eigentlich nur von den Polizeimusikkorps. Ich bin mir sicher, 99% der Bürger dieses Landes würden anstatt dieser Musikanten und Schlittschuhläufer in Uniform lieber Streifenbeamte die Innenstädte sichern sehen.
2. Hoffentlich wird Recht gesprochen.
ole#frosch 19.09.2013
Einige Sportverbände scheinen in einer Parallelwelt agieren zu können, bei dem faire Gerichtsverhandlungen nicht vorgesehen sind. Dieses gilt es nun rechtstaatlich zu ändern.
3. Daumen drücken!
noalk 19.09.2013
Es war mir schon immer unverständlich, warum der Sport gewissermaßen - zumindest teilweise - ein rechtsfreier Raum ist, der nicht vor staatlichen Gerichten verhandelt wird. Warum die Verfahren in der Schweiz die Zuständigkeit eines deutschen Gerichts verhindern sollen, ist mir auch nicht verständlich. @alban #1: Warum verbaut CP anderen Menschen deren sportliche Karriere? Den Rechtsweg zu beschreiten, ist ein Menschenrecht, das jedem zusteht. Nach meiner Ansicht geht Ihr Argument vollkommen ins Leere.
4. natürlich wird
sitiwati 19.09.2013
wieder viel Gehässigkeit auf die Frau niederprasseln, siehe Kommentar "alban", so ziemlich alle SportlerInnen sind/waren bei der BW oder bei der Bereitschaftspolizei, andere, wie Bobbele haben sich gedrückt, mit dem Gehalt bei der Polizei hätte sie nicht mal ihre Schlittschuhe bezahlen können, das ARgument-auf Kosten des Staates-ist auch Schmarrn, der deutsche Staat hat schlieslich , nicht zu wenig, von ihren Siegen profitiert, einfach mal nachschaun, der Witz ist schon der, dass dieses Gericht, das sie verurteilt hat, in der CH campiert, noramlerweise hätte Frau Pechstein, als deutsche Staatsbürgerschaft, eine Verhandlung in D verdient, ja, hätte ihr sogar zugestanden, wenn man Charakter hat und für seine Sache kämpft wird das nun siehe "alban" als Eigennutz hingestellt, sehr merkwürdig, sicher hätte sie sagen können, wie manche das so machen, die kein Rückgrad haben, ja sorry, ich hab gedopt, man hätte sie gelobt und gestreichelt-Sünder werden in D geliebt, aber Aufrechte verfolgt, man kann das auch jetzt am Fall des Lehrers sehen, der 5 Jahre im Knast sass, wegen Vergewaltigung, hätte er einfcah gesagt, ja ich wars, wär er nach 3 jahre wieder draussengewesen , nichts wird von den Menschen weniger, als dass man ihnen eine Spiegel vorhällt !
5.
Zaunsfeld 19.09.2013
Zitat von pauschaltouristIch bin mir sicher, 99% der Bürger dieses Landes würden anstatt dieser Musikanten und Schlittschuhläufer in Uniform lieber Streifenbeamte die Innenstädte sichern sehen.
Kann ich bestätigen. Frage mich auch, warum in manchem Bundesland Dutzende Leute vor allem über Polizei-Planstellen bezahlt und versorgt werden, aber nie im Dienst sind, sondern nur ihrem Sport nachgehen ... und das auf Steuerzahlerkosten. Wenn es in der Karriere schlecht läuft, dann fallen sie automatisch zurück in ihre Beamtenlaufbahn und wenn es gut läuft, dann sieht man sie sowieso nie wieder im Polizeidienst. Bei uns im Landkreis mit großer Fläche ist an Wochenende sage und schreibe immer nur genau ein einziges Polizeiwagen im ganzen Landkreis im Einsatz. Wenn da wirklich mal etwas passiert, dann brauchen wie bei gutem Verkehr, 40 Minuten, um von einer Seite des Landkreises zum Notfall am anderen Ende des Landkreises zu kommen. DA bräuchte man mehr Planstellen und nicht irgendwelche Pseudoplanstellen, die von Berufssportlern besetzt werden, die nie Dienst tun.
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Claudia Pechstein: Laufen mit dem Doping-Stempel

Dopingsubstanzen und ihre Wirkung
Epo/HGH
Die Ausdauerleistung ist wesentlich davon abhängig, wie gut der Körper Sauerstoff aufnehmen kann. Das Hormon Erythropoetin (Epo) stimuliert die Produktion roter Blutkörperchen. Die erhöhte Anzahl der im Organismus zirkulierenden Erythrozyten verbessert die Kapazität des Blutes, Sauerstoff aufzunehmen und steigert damit Ausdauerleistungsfähigkeit.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet den Gebrauch von Epo seit langem. Seit 1983 ist es möglich, Epo synthetisch herzustellen. Entwickelt wurde es für Patienten mit schweren Nierenleiden, die an Blutarmut leiden.

Das Wachstumshormon HGH wird bei Kleinwüchsigkeit eingesetzt. HGH lässt nicht nur die Muskeln, sondern auch die Knochen wachsen, das führt zu langen Gliedmaßen, einem verformten Kopf und Riesenhänden. Zudem verändert sich die Struktur der Organe. (mit dpa)
Anabolika
Anabolika sind künstlich hergestellte Verwandte des männlichen Sexualhormons Testosteron. Diese Steroid- oder Wachstumshormone haben sowohl eine den Muskelaufbau fördernde (anabole) als auch eine vermännlichende (androgene) Wirkung. Anabolika können als Tabletten als auch injiziert werden. In Deutschland sind sie rezeptflichtig, werden aber nur selten zur Therapie beispielsweise von Schwächezuständen eingesetzt.

Illegal werden Anabolika parallel zu entsprechendem Training eingenommen, um den Aufbau von Muskelmasse zu fördern – also als Dopingmittel missbraucht. Bekannte Anabolika-Präparate sind unter anderen Nandrolon, Metandienon und Stanozolol.
Stimulanzien
Als Stimulanzien (lat. stimulare = "anregen") werden Substanzen bezeichnet, die anregend auf den Organismus wirken. Sie stimulieren die Aktivität des Zentralnervensystems. Als Aufputschmittel werden sie kurz vor oder während des Wettkampfs eingenommen. Sie steigern die motorische Aktivität, erhöhen die Risikobereitschaft und vertreiben die Müdigkeit, aber auch das Gespür für die natürliche Leistungsgrenze. Bekannteste Stimulanzien sind Amphetamine, Kokain, Ephedrin und Koffein (nur in hohen Mengen verboten).

Viele Stimulanzien können bei regelmäßigem Konsum abhängig machen. Bei Überdosierung drohen je nach Substanz Bluthochdruck, Herzrasen, Schweißausbrüche und Übelkeit. Nach mehreren Todesfällen im Sport, die auf die Einnahme von Stimulanzien zurückzuführen waren, wurden sie 1967 auf die Dopingliste gesetzt.
Narkotika
Betäubungs- und Schmerzmittel wie Morphine werden eingesetzt, um bei Höchstleistungen auftretende Schmerzen zu unterdrücken - beispielsweise bei einem Marathon. Die Medikamente machen abhängig, weitere Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Kreislauflähmungen. Von Radsportlern werde berichtet, dass diese auf den letzten Kilometern gerne Alkohol trinken, sagt Patrick Diel vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. "Das dämpft den Schmerz, liefert Energie und hebt die Stimmung."

Ebenso wie Amphetamine seien auch die meisten Narkotika leicht nachweisbar und würden deshalb eher selten im Spitzensport verwendet. Zudem handle es sich auch hierbei um eine "Wettkampf-Droge", die direkt beim jeweiligen Sportereignis eingenommen werden müsse. Entsprechend hoch sei die Gefahr der Entdeckung. (mit dpa)