Rodeln in Sotschi Angst im Eiskanal

Vier Jahre nach dem Tod des Rodlers Nodar Kumaritaschwili stürzen sich Athleten wieder in einen olympischen Eiskanal. Damit sich eine Tragödie wie 2010 nicht wiederholt, wurde die Bahn in Sotschi entschärft. Gefährlich schnell ist sie immer noch.

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Die Winterspiele von Vancouver 2010 waren noch nicht offiziell eröffnet, da war der Traum von heiteren Wettkämpfen schon geplatzt. Auf die denkbar grausamste Weise. Am Tag vor der Eröffnungsfeier starb Nodar Kumaritaschwili, ein junger georgischer Rodler, in Kurve 16 der Bahn von Whistler. Er war mit dem rasantesten Eiskanal der Welt überfordert, wurde aus der Kurve getragen, prallte gegen einen Betonpfeiler und erlag seinen Kopfverletzungen.

Ein toter Sportler, 21 Jahre jung. Etwas Schlimmeres kann Olympischen Spielen nicht passieren. Der damalige IOC-Präsident Jacques Rogge appellierte an den nächsten Olympia-Gastgeber Sotschi, nein, er flehte geradezu: "Bitte sorgt für eine sichere Bahn."

Der Eiskanal von Sotschi - eigentlich sollte er das Schnellste werden, das die Rodelwelt bisher gesehen hat. Aber nach dem Tod von Nodar Kumaritaschwili, nach dem Appell Rogges war das nicht mehr vermittelbar. Die Höchstgeschwindigkeit, die deutlich über der als kritisch geltenden Grenze von 140 Stundenkilometern gelegen hätte, wurde durch drei Aufwärtspassagen auf jetzt Tempo 136 gedrosselt. Was nicht heißt, dass es bei den Spielen nicht doch ein bisschen schneller wird - weil alle Teams mit ihrem ausgefeiltesten Material an den Start gehen werden.

"Es wird wieder sehr selektiv zugehen", sagt Deutschlands Starrodler Felix Loch nach den ersten Testfahrten vor Ort. Selektiv - das ist das schöner klingende Wort für gefährlich.

"Ich habe zum Glück weggeguckt"

Tatjana Hüfner, die 2010 in Whistler Gold für Deutschland im Einsitzer holte, hatte die Todesfahrt von Kumaritaschwili damals live am Fernsehen verfolgt. "Ich war im Kraftraum und habe schon während seiner Fahrt gedacht, dass das nicht gut ausgeht. Ich hab dann, kurz bevor es zum Unfall kam, weggeguckt. Zum Glück, sonst hätten mich die Bilder wohl nicht mehr losgelassen", sagte sie SPIEGEL ONLINE.

Die Eröffnungsfeier am Tag danach, eigentlich die Party für die Athleten schlechthin, blieb schal - "mir war nicht nach Eröffnung", sagt Hüfner. Bei all dem, "was dann auf uns Rodler eingeprasselt ist", habe sie nur noch versucht, "mich abzuschotten" und auf den Wettkampf zu konzentrieren.

"Ich hoffe inständig, dass sich so etwas nicht wiederholt, nicht in Sotschi und nicht anderswo auf der Welt", sagt Josef Fendt, der Präsident des Rodel-Weltverbands Fil. In Sotschi zumindest hält dies der Titelverteidiger bei den Männern, Loch, für undenkbar: "Die Bahn in Sotschi ist bei aller Schnelligkeit für jeden Athleten machbar, weil sie Fehler verzeiht. Man stürzt nicht gleich bei jedem Fehler."

Das war in Whistler noch anders, wo nicht nur die Rodler, sondern später auch die Bobschlitten dutzendweise zu Sturz kamen. Es waren Bilder, bei denen man wie Hüfner einfach nicht mehr hinsehen mochte. Es war ein kleines Wunder, dass nicht noch mehr passiert ist.

Die Untersuchung ergab: Niemand ist schuld

Eine kanadische Untersuchungskommission zum Tode Nodars stellte später nichtsdestotrotz fest, der Unfall sei eine "unvorhersehbare Verkettung unglücklicher Umstände" gewesen. Dass mehrere Teams schon vor Kumaritaschwilis Tod mehrfach und dringlich auf die Gefahren des Kanals von Whistler aufmerksam gemacht, aber kein Gehör gefunden hatten, floss in den Abschlussbericht nur am Rande ein. Schuld? Hatte laut Untersuchungsbericht keiner.

Die Bahn in Krasnaja Poljana oberhalb von Sotschi nennt Hüfner "sehr speziell, sehr anspruchsvoll", eine Bahn, die Respekt einflöße. Respekt, aber keine Angst, formuliert sie. "Angst darf man ohnehin nicht an sich heranlassen", sagt sie. Sie habe einmal, aber noch vor dem Unfall von Whistler, "ein Angstjahr gehabt, in dem ich zu viel überlegt habe, was mir im Eiskanal passieren kann". Sie sagt: "Das war kein gutes Jahr für mich."

Loch, der wie Hüfner seinen Titel verteidigen will, hat gesagt: "Es konnte einfach nicht immer mehr in die Richtung Höher-Schneller-Weiter gehen." Whistler war die Grenze, und man darf es den russischen Bahnbauern bei allem Gigantismus, den sie auch im Sanki Sliding Center ausgelebt haben, hoch anrechnen, dass sie der Versuchung widerstanden haben, noch mehr Spektakel in die Landschaft zu bauen.

Nach dem Tod Kumaritaschwilis hatte Rogge 2010 angeregt, in Georgien, der Heimat des 21-Jährigen, eine Rodelbahn zu bauen. Dort sollten junge Sportler von klein auf lernen, mit den Gefahren der Geschwindigkeit im Eiskanal professionell umzugehen. Eine Million Euro sollte das gemeinsame Projekt von IOC und georgischer Regierung kosten. Die Pläne liegen seit Jahren in der Schublade. Passiert ist nichts.

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kenno 04.02.2014
1. Massensport
Zitat von sysopDPAVier Jahre nach dem Tod des Rodlers Nodar Kumaritaschwili stürzen sich Athleten wieder in einen olympischen Eiskanal. Damit sich eine Tragödie wie 2010 nicht wiederholt, wurde die Bahn in Sotschi entschärft. Gefährlich schnell ist sie immer noch. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/rodeln-bahn-in-sotschi-nach-tod-von-kumaritaschwili-entschaerft-a-950934.html
Das ist natürlich tragisch, wenn ein Mensch bei so einem populären Sport stirbt. Synchronschwimmen ist sicherer hoffe ich.
ihawk 04.02.2014
2. Subtile Hetze
Ich bin mal gespannt wann die "Journalisten" auf Olympia umschalten und der Anti-Russland Propaganda den Rücken kehren. Tatsache bleibt, dass im Westen ein Untersuchungsbericht manipuliert wurde. Ein völlig ungesicherter Betonpfosten direkt neben der Bahn ist eben nicht eine Verkettung unglücklicher Umstände, sondern da wurde Geld gespart auf Kosten der Sicherheit ... wäre das "Opfer" ein Amerikaner gewesen, wäre der Untersuchungsbericht anders ausgefallen.
gandhiforever 04.02.2014
3. Gefaehrlich schnell
Zitat von sysopDPAVier Jahre nach dem Tod des Rodlers Nodar Kumaritaschwili stürzen sich Athleten wieder in einen olympischen Eiskanal. Damit sich eine Tragödie wie 2010 nicht wiederholt, wurde die Bahn in Sotschi entschärft. Gefährlich schnell ist sie immer noch. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/rodeln-bahn-in-sotschi-nach-tod-von-kumaritaschwili-entschaerft-a-950934.html
Jeder Sport, bei dem es auf die Geschwindigkeit ankommt, birgt Gefahren in sich, da ist es egal, ob es sich um ein Autorennen , einen Marathon oder einen Rodelwettbewerb handelt. Die sportliche Betreuung ist besser als frueher, ebenso die Rennautos. Und die Bobbahnen sind im Vergleich zu frueher (an die Naturbobbahnen gar nicht erst denken) so sicher geworden, dass selbst Leute aus Jamaika antreten koennen ohne permanent an den mitfahrenden Tod denken zu muessen. Sicher haette die Bahn in Kanada etwas anders gebaut sein koennen, aber man lernt aus Fehlern. Es ist eben nicht die Geschwindigkeit allein, die ein Risiko darstellt, denn auch am Schlitten/Bob koennte etwas brechen und boese Folgen haben. Mut braucht es dennoch, sich da herunterzustuerzen. Den braucht es aber auch am Hahnenkamm und bei Skirennen hat es bekanntlich auch schon etliche Tote und Schwerverletzte gegeben.
ukma 04.02.2014
4. Panikmache
Ein schöner Sport, bei dem quasi nichts passiert wenn man IM kanal bleibt. vor 4 Jahren war es wie beschrieben viele unglückliche umstände. und ein bisschen nervenkitzel schadet keinem sport. unfälle wird man nie vermeiden können allerdings deren Ausgang kann man entschärfen und ich denke dafür wird alles getan.
nemesis_01 04.02.2014
5. Wenn Schach Olympisch wäre
und da jemand zufällig an einem Herzinfarkt sterben würde, hätten wir dann auch eine Diskussion über gefährliche Bretter und Figuren? Nein. Also. Die Diskussion ist nonsens. Eine Eisbahn runter zu knallen ist kein Kindergeburtstag, die Sportler wissen das. Wer das macht, weiss worauf er sich einlässt. Das bei Olympia etwas passieren könnte, liegt in der Natur des Sports und macht einen Teil der Faszination aus. Und das mein ich jetzt nicht im negativen Sinne. Denn wenn alles immer glatt und gleichförmig verlaufen würde, wäre ein Wettkampf an sich ja wohl sinnfrei. Also einfach mal den Mund halten und der Dinge harren, die da kommen werden.
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