Russland und Olympia Dann machen wir eben unsere eigenen Spiele

Immerhin 169 russische Athleten dürfen in Pyeongchang antreten. Vielleicht werden es noch mehr, wichtige Urteile des Sportgerichtshofs CAS stehen an. Moskau windet sich in dem Dopingskandal - und nutzt ihn sogar für sich.

Olympische Ringe in Südkorea
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Olympische Ringe in Südkorea

Von , Moskau


Die Liste der eingeladenen Sportler war gerade veröffentlicht, da zählten die russischen Medien schon die möglichen Medaillen. Gerade einmal drei bis vier goldene seien bei den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang erreichbar. Insgesamt vielleicht 20 Medaillen.

Bei den Heim-Winterspielen vor vier Jahren hatten noch 13 Sportler eine goldene Medaille gewonnen, insgesamt standen 33 auf dem Treppchen - ein Rekord. Allerdings sind ihnen bereits vier goldene und acht weitere aberkannt worden - wegen Dopingvergehens. Diese Zahlen aber erwähnte das Kreml-nahe Massenblatt "Komsomolskaja Prawda" in seiner Aufzählung nicht.

Bei den russischen Prestigespielen in Sotschi profitierten viele Athleten von einem jahrelangen ausgeklügelten System, das Dopingkontrollen umging und Russland Siege bei Olympia sicherte: Regierung, Doping-Spezialisten, Geheimdienst und Sportler arbeiteten Hand in Hand. Das belegt der McLaren-Report der Wada und Untersuchungen des Internationalen Olympischen Komitees.

Viertgrößte Delegation

Dennoch verhängte es nach langem Hin und Her eine milde Strafe. Gerade einmal zweieinhalb Monate wurde Russlands Olympiaverband gesperrt. Russische Sportler dürfen trotzdem in Pyeongchang antreten - zwar ohne Flagge und Hymne, aber unter der Bezeichnung "Unabhängige Athleten aus Russland". Auch das Internationale Paralympische Komitee (IPC) lässt russische Athleten unter neutraler Flagge starten.

169 russische Sportler hat das IOC für den 9. bis 25. Februar eingeladen. Trotz Dopingskandals stellen sie damit die viertgrößte Delegation. In Russland sieht man das etwas anders: So eine kleine Mannschaft habe es seit 2006 nicht mehr gegeben, ächzt die Tageszeitung "Sportexpress". Von "schmutziger Politik", die gegen Russland arbeite, berichtet der Staatskanal Rossija 1.

Die Zahl der russischen Sportler, die nach Südkorea fahren, könnte noch steigen. Der internationalen Sportgerichtshof Cas in Lausanne hat angekündigt, seine Urteile im Fall der 39 gesperrten Athleten ab Dienstag verkünden zu wollen. Sie hatten Einspruch gegen ihren lebenslangen Olympia-Ausschluss eingelegt, den das IOC verhängt hatte. Es sind komplizierte Verfahren, jedem Sportler muss nachgewiesen werden, dass er von dem Doping-Betrugssystem wusste und beteiligt war.

Kronzeuge Rodtschenkow legt nach

Alexander Bessmertnych
Getty Images

Alexander Bessmertnych

Vielleicht erklärt das auch, warum Skilangläufer und Sotschi-Silbermedaillengewinner Alexander Bessmertnych sich am Telefon gegenüber dem SPIEGEL so zuversichtlich gibt: "Ich glaube, dass wir gute Chancen haben." Warum Grigorij Rodtschenkow, früher Chef des Moskauer Doping-Labors und damit Teil des jahrelangen Betrugs, inzwischen Kronzeuge in diesem Skandal, ihn beschuldige? Er wisse nicht, was Rodtschenkow dazu veranlasst habe, "warum er so wütend sei". "Ich habe nie Whisky getrunken", beteuert der Sportler. Rodtschenkow hatte ausgesagt, Steroide mit Alkohol, für die männlichen mit Whisky und die weiblichen Athleten in Sotschi mit Wermut, gemischt zu haben.

Im Verfahren in Lausanne wurde Rodtschenkow, das Gesicht verdeckt, zugeschaltet. Er lebt inzwischen in den USA, versteckt - aus Angst vor den russischen Behörden. Moskau bemüht sich, ihn nach Kräften zu diskreditieren. Präsident Wladimir Putin legte im Dezember gar nahe, das FBI verabreiche Rodtschenkow "Substanzen".

Doch der beschuldigte den Präsidenten am Montag noch einmal: "Putin wollte alles wissen", sagte er in der ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping". Rodtschenkow habe an den damaligen Vizesportminister Jurij Nagornych berichtet, dieser weiter an den Sportminister Witalij Mutko und der dann an Putin. Der Kreml hat dies umgehend zurückgewiesen. Dies sei "eine weitere Verleumdung, die auch nicht ein Körnchen Wahrheit in sich trägt", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Dienstagmorgen. Putin selbst bezeichnete Rodtschenkow laut der Nachrichtenagentur Tass gar als "Idioten", den man "ins Gefängnis stecken" müsste.

Grigorij Rodtschenkow
imago/ ZUMA Press/ Netflix

Grigorij Rodtschenkow

Sportler im Putin-Team

Das IOC hat bisher immer nur davon gesprochen, dass das Ministerium eingebunden gewesen sei. Zudem ist die Rede vom "systemischen" Doping - den Begriff "staatlich" vermeiden die Funktionäre. Das ist eine Vorlage für Putin, der unterstrich, dass die Kommission festgestellt habe, dass es in Russland kein Staatsdoping gegeben habe.

In Moskau verfährt man nun, da das russische Komitee wohl bereits zum Ende der Spiele in Südkorea zurück in die Olympische Familie darf, mehrgleisig.

In den staatlichen und Kreml-nahen Medien überwiegt nach wie vor die Empörung. Schon frühzeitig erwähnte Putin, die Entscheidung des IOC zu diesem Zeitpunkt, vor der Präsidentschaftswahl im März, sei kein Zufall. In seinem Unterstützer-Wahlteam hat er zahlreiche bekannte Sportler versammelt, auch Skilangläufer Alexander Legkow ist darunter. Er wurde lebenslang wegen Dopings gesperrt, auch er klagt dagegen. Für Samstag sind patriotische Märsche in Russland angekündigt, das Thema Olympia-Sperre soll dabei eine Rolle spielen.

"Internationaler Olympischer Killer"

Die Empörung nahm noch einmal zu, als bekannt wurde, dass unter den eingeladenen 169 Sportlern Stars und Medaillenhoffnungen wie Shorttrack-Legende Viktor Ahn oder Biathlon-Olympiasieger Anton Schipulin fehlen. "Internationaler Olympischer Killer" titelte der "Sportexpress" - und hob die ersten Buchstaben in Rot hervor, sie bilden auf Russisch die Abkürzung IOC. Auf der Titelseite des Blattes "Sowjetischer Sport" brannten gar die Olympischen Ringe.

Warum sie nicht als "saubere Athleten" antreten dürfen, ist nicht klar. Ahns und Schipulins Namen sollen bisher nie in diesem Zusammenhang gefallen sein. Die Sportler wandten sich in Briefen an das IOC. Klagen könnten sie aber erst, wenn sie schriftlich haben, dass sie nicht teilnehmen können, heißt es.

Der russische Sportminister Pawel Kolobkow hat derweil schon eine Alternative angekündigt - nach dem Motto, dann halten wir eben unsere eigenen Spiele ab. "Zweite Sotschi-Spiele" überschrieb die Zeitung "Iswestija" ihren Artikel. Nicht weniger als 500 Sportler, Dutzende russische Athleten, die nicht nach Südkorea fahren dürfen, und ausländische Athleten, sollen hier starten. Man sei an den Vorbereitungen. "Die Athleten sollten nicht ohne Praxis bleiben", so der Minister.

Tipps für die Fans

Im Kreml zeigt man sich gesprächsbereit: "Es ist wichtig, Wörter wie Boykott zu vermeiden", warb Präsidentensprecher Dimitrij Peskow. "Das Wichtigste ist, kühlen Kopf zu bewahren im Sinne unserer Athleten. Wir müssen ihre Rechte so gut wie möglich verteidigen und mit dem IOC reden." Eine Mehrheit der Russen ist ohnehin gegen einen Boykott. Das unabhängige Meinungsforschungsinstitut Lewada veröffentlichte gerade eine Umfrage, wonach 71 Prozent der Befragten dafür sind, dass die Athleten zu Olympia fahren.

In russischen Medien werden bereits Tipps gegeben, wie die Fans in Südkorea trotzdem die russischen Farben hochhalten können. Die Zeitung "Moskowskij Komsomolez" machte drauf aufmerksam, dass die slowenische Fahne wie die russische aus drei horizontalen Streifen besteht: oben weiß, in der Mitte blau und unten rot. Das slowenische Wappen am oberen Ende könne man leicht verdecken.

Mitarbeit: Katya Kuznetzova

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