Von Peter Ahrens
Es wird wieder ein Jahr ganz nach dem Geschmack der Spätstarter des Deutschen Ski-Verbandes. Die Langlauf-Weltcup-Saison beginnt zwar schon am kommenden Wochenende im schwedischen Gällivare, aber die deutschen Athleten, die fast traditionell ihre Bestform zum Saisonende konserviert haben, sind mit ihren Gedanken schon drei Monate weiter beim Höhepunkt des Winters. Ende Februar wird am Holmenkollen in Oslo, in der Kathedrale des nordischen Skisports, die Weltmeisterschaft ausgetragen. Gällivare ist da bestenfalls ein Warmlaufen.
"Wir machen uns keinen Stress. Unser Ziel ist die WM", sagt Bundestrainer Jochen Behle - dass seine Schützlinge erst zu Saisonschluss in Topform kommen, kennt er schon zur Genüge. In der Olympia-Saison vor einem Jahr schien am Anfang alles gegen die DSV-Läufer zu sprechen, die Läuferinnen brachen die Wettkampftour zwischenzeitlich sogar ab, weil man sich zu sehr neben der Spur zu bewegen schien.
Die Olympia-Bilanz von Vancouver am Ende: Viermal Silber, einmal Gold.
Ähnlich soll es auch in Oslo funktionieren, Topplatzierungen in Gällivare sind von daher nicht verboten, aber auch nicht fest eingeplant. Axel Teichmann, der bei den Olympischen Wettbewerben in Whistler Mountain zwei mal Silber gewann, braucht ohnehin in jeder Saison ein paar harte Rennen, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Nervös wird der 31-Jährige schon lange nicht mehr, wenn es am Anfang des Winters noch nicht so rund laufen sollte. "Momentan kann ich meine Form schwer einordnen", sagt Teichmann, und das sagt er eigentlich zu Beginn jeder Weltcup-Saison.
Teichmann und Angerer sind wie Ernie und Bert
Teichmann und Tobias Angerer - das ist auch in diesem Jahr wieder das Duo, auf das Behle seine Haupthoffnungen im Männerteam setzt. Der Thüringer und der Bayer - das ist im Langlauf fast schon so etwas wie Ernie und Bert für die Sesamstraße. Man kann sich gar nicht ausmalen, dass die beiden irgendwann nicht mehr für den DSV auf Medailllenjagd gehen sollten. Für Teichmann ist es der elfte Weltcup-Winter, für Angerer schon der 13.
Hinter den zwei Vorzeigeläufern sind mit Jens Filbrich und Tim Tscharnke zwei weitere Athleten im Feld, die stets in der Lage sind, ganz nach vorne ins Klassement hineinzustoßen. Mit den jungen Philipp Marschall, Thomas Bing und Hannes Dotzler steht der talentierte Nachwuchs auch schon bereit.
All dies im Blick hat der Cheftrainer. Behle ist seit den Olympia-Erfolgen noch unangreifbarer als vorher. Er ist ein streitbarer, eigenbrötlerischer, manchmal schwieriger Typ, nie darum verlegen, eine Auseinandersetzung einzugehen. Das trifft Funktionäre und Journalisten ebenso wie manche Athleten. Das war schon in seiner Zeit als Aktiver so. Mit dieser Art hat er es allerdings geschafft, Motivation und Konkurrenzkampf im Team Jahr für Jahr hochzuhalten. Vor Behle war der deutsche Langlauf gehobener Durchschnitt. Heute gehört der DSV zu den erfolgreichsten Verbänden.
Die Konkurrenz besteht aus den üblichen Verdächtigen
Die stärkste Konkurrenz kommt in diesem Jahr wieder aus Russland, Schweden und Norwegen. Der Weltcupsieger Peter Northug fehlt in Gällivare allerdings noch aus Verletzungsgründen. Bei den Frauen werden die Slowenin Petra Majdic und Polens Justyna Kowalczyk zu den Besten gezählt. Evi Sachenbacher-Stehle wird ihnen allerdings nicht kampflos die Loipe überlassen.
Evi Sachenbacher-Stehle zählt zu denen, die sich gerne und häufig mit Behle angelegt haben. Behle hat oft an seiner Topläuferin herumgekrittelt, sie damit aber auch immer wieder zu Bestleistungen bis hin zu Olympia-Gold im Teamsprint von Whistler angestachelt. "Im Moment verstehen wir uns super", sagt Sachenbacher-Stehle über ihr Verhältnis zum Trainer. Die Olympia-Erfolge seien im Moment Motivation genug, da brauche es nicht noch des Anschubs durch den Coach. Für Behle dürfte sich das schon wieder zu sehr nach Harmonie anhören. Das klingt so, als müsste er demnächst mal wieder laut werden.
Sachenbacher-Stehles Gold-Partnerin von Whistler wird der mächtige Cheftrainer nicht mehr triezen können. Claudia Nystad, erfolgreich auch unter ihrem Mädchennamen Künzel, hat dem Leistungssport adieu gesagt, sie wird vor allem in den Team-Wettbewerben der Frauen-Mannschaft fehlen. Zumal die junge Miriam Gössner, an sich auserkoren, mal so etwas wie die Nachfolgerin Nystads zu werden, sich eher dem Biathlon hingezogen fühlt. Gössner, die mit der Olympia-Staffel zu Silber lief, will es in diesem Winter wieder bei den Skijägerinnen versuchen. Und Behle wäre nicht Behle, wenn ihn das nicht fürchterlich aufregen würde. "Will sie auf der zweiten Ebene im Biathlon starten oder bei der ersten Garnitur der Langläufer dabei sein", fragt er provokativ, aber Gössner hat sich zumindest in diesem Winter fürs Biathlon entschieden.
Vor allem Nystads Antritt auf der Zielgeraden wird man beim DSV vermissen. Aber Behle ist keiner, der sich lange mit der Vergangenheit aufhält. Für ihn zählt in diesem Jahr nur der Holmenkollen. Im Februar werden die Spätstarter wieder zur Stelle sein.
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