Tournee-Sieger Schlierenzauer: Die Luftmacht

Von Nils Lehnebach und

Sich selbst bezeichnet Gregor Schlierenzauer als Diamanten - und er liegt richtig. Einen Tag vor seinem 23. Geburtstag verteidigte er den Titel bei der Tournee, der Österreicher bestimmt die Sportart nach Belieben. DSV-Trainer Werner Schuster nennt ihn bereits den "besten Springer aller Zeiten".

Skispringer Schlierenzauer: König von vier Schanzen Fotos
Getty Images

Hamburg/Bischofshofen - Gregor Schlierenzauer war kaum gelandet, da ballte er die Faust, einmal, zweimal, dreimal. Der Österreicher hatte gerade seinen letzten Sprung bei der Tournee gestanden, 137,5 Meter im zweiten Durchgang von Bischofshofen. Auch wenn er die Weite noch nicht wusste war er sich seines Triumphs schon sicher: Tagessieg und Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee, Schlierenzauer ist erneut der "König der Lüfte".

"Es ist unglaublich. Ich habe sechs Jahre gekämpft und jetzt gewinne ich das Scheißding gleich zwei Jahre hintereinander", sagte Schlierenzauer, der zuvor mehrfach gescheitert war, mal ganz knapp, mal ganz deutlich. Schon bei seinem Debüt 2006/2007 belegte er den zweiten Rang, 2010/2011 wurde er aber nur 36.

Nun aber holte er seinen zweiten Titel in Folge - auch weil er im Gegensatz zum Vorjahr eine neue Qualität zeigte: Nervenstärke. 2011/2012 hatte er die ersten beiden Springen gewonnen - und anschließend den Gesamtsieg souverän nach Hause gebracht. Doch diesmal kam es anders. Die überragenden Norweger sorgten zunächst für österreichische Tristesse. Anders Jacobsen gewann die ersten beiden Wettbewerbe und hatte vor dem Neujahrsspringen schon 12,5 Punkte Vorsprung. Schlierenzauer aber konnte noch einmal kontern, deklassierte seinen Konkurrenten in Innsbruck und setzte sich zwei Tage später die Krone auf.

"Unter extremem Druck reifen Diamanten", sagte ein sehr selbstbewusster Schlierenzauer. "Es war bis zum Schluss extrem spannend. Dieser Sieg ist unglaublich und kaum zu fassen. Es wird noch dauern, bis ich begriffen habe, dass ich die Tournee zum zweiten Mal gewonnen habe."Für die Österreicher war es nach zuvor Wolfgang Loitzl, Andreas Kofler und Thomas Morgenstern der fünfte Gesamtsieg in Folge - und dennoch war die Skisprung-Nation mit den Leistungen ihrer Athleten nicht zufrieden. Morgenstern und Kofler patzten schon in Oberstdorf, Loitzl in Garmisch. Dazu stürzte Manuel Fettner in der Qualifikation von Bischofshofen, so dass am Ende nur Schlierenzauer in die Top Ten kam.

Das Ergebnis schmerzte umso mehr, da das deutsche Team bis zum enttäuschenden Schlussspringen eine mannschaftlich gute Leistung zeigte und schließlich mit Michael Neumayer (Rang sechs), Andreas Wellinger (9), Martin Schmitt (10), Richard Freitag (11) und Severin Freund (13) gleich fünf Springer unter die besten 15 brachte.

"Der beste Springer aller Zeiten"

Allein der engagierte Auftritt von Stefan Kraft, der in Bischofshofen Dritter und zugleich zum "Mann des Tages" gewählt wurde, besänftige die Österreicher. Er und Schlierenzauer sorgten dann beim letzten Springen doch noch einmal für Ausnahmestimmung bei den ÖSV-Fans, etwa 20.000 hatten im Dauerregen von Bischofshofen ausgeharrt. Sie schwenkten ihre Fahnen, zündeten bengalische Feuer - und jubelten über "Schlieri".

Für den war es, einen Tag vor seinem 23. Geburtstag, sein bereits 45. Weltcup-Sieg - der Österreicher ist schon jetzt eine Skisprung-Legende. "Schlierenzauer setzt dem Skispringen seinen Stempel auf - möglicherweise noch über Jahrzehnte. Der Bursche ist grenzgenial", so Toni Innauer, Olympiasieger von 1980. Und Bundestrainer Werner Schuster sagte: "Schlierenzauer ist für mich jetzt eigentlich schon der beste Springer aller Zeiten. Er hat die fast schon unschlagbare Kombination aus Arbeitswille und Talent und ist ein Botschafter des Sports." Der österreichische DSV-Trainer kam nach dem letzten Springen richtig ins Schwärmen: "Viele haben Talent und wollen nicht arbeiten, manche arbeiten aber ihnen fehlt es am Talent. Bei ihm passt einfach alles. Vom Elternhaus angefangen, zum Umfeld, dazu wie ein Skispringer aussehen muss. Da passt einfach alles."

Schlierenzauer dominiert beim Skispringen wie einst Magdalena Neuner beim Biathlon, hat aber anders als die Deutsche noch nicht genug. Zwei Ziele treiben den Österreicher noch an: Einen Olympiasieg im Einzel, den er 2014 in Sotschi verwirklichen will. Und den Rekord an Weltcup-Erfolgen, den derzeit noch Matti Nykänen hält. Doch der Finne siegte in seiner gesamten Karriere nur einmal mehr als Schlierenzauer bis jetzt. "Das sind zwei große Fische. Das Geniale ist, dass ich noch sehr jung bin und keinen Zeitdruck habe", sagt er.

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1.
Stäffelesrutscher 06.01.2013
Zitat von sysopEr und Schlierenzauer sorgten dann beim letzten Springen doch noch einmal für Ausnahmestimmung bei den ÖSV-Fans, etwa 20.000 hatten im Dauerregen von Bischofshofen ausgeharrt. Sie schwenkten ihre Fahnen, zündeten bengalische Feuer - und jubelten über "Schlieri" Schlierenzauer gewinnt Vierschanzentournee - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/wintersport/schlierenzauer-gewinnt-vierschanzentournee-a-876020.html)
Sie zündeten was bitte? Sind die jetzt alle registriert in der Datei »Gewalttäter Sport«?
2. Das nervt.
horstma 06.01.2013
"Das Ergebnis schmerzte umso mehr, da das deutsche Team bis zum enttäuschenden Schlussspringen eine mannschaftlich gute Leistung zeigte und schließlich mit Michael Neumayer (Rang sechs), Andreas Wellinger (9), Martin Schmitt (10), Richard Freitag (11) und Severin Freund (13) gleich fünf Sprinter unter die besten 15 brachte." Mich nervt dieses ständige Gerede von x Deutschen unter den y Besten. Das hörte man früher nie, und es wurde beim Skispringen eingeführt, als es bergab ging und Siege und Podestplätze ausblieben. Abgesehen von den Mannschaftsspringen ist Skispringen keine Mannschaftssportart, und diese Formulierung ist ein Muster ohne Wert. Am Schluß zählt, wer ein Springen gewinnt, oder wer es wenigstens noch aufs "Treppchen" geschafft hat. Was nützen 5 Deutsche unter den ersten 13, wenn der Beste auf Platz 8 liegt? Garnichts. Also, liebe Journalisten und Kommentatoren, bitte hört mit dieser Phrase auf und sagt, was Sache ist: Die deutschen Springer erreichen unter Schuster bessere Platzierungen, aber wir haben weder einen Siegspringer noch einen Springer, bei dem ein Podestplatz zuverlässig drin ist. Und solange das so ist, kann man nicht zufrieden sein. D ist eine Skisprungnation und hat schon zuviel erreicht, um jetzt so kleine Brötchen zu backen. Und wieder 6 Deutsche unter den ersten 50... toll!
3. Sowas beim Fußball -
superM. 07.01.2013
"... Sie schwenkten ihre Fahnen, zündeten bengalische Feuer - und jubelten über..." - und wir hätten die nächste Sicherheitsdebatte. Eigenartig.
4. Doppelmoral
TwoSuns 07.01.2013
Zitat von StäffelesrutscherSie zündeten was bitte? Sind die jetzt alle registriert in der Datei »Gewalttäter Sport«?
Es gibt dazu einen hübschen Kommentar im Online-Teil der Rheinischen Post aus Düsseldorf [sic!]. Derselbe Moderator, der im mittlerweile schon legendären Match D'dorf gegen Berlin Todesangst hatte, findet Bengalos im Wintersport wohl nicht so schlimm. Kommentar zu Pyrotechnik beim Skispringen: Bemerkenswerte Doppelmoral (http://www.rp-online.de/sport/wintersport/vierschanzentournee/bemerkenswerte-doppelmoral-1.3124580)
5.
future-trunks 07.01.2013
Zitat von horstma"Das Ergebnis schmerzte umso mehr, da das deutsche Team bis zum enttäuschenden Schlussspringen eine mannschaftlich gute Leistung zeigte und schließlich mit Michael Neumayer (Rang sechs), Andreas Wellinger (9), Martin Schmitt (10), Richard Freitag (11) und Severin Freund (13) gleich fünf Sprinter unter die besten 15 brachte." Mich nervt dieses ständige Gerede von x Deutschen unter den y Besten. Das hörte man früher nie, und es wurde beim Skispringen eingeführt, als es bergab ging und Siege und Podestplätze ausblieben. Abgesehen von den Mannschaftsspringen ist Skispringen keine Mannschaftssportart, und diese Formulierung ist ein Muster ohne Wert. Am Schluß zählt, wer ein Springen gewinnt, oder wer es wenigstens noch aufs "Treppchen" geschafft hat. Was nützen 5 Deutsche unter den ersten 13, wenn der Beste auf Platz 8 liegt? Garnichts. Also, liebe Journalisten und Kommentatoren, bitte hört mit dieser Phrase auf und sagt, was Sache ist: Die deutschen Springer erreichen unter Schuster bessere Platzierungen, aber wir haben weder einen Siegspringer noch einen Springer, bei dem ein Podestplatz zuverlässig drin ist. Und solange das so ist, kann man nicht zufrieden sein. D ist eine Skisprungnation und hat schon zuviel erreicht, um jetzt so kleine Brötchen zu backen. Und wieder 6 Deutsche unter den ersten 50... toll!
bitte? freund hat diese saison schon 2 springen gewonnen. ich fürchte das nennt man siegspringer. außerdem belgt er immer noch den 2. platz in der weltcup gesamtwertung. und podestplätze zuverlässig belegt beim skispringe niemand. wenn übérhaupt dann noch am ehesten schlierenzauer. die zweitmeisten podestplätze in dieser saison hat übrigens freund. außerdem belegten noch wellinger zweimal und freitag einmal einen podestplatz und deuitschland gewann ein mannschaftsspringen. insgesamt steht man so guit da wie seit 10 jahren nicht mehr und das nicht nur in der breite sondern auch in der spitze, auch wenn das bei der torunee so nicht ganz gezeigt wurde. aber die tournee ist nicht alles
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Vierschanzentournee: Sieger seit 2000
Jahr Athlet
2014 Thomas Diethart (AUT)
2013 Gregor Schlierenzauer (AUT)
2012 Gregor Schlierenzauer (AUT)
2011 Thomas Morgenstern (AUT)
2010 Andreas Kofler (AUT)
2009 Wolfgang Loitzl (AUT)
2008 Janne Ahonen (FIN)
2007 Anders Jacobsen (NOR)
2006 J. Ahonen (FIN)/Jakub Janda (CZE)
2005 Janne Ahonen (FIN)
2004 Sigurd Pettersen (NOR)
2003 Janne Ahonen (FIN)
2002 Sven Hannawald (GER)
2001 Adam Malysz (POL)
2000 Andreas Widhölzel (AUT)

Vierschanzentournee: Rekordsieger
Athlet Land Siege
Janne Ahonen Finnland 5 (1999, 2003, 2005, 2006, 2008)
Jens Weißflog Deutschland 4 (1984, 1985, 1991, 1996)
Björn Wirkola Norwegen 3 (1967, 1968, 1969)
Helmut Recknagel Deutschland 3 (1958, 1959, 1961)
Jochen Danneberg Deutschland 2 (1976, 1977)
Veikko Kankkonen Finnland 2 (1964, 1966)
Matti Nykänen Finnland 2 (1983, 1988)
Andreas Goldberger Österreich 2 (1993, 1995)
Hubert Neuper Österreich 2 (1980, 1981)
Ernst Vettori Österreich 2 (1986, 1987)
Gregor Schlierenzauer Österreich 2 (2012, 2013)