Erster Sieg seit 39 Jahren Ein Deutscher? Die Streif? Wie ist das möglich?

Thomas Dreßen hat das berüchtigte Hahnenkammrennen gewonnen - als erster Deutscher seit Sepp Ferstl. Er selbst dachte, "die wollen mich verarschen". Eine Sensation? Nicht unbedingt.

Thomas Dreßen
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Thomas Dreßen


Thomas Dreßen genießt den Moment. Mit geschlossenen Augen lauscht er der deutschen Nationalhymne, die bei der Siegerehrung in Kitzbühel seit fast vier Jahrzehnen nicht mehr zu hören war. Kurz zuvor hatte er sich hineingestürzt in die Abfahrt in Kitzbühel - und konnte es selbst kaum glauben, als für ihn die schnellste Zeit zu Buche stand. "Die Stimmung war brutal. Als ich das zweite Mal auf das Zeiten-Tableau geschaut habe, habe ich dann auch gemerkt, warum", sagte der 24-Jährige, nachdem er seine Freude über diesen erfüllten Kindheitstraum in die Welt hinausgeschrien hatte.

"Sensation!", hießt es danach schnell. Ein Deutscher? Die Streif? Wie ist das möglich? Tatsächlich hatte auf der berüchtigten Strecke seit 39 Jahren und Sepp Ferstl kein Deutscher mehr ganz oben auf dem Podium gestanden.

Die Skiabfahrt in Kitzbühel gilt als eins der schwierigsten und gefährlichsten Rennen der Welt. Keine langgezogenen Kurven, kein flaches Gelände zum Start. beim Hahnenkammrennen geht es direkt steil bergab, kurz vorm Ende wartet ein extremer Zielsprung. Dazwischen: ein Höllenritt, der schon viele schwere Stürze zur Folge hatte.

"Ein denkwürdiger Tag für den deutschen Skisport"

Auch Dreßen war hier bei seinem ersten Auftritt im vergangenen Jahr gestürzt. In diesem Jahr hatte er es besser gemacht, war von Beginn an mutig über die enge und eisige Piste gefahren. Und belohnt worden. Einen "denkwürdiger Tag für den deutschen Skisport" nannte es Felix Neureuther: "Ich habe selten so eine Gänsehaut gehabt bei einem Rennen."

"Ich hab gedacht, die wollen mich veraschen", beschrieb Dreßen später jenem Moment, bevor ihm klar wurde, dass er seinen ersten Weltcup-Sieg tatsächlich auf der legendären Streif erfahren hatte. Ein Coup, mit dem auch die Erfolgsserie von Hahnenkamm-Rekordsieger Didier Cuche aus der Schweiz begann.

Denkwürdig also. Historisch. Aber eine Sensation? Es war vielmehr ein eindrucksvolles Zeichen dafür, dass die deutschen Skirennfahrer in den vergangenen Jahren vieles richtig gemacht haben. Vor allem, oder man möchte fast sagen: ausgerechnet in den Speed-Disziplinen, in denen die deutschen Männer jahrzehntelang hinterherfuhren.

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Ski-Sensation am Hahnenkamm: Der Ferstl-Erbe

Dass Deutschlands Abfahrer die Überraschung dieses olympischen Winters sind, hat viel mit der Verpflichtung von Cheftrainer Mathias Berthold zu tun. "Als er 2014 (..) die schon sehr gute Arbeit von Charly Weibel, dem Vater unseres Aufschwungs, übernommen hat und konsequent fortführte, kamen wir endgültig in die richtige Spur", sagte DSV-Sportdirektor Wolfgang Maier kürzlich im Gespräch mit dem SPIEGEL.

In den Jahren zuvor hatte der Österreicher bereits die Durststrecke der deutschen Damen nach den medaillenlosen Spielen 2006 beendet. 2010 in Vancouver fuhren Maria Höfl-Riesch zweimal und Viktoria Rebensburg einmal zum Sieg. Nach erfüllter Gold-Mission kehrte Berthold nach Österreich zurück - und verschaffte auch seiner Heimat nach der alpinen Nullnummer von Vancouver 2010 mit Matthias Mayer und Mario Matt zwei neue Olympiasieger.

Die Aufgabe in Deutschland schien deutlich schwieriger, warten die DSV-Alpinen doch seit Lillehammer 1994 und Doppelgold von Markus Wasmeier auf einen Olympiasieg. Und so rollten viele mit den Augen, als Berthold 2014 ankündigte, auch die Speed-Disziplinen, in denen sich für Sotschi nicht mal mehr ein Deutscher qualifiziert hatte, in die Weltspitze führen zu wollen. Slalom-Spezialist Felix Neureuther galt bis zu seinem Kreuzbandriss als einziger Medaillenkandidat für die Winterspiele in Pyeongchang.

Doch dann rasten die Speed-Fahrer aus dem Schatten der Techniker. In diesem Winter wurde Dreßen Dritter in Beaver Creak - sein erster Weltcup-Podestplatz überhaupt -, dann gewann Josef Ferstl, der Sohn des Kitzbühel-Siegers von 1978 und 1979, den Super-G in Gröden - und nun also Dreßens historischer Erfolg in der alpinen Königsdisziplin auf der Streif.

Dass Dreßen damit für seine ersten Olympia-Auftritt plötzlich mehr als ein Geheimfavorit ist, stört ihn nicht. "Ich bezeichne mich immer noch als Außenseiter. Ich bin noch relativ jung und habe noch nicht die Erfahrung", sagte der 24-Jährige, dessen Highlight bisher die WM-Teilnahme 2017 war. "Ich werde das genauso angehen wie jedes andere Rennen auch und einfach schauen, dass ich meine Leistung dann abrufen kann." Gelingt ihm das, könnte Dreßen tatsächlich noch weit kommen.

sak/dpa



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
breguet 20.01.2018
1. Gratuliere!
Man muss das nicht totquatschen, dass war phantastisch. Ich bin Ösi, aber das hat mich echt gefreut! Der hat das so toll gemacht, ich hätte nie damit gerechnet, dass da noch einer kommt der den Schweizer verjagt.
Barças Superstar 20.01.2018
2. Verdient
Balsam für den arg gebeutelteten DVS. 5 Kreuzbandrissen steht jetzt ein Sieg gegenüber.
baggi66 20.01.2018
3. Einfach
Herzlichen Glückwunsch an den Sieger.
diplpig 20.01.2018
4. Kann mal jemand einem Flachlandtiroler erklären
was offensichtlich der kleine aber entscheidende Unterschied ist, den der neue Trainer mitbringt?
baruntse 20.01.2018
5. Wetter
Da war auch Glück dabei. Ein paar Sonnenstrahlen und beste Sichtbedingungen.
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