Skispringer Freund bei der Tournee Freunds Patzer, Prevcs Power

Severin Freund ist im Rennen um den Sieg bei der Vierschanzentournee zurückgefallen. Beim Bergiselspringen erholte er sich von einem Sturz - und musste sich dennoch geschlagen geben. Weil sein Konkurrent einfach besser sprang.

Aus Innsbruck berichtet

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Der Lärm der Skisprungfans war nie so laut wie in dem Moment, als Severin Freund im Probedurchgang über den Vorbau flog. Die Höhe, das Tempo, die Position: Kaum ein anderer Springer kam bis dahin so vielversprechend über den Hügel, jeder im Rund erkannte das sofort. Freund landete bei 128 Metern, die beste Weite im gesamten Durchgang. Keine Sekunde später herrschte Stille.

Deutschlands derzeit bester Skispringer hatte beim Aufsprung die Kontrolle über seinen linken Ski verloren und kam zu Fall. Auf den Rängen war es still, kaum ein Zuschauer sprach ein Wort. Selbst der Stadionsprecher wusste nicht, was er sagen sollte. "Alles Gute, Severin. Wir wollen dich im Finale sehen", rief er, als Freund sich aufgerichtet hatte. Dann wurde es wieder laut im Stadion.

Freund kam tatsächlich ins Finale. Er erreichte Platz drei im ersten Durchgang und beendete das Springen auf dem zweiten Rang - hinter dem Sieger Peter Prevc aus Slowenien, der seine Führung in der Tourneewertung weiter ausbaute. 19,7 Punkte trennen die beiden Topfavoriten vor dem letzten Springen am Mittwoch in Bischofshofen (17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD), das sind in etwa elf Meter. Kaum möglich für Freund, aber nicht ausgeschlossen.

Es wird wieder einmal auf starke Nerven ankommen am Dreikönigstag. Der Zweikampf zwischen Freund und Prevc ist vom ersten Springen an auch ein psychologischer. Vor Innsbruck, der dritten von vier Tournee-Stationen, hatte Freund eigentlich die bessere mentale Verfassung gezeigt: Auftaktsieg in Oberstdorf, wo sein Konkurrent wackelte. Dann mit Platz drei die erste Podestplatzierung für ihn im ungeliebten Garmisch-Partenkirchen. Und nun die Schanze am Bergisel in Innsbruck, die dem Deutschen eigentlich gut liegt. Doch dann kam der Sturz.

"Freund ist dabei!"

Dabei geht es im Probedurchgang eigentlich um nichts. Die Springer bekommen letzte Erkenntnisse über die Schanze und erste über ihre Tagesform. Eingewöhnen, ein gutes Gefühl holen, eigentlich. Negative Erlebnisse vermeiden, nicht stürzen. Freund war nach seinem Sturz wieder einigermaßen schnell auf den Beinen. Recht stabil, wie sein relativ runder Gang aus dem Auslauf vermuten ließ. "Passt schon", sagte er zu den Betreuern. "Ich habe ein gutes Gefühl, dass der Severin im Wettkampf starten kann", sagte der Stadionsprecher über die Anlage. Eine Viertelstunde vor Wettkampfbeginn gab es die Durchsage: "Freund ist dabei!"

Aber wie würde er den Sturz verarbeiten? Die Antwort: durchwachsen. In der letzten Phase seines ersten Sprunges war Freund eine leichte Unsicherheit anzumerken. Am Ende fehlten ihm zweieinhalb Meter und 5,7 Punkte auf Prevc, den Überflieger der Skisprungszene. Den zweiten Versuch sprang Freund dann wieder souverän: 128 Meter, diesmal sauber gestanden. Doch es half nichts, denn Prevc sprang noch einmal vier Meter weiter.

Der Gesamtweltcupführende war an diesem Tag nicht zu schlagen. Zweimal hatte er schlechtere Bedingungen als Freund, zweimal sprang er besser und weiter. In dieser Verfassung ist ihm der Tourneesieg eigentlich nicht mehr zu nehmen. Prevc reist jetzt als Favorit nach Bischofshofen. Die dortige Paul-Außerleitner-Schanze ist die größte der vier Anlagen, dort sind die weitesten Sprünge möglich.

"Du kannst die Tournee in Innsbruck noch nicht gewinnen, aber du kannst sie verlieren", hatte der Stadionsprecher die Zuschauer vor Beginn des Probedurchgangs begrüßt. Wahrscheinlich hatte er recht.

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spiegelleser861 04.01.2016
1. tolle Leistung
Freund hat auch in Innsbruck eine tolle Leistung gezeigt. Aber Prevc war halt einfach besser, das muss man so neidlos anerkennen. So ist das halt im Sport. Jedenfalls ganz großen Respekt vor beiden!
Thorkh@n 04.01.2016
2. Wenn jemand ...
... nach so einem derben Sturz noch auf Rang zwei springt, ist das höher zu bewerten, als Platz 1 für einen nicht angeschlagenen Springer. Prevc war zweifelsfrei gestern der bessere Springer, aber die größere Leistung hat Severin Freund gebracht.
jstawl 04.01.2016
3. Respekt
Generell muss ich sagen, dass mir die Berichterstattung z.B. gestern im öffentlich-rechtlichen nicht gefallen hat, es schwang immer noch ein wenig Enttäuschung darüber mit, dass Freund nur 2. wurde und er eben wohl nicht um den Tourneesieg mitspringt. Wir sind jetzt ein Jahrzehnt lang nicht mal annähernd in so einer starken Verfassung bei der Tournee gewesen. Gestern waren vier Mann in den Top10, Freund wird vllt. bei allen Springen aufm Treppchen stehen. Das ist die beste Leistung der Deutschen seit Anfang der 00er Jahre. Immer wurde neidisch auf die Österreicher geschaut und die sind derzeit tief in der Krise (für ihre Verhältnisse). Skispringen ist ein Wellensport, es kann einmal total gut laufen in einer Saison und in der nächsten ist alles anders. Reine Psyche. Und Prevc muss man einfach attestieren, dass er derzeit in einer Ausnahmeform ist. Da kann man noch so gut sein, Prevc ist derzeit überragend drauf.
gladbach60freiburg 04.01.2016
4. Anerkennung
Der Freund steckte das weg, das dürfte ihn nicht oder nur wenig behindert haben. Jeder Profi muss das wegstecken. Anerkennung für seine starke Leistung danach. Anerkennung aber auch für PP, auch er musste seinen Probesprung wegstecken, jeder Profi muss das können, und er ist derzeit der Bessere. Skispringer sind generell risikobewusst, sie leben damit, sind den Deal damit eingegangen. Zu einem guten Wettkampf gehört auch das Davor und Danach: wie bin ich vorbereitet, wie verhalte ich mich nach dem letzten, wie vor dem nächsten Sprung, die Tage davor, die Tage danach, die gesamte Saison, die gesamte Vorbereitung. Der Tourneesieger ist derjenige, der just in diesen Tagen das beste Gesamtpaket hat. Das ist unbestritten Peter P.! Dem jungen Ma
spon-facebook-10000642859 04.01.2016
5. Bei....
der Vierschanzentournee gewinnt Nur der Springer, der in Ueberragender Form ist, Sportlich wie Mental! Und da Freund in einer Guten Form ist, aber Prevcs in einer Ueberragenden Form und das schon die Ganze Saison 2015/2016 wird es Nur einen Gewinner der Tournee 2015/2016 geben, naehmlich Peter Prevcs! Und dieser Prevcs ist erst 23 Jahre! Also noch ein Junger Spund! Aber er hat ein Riesentalent und ist ein Absolutes Ausnahme Talent! Diesen Prevcs kann man jetzt schon in eine Reihe mit den Ganz Grossen dieser Sportart stellen, mit einen Innauer, Nykaenen, Weisspflog, noch nicht mit so vielen Erfolgen, Aber mit seinen Einzigartigen Talent! Und ich bin mir sicher, das dieser Peter Prevcs neben den Tourneegewinn auch Alle anderen anstehenden Grossereignisse in diesen Winter gewinnen wird! Also die WM im Skifliegen am Kulm in zwei Wochen und ebenso den Gesamtweltcup 2015/2016! Freund hat eben dieses Jahr das Pech das Prevcs sich in einer Absoluten Ueberform befindet! Allerdings ist das keine Ueberraschung, wer in den letzten Jahren die Entwicklung von Prevcs verfolgt hat, fuer den ist das Absolut Keine Ueberraschung! Prevcs ist einer dieser Supertalente im Skispringen von denen es Nur Sehr Wenige gibt und vielleicht in 10 Jahren Eins! Das einzige was diesen Prevcs in seinen Siegeszug in den Naechsten Jahren stoppen koennte, waere die Eigene Selbstueberschaetzung oder aber eine Schwere Krankheit oder Sturz! Aber eine Krankheit oder einen Sturz wird wohl NIEMAND Irgeneinen Sportler wuenschen!! Und was eigentlich noch Unglaublicher ist, es gibt noch diesen juengeren Bruder Domen Prevcs! Der ist mit seinen 16 Jahren schon weiter, als es Peter Prevcs mit 16 war!
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