Skisprung-Altmeister Ammann Der Carbon-Revolutionär

Lange gehörte Skispringer Simon Ammann zur Weltspitze, sein letzter großer Erfolg ist jedoch Jahre her. In Pyeongchang könnte sich das ändern. Das hat nicht nur sportliche Gründe.

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Aus Pyeongchang berichtet


Der Start seiner sechsten Olympia-Teilnahme hat Simon Ammann Nerven gekostet. Auf der Normalschanze gehörte der Schweizer Skispringer am vergangenen Samstag zu den großen Opfern von Wind und Kälte: Kurz vor Mitternacht des ersten Wettkampftags sollte er springen, doch die Jury holte ihn fünfmal vom Balken herunter. Selbst die von Renndirektor Walter Hofer umgelegte Decke konnte Ammann weder wärmen noch trösten. "Ich wurde innerlich immer genervter, so am Limit bin ich noch nie gesprungen", sagte er nach dem Wettkampf.

Ammann beendete das Springen als Elfter. Kein schlechtes Resultat für einen 36-Jährigen, dessen letzter großer internationaler Erfolg eine Bronzemedaille bei der Ski-WM 2011 war. Nun, beim Springen auf der Großschanze (13.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) könnte er dennoch für eine Überraschung sorgen. Der Grund ist ein eigens entwickelter Carbonschuh, der auf der Normalschanze noch nicht zum Einsatz gekommen war und Ammanns Rückstand auf die Weltspitze verkürzen soll.

Die Olympia-Teilnahme hatte er zu "99 Prozent" ausgeschlossen

Die Karriere des Simon Ammann ist voller Höhen und Tiefen. 1997 gelang ihm in Oberstdorf auf Anhieb die Olympia-Qualifikation, da war er gerade 16 Jahre alt. In Nagano sprang er noch hinterher, 2002 in Salt Lake City wurde Ammann dann als Doppel-Olympiasieger und "Harry Potter des Skisprungs" bekannt. 2006 stürzte der Schweizer in Turin, um vier Jahre später in Vancouver erneut zwei Goldmedaillen zu gewinnen. In Sotschi 2014 ging er leer aus, stattdessen flossen Tränen. Ammann, das sind auch 23 Weltcupsiege, ein gespaltenes Verhältnis zur Vierschanzentournee und 2015 der schwere Sturz in Bischofshofen, als er blutüberströmt ins Krankenhaus eingeliefert wurde.

Es bleiben 20 Jahre Skispringen und sechs Olympia-Teilnahmen, womit er in der Schweiz alleiniger Rekordhalter im Wintersport ist. 2014 hatte Ammann eine Teilnahme an den Spielen in Südkorea zu "99 Prozent" ausgeschlossen, nun lässt er sich zu Peking 2022 keine Aussage entlocken, der Japaner Noriaki Kasai springt im Alter von 45 Jahren ja auch noch mit.

Begleitet wurde Ammanns Karriere von technischen Innovationen, mal halfen sie, mal nicht. 2010 wurde er auch Olympiasieger, weil er mit einem neuartigen, gekrümmten Bindungsstab nach Vancouver gereist war und die Konkurrenz sich beeindrucken ließ. Vor vier Jahren brachte er einen Innenschuh aus Carbon mit nach Sotschi, doch in Russland blieb wenig Zeit zur Eingewöhnung und so fehlte die Sicherheit in der Anlaufspur - am Ende wurden es die Plätze 17 und 23. Ammann gilt als Tüftler, als Perfektionist, der das Optimum aus dem Material herausholen will.

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Skispringer Simon Ammann: "Harry Potter der Lüfte"

Ammann hat zum zweiten Mal in seiner Karriere in Kooperation mit zwei Schweizer Firmen einen Sprungschuh aus Carbon entwickelt. Der Außenschuh aus einem Guss soll deutlich mehr Stabilität bei den Landungen bieten, gerade im hohen Weitenbereich. Für einen Springer wie Ammann, der zwar sehr ästhetisch springt, aber beim Telemark häufig Probleme hat, ein extrem wichtiges Kriterium.

Dass der Schuh in Pyeongchang nicht zum Einsatz gekommen war, lag an den Verhältnissen, an der fehlenden Konkurrenzfähigkeit auf der kleineren Schanze und am Wettlauf mit der Zeit. Tests im Training liefen zwar erfolgreich, aber im Wettkampf hat Ammann damit kaum Erfahrung. Es gab in der Vergangenheit immer wieder Versuche, das von vielen Springern bevorzugte Ledermodell eines deutschen Herstellers abzulösen, wirklich gelungen ist das bisher nicht.

Geht Ammann ins Risiko?

Ein Einsatz des neuen Schuhs auf der Großschanze ist trotzdem ein Risiko. Käme es, wie beispielsweise schon in der verpatzten Qualifikation in Garmisch-Partenkirchen Ende des vergangenen Jahres, zu Problemen beim Absprung, könnte für Ammann der Wettbewerb vorbei sein, ehe er begonnen hat. Der Schweizer Nationaltrainer Ronny Hornschuh glaubt grundsätzlich an die Carbon-Lösung: "Wir haben gesehen, wie gut der Schuh funktionieren kann."

Und es wäre für die Zukunft des Skispringens in der Schweiz sehr wichtig, wenn Ammann weit nach vorne, vielleicht sogar auf einen Medaillenplatz springen könnte. Für Pyeongchang war nicht daran zu denken, mit vier Springern eine Mannschaft zu bilden. Es fehlt schon jetzt an Nachwuchs und im Misserfolgsfall droht eine massive Kürzung der Sportförderung. Das lässt Ammanns Entscheidung über das Ende seiner Olympia-Karriere nicht leichter werden.



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Hirn gefragt? 17.02.2018
1. Ein großer Tüftler, aber ...
.. stilistisch miserabel, was seine Landungen betrifft. Wenn er gewonnen hat, ging es fast immer rein über die Weite - vermutlich auch durch lobenswerte Neuerungen verursacht. Zu einem kompletten großen Skispringer gehören für mich aber auch die Landungen. Ammann und Telemark-Landung beißen sich, meist plumpst er bei großen Weiten wie ein nasser Sack auf die Aufsprungbahn. Nicht schön anzusehen...
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