Hahnenkamm-Abfahrt in Kitzbühel "Vom Start weg in die Hölle"

Die Streif ist die schwierigste und gefährlichste Rennstrecke des Ski-Weltcups. Der frühere Olympiasieger Stephan Eberharter spricht im Interview über seine Hassliebe zu der Abfahrt und die Rückkehr des berüchtigten Zielsprungs.

Ein Interview von


Zur Person
Stephan Eberharter, Jahrgang 1969, ist ein ehemaliger österreichischer Skirennläufer. Er gewann 29 Weltcuprennen, zweimal den Gesamt-Weltcup, wurde Olympiasieger und dreimal Weltmeister. Auf der Kitzbüheler Streif-Abfahrt war er 2002 und 2004 Schnellster, 2004 gewann er mit einer Sekunde Vorsprung. Im gleichen Jahr erklärte Eberhart seinen Rücktritt vom Skisport.
SPIEGEL ONLINE: Herr Eberharter, Sie werden am Samstag in Kitzbühel dabei zusehen, wie sich die besten Abfahrer der Welt in die Streif stürzen (11.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Würden Sie gerne selbst nochmal mitfahren?

Eberharter: Auf keinen Fall. Ich bin heilfroh, dass das vorbei ist. Die Streif war immer eine Hassliebe für mich.

SPIEGEL ONLINE: Was unterscheidet die Strecke von anderen Weltcup-Abfahrten?

Eberharter: Nehmen Sie die Abfahrt in Wengen, die fängt mit langgezogenen Kurven in flachem Gelände an. In Kitzbühel geht es vom Start weg gleich in die Hölle: Die Fahrer beschleunigen von null auf einhundert Stundenkilometer in fünf Sekunden. Das sind die Werte eines Sportwagens. Der steilste Streckenabschnitt hat ein Gefälle von 87 Prozent, die Piste ist manchmal so eng, dass du nur Zentimeter vom Fangnetz entfernt fährst.

Fotostrecke

7  Bilder
Eberharter zur Streif: Von null auf 100 in fünf Sekunden
SPIEGEL ONLINE: Käme ein guter Hobby-Skifahrer da unbeschadet runter?

Eberharter: Sicher nicht. Die Strecke ist von oben bis unten mit einer 20 Zentimeter dicken Eisschicht überzogen, damit die Bedingungen für alle Abfahrer gleich sind. Du brauchst messerscharfe Kanten an den Skiern, sonst kannst du dich auf diesem Gelände nicht halten.

SPIEGEL ONLINE: Erinnern Sie sich an Ihren ersten Start auf der Streif?

Eberharter: Das war 1991, ich war 21 Jahre alt. Ich sah, wie sich die erfahrenen Fahrer mit einem Urschrei aus dem Starthäuschen hauten, und dachte: Da geht es fast senkrecht bergab, und die Jungs schieben auch noch an? Ich sah ihnen mit offenem Mund hinterher, bis zum ersten Sprung, der Mausefalle. Die Fahrer flogen weg, ruderten in der Luft wie wild mit den Armen und verschwanden dann im Nichts. Ich dachte: Okay, die liegen bestimmt alle da unten auf einem Haufen.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten Angst.

Eberharter: Ich hatte fast so etwas wie Todesangst. Und damit war ich nicht allein. Vor mir war ein Fahrer aus Chile dran. Kurz vor dem Start schnallte er plötzlich seine Ski ab und lief weg. Ich fragte den Starter: "Was ist denn mit dem?" Er antwortete: "Der hat verweigert, du bist der Nächste, mein Freund." Ich fuhr los, total passiv natürlich. Im Ziel hatte ich neun Sekunden Rückstand auf den Ersten.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Karriere starteten Sie 14-mal in Kitzbühel. Hat sich die Nervosität irgendwann gelegt?

Eberharter: Ja, schon. Aber auch in meinen besten Jahren musste ich in der Stunde vor dem Start fünfmal auf die Toilette. Bei keinem anderen Rennen war die nervliche Anspannung so groß.

SPIEGEL ONLINE: Was entscheidet auf der Streif über Sieg und Niederlage?

Eberharter: Alle, die dort starten, sind ausgezeichnete Skifahrer. Was den Unterschied ausmacht, ist die mentale Stärke. Du weißt, was auf dieser Piste alles passieren kann, aber das musst du verdrängen, wegschieben. Stattdessen versuchst du, während der Fahrt auf Autopilot zu schalten und einfach nur noch zu funktionieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Eberharter: Vor dem Start holte ich die Piste als imaginären Film in meinen Kopf. Dann bin ich die Strecke zwanzigmal oder dreißigmal in Gedanken abgefahren. Das war die beste Vorbereitung, denn im richtigen Rennen konnte ich abrufen, was ich mir zuvor vorgestellt hatte. Alle Bewegungen waren dann automatisiert.

SPIEGEL ONLINE: 2004 hat das besonders gut funktioniert. Sie gewannen die Abfahrt mit über einer Sekunde Vorsprung. Der Lauf ging in die Skigeschichte ein, als perfekte Streif-Fahrt. Wie haben Sie das gemacht?

Eberharter: Es gab ein paar Stellen, von denen ich wusste: Dort kannst du noch eine bessere Linie fahren. Vor allem die Linkskurve am Tor nach dem Hausberg habe ich enger erwischt als die anderen. So konnte ich fast vier Meter gegenüber den Gegnern einsparen. Ich glaube, dass so etwas in den vergangenen Jahren gar nicht mehr möglich gewesen wäre.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Eberharter: Der Welt-Skiverband Fis hat das Tempo gedrosselt. Die Tore wurden weiter nach außen gesetzt, der Kurvenweg vergrößert. Die Abfahrer mussten alle eine ähnliche Fahrlinie wählen, Unterschiede von fünf oder sechs Metern hast du kaum noch gesehen. Inzwischen erkennt die Fis aber, dass die Abfahrt nicht zu kurvig werden darf und das Geradeausfahren dazugehört. In diesem Jahr soll die Strecke wieder schneller und knackiger werden.

SPIEGEL ONLINE: Warum werden die Rennläufer eingebremst?

Eberharter: Das Skimaterial hat sich im vergangenen Jahrzehnt unglaublich weiterentwickelt. Es ist fast nicht mehr zu handhaben, man könnte damit theoretisch Kurven und Radien fahren, die der Körper nicht mehr aushält, vor allem die Knie. Deswegen haben die Verantwortlichen in Kitzbühel den Kurs entschärft. Und auch wegen der schweren Stürze, die es auf der Streif schon gab. Nach dem Unfall von Daniel Albrecht...

SPIEGEL ONLINE: ...der Schweizer stürzte 2009 am Zielsprung, die Rennläufer fahren dort 140 km/h schnell, der Sprung trägt sie fast 80 Meter weit. Albrecht verlor in der Luft die Kontrolle und knallte mit dem Hinterkopf auf die Piste.

Eberharter: Der Skiverband stand nach dem Sturz enorm unter Druck, er ließ den Zielsprung entfernen. In den vergangenen Jahren hoben die Abfahrer kaum mehr ab, es gab nur noch einen kleinen Hüpfer. Ich fand das schade, aber jetzt hat die Fis auch diese Entscheidung rückgängig gemacht. Am Samstag werden die Rennläufer wieder richtig fliegen.

SPIEGEL ONLINE: Albrecht erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, er lag drei Wochen im Koma und hatte Glück, den Unfall zu überleben.

Eberharter: Der Zielsprung ist kernig, sicher. Aber die Abfahrer wissen das auch. Sie müssen in der Anfahrt ihren Körperschwerpunkt nach vorne verlagern, damit sie später im Flug keine Luft unter die Ski bekommen und in Rücklage geraten. Genau das ist Albrecht aber passiert. Es war ein Fahrfehler, kein Fehler der Pistenbauer.

SPIEGEL ONLINE: Am Zielhang sind die Fahrer schon fast zwei Minuten unterwegs gewesen, die Oberschenkel brennen. Muss so ein extremer Sprung am Ende wirklich sein?

Eberharter: Ein ordentlicher Zielsprung gehört zur Streif. Die Fahrer sollen mit einem letzten Riesensatz ins Ziel fliegen, wo 45.000 Zuschauer auf sie warten. Das ist Teil des Mythos dieses Rennens.

SPIEGEL ONLINE: Wie können die Veranstalter sicherstellen, dass die Strecke spektakulär bleibt, sich gleichzeitig aber niemand schwer verletzt?

Eberharter: Das geht nicht. Das werden sie nie in den Griff bekommen. Von den Abfahrern erwartet das aber auch niemand. Du kannst ja nicht einen Hochgeschwindigkeitssport ausüben und sagen: Aber es darf dabei bitte bloß nichts passieren.

SPIEGEL ONLINE: Manche Rennläufer testen derzeit einen Airbag. Bei einem Sturz bläst er sich in 100 Millisekunden auf, um Brust und Schultern zu polstern. Wird das die Fahrer besser schützen?

Eberharter: Es wird ihnen zumindest ein gutes Gefühl geben, so wie der Rückenprotektor, der schon seit Jahren eingesetzt wird. Es ist trotzdem unmöglich, unseren Sport zu einhundert Prozent sicher zu machen. Es wird immer ein Restrisiko geben. Abfahrtssport ist gefährlich, und das muss er auch bleiben. Denn er lebt davon.

Mehr zum Thema

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
smartphone 23.01.2015
1. Entschärfte Vollgaspiste
Es darf bemerkt werden ,daß relevante Stellen wie die Mausefalle heute dermassen stark entschärft sind, daß weichgespült der passende Ausdruck ist
Frank Zi. 23.01.2015
2.
Die Streif ist leider heute so entschärft, kein Vergleich zu früher.
larry_lustig 23.01.2015
3. Wer schreibt
,dass die Streif weichgespült ist, hat keine Ahnung von der Kombination dieser Abfahrt und heutigem Material. Die Streiff war und bleibt die härteste und schwerste Abfahrt der FIS. Wegen's Lauberhorn ist lang, aber lange nicht so schwer und selbst da mussten Passagen entschärft werden.
fatfrank 23.01.2015
4. Haben wir sonst keine Probleme?
"Am Samstag werden die Rennläufer wieder richtig fliegen." - Na, dann wird's ja wieder ein "Mordsgaudi". Bis wieder mal einer mit dem Hinterkopf irgendwo aufprallt. Dann will's wieder keiner gewesen sein. Ich höre schon die Ausreden: Sind ja "selber schuld", die Fahrer, wenn sie da runter fahren. Aber hey, solange es zahlende Zuschauer gibt, die man mit Werbung volldröhnen kann, gibt's auch ein paar Vollpfosten, die so bekloppt sind, für Kohle ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Genauso hirnrissig wie Formel 1. Im Westen nichts Neues.
Lang 23.01.2015
5. Was soll's
Wann hören die Medien bzw. die Öffentlichkeit auf rum zu jammern wegen Sicherheit etc. (gilt übrigens auch für andere Sportarten). Alle (alle) Teilnehmer einer solchen Veranstaltung wissen was abgeht bzw. kann. Sollen denn alle Menschen in Sicherheit zu Hause im Sessel sitzen, und selbst da kann man sterben. Warum haben denn die Medien so viele "Kunden" bei einer solchen Veranstaltung? Weil es um Nervenkitzel geht, also bitte dann ehrliche sein. Alles andere ist für mich scheinheilig.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.