Deutsche Skirennfahrer vor Saisonstart "Unsere Athleten sind gierig"

Am Samstag beginnt die Ski-alpin-Saison, und der DSV bangt um seinen Besten. Sportdirektor Wolfgang Maier über das mögliche Comeback von Felix Neureuther und die Ambitionen seines Teams.

Felix Neureuther
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Ein Interview von Florian Kinast


Zur Person
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    Wolfgang Maier, Jahrgang 1960, ist seit 2006 Alpindirektor im Deutschen Skiverband. Ihm sind die Bundestrainer im Alpinbereich, Thomas Stauffer (Frauen) und Karlheinz Waibel (Männer), untergeordnet. Davor arbeitete Mayer als Cheftrainer des Frauenteams.

SPIEGEL ONLINE: Herr Maier, in Sölden beginnt an diesem Wochenende die Ski-alpin-Saison. Die vielleicht wichtigste Frage: Kann Deutschlands bester Skifahrer Felix Neureuther sein Comeback geben?

Wolfgang Maier: Das ist unser gemeinsames Ziel. Felix hat die vergangenen Wochen einen sehr guten Eindruck gemacht, aber es gibt einen Unterschied zwischen Training und Wettkampf. Vor allem, wenn es wie in den letzten Wochen noch am Rücken zwickt. Wenn wir im letzten Moment sehen, dass es noch keinen Sinn ergibt, lassen wir es. Dann steigt er eben in drei Wochen beim Slalom in Levi in die Saison ein.

SPIEGEL ONLINE: Trauen Sie ihm zu, gleich wieder um die Podestplätze zu fahren?

Maier: Felix ist niemand, der sich freuen würde, wenn er beim Comeback Zwanzigster wird. Ich fände das in Ordnung, er sicher nicht. Da steckt zu viel Wettkampf-Gen in ihm, zu viel Neureuther. Natürlich merkt man auch, dass er den Körper eines 34-jährigen Leistungssportlers hat. Wenn du wie er 15 Jahre auf Topniveau fährst, fordert das seinen Tribut. Ihm fällt es schwerer, in seine Skistiefel zu steigen als einem 20-Jährigen.

SPIEGEL ONLINE: Neureuther selbst ist mit seinen Saison-Prognosen auch eher verhalten.

Maier: Karlheinz Waibel, unserer früherer Cheftrainer bei den Männern, hat mal ganz treffend gesagt: "Wenn dem Felix etwas wehtut, fährt er am besten." Das kann ich nur bestätigen.

SPIEGEL ONLINE: Neureuther dachte während der Reha an Rücktritt, auch um mehr Zeit für seine Frau Miriam und seine einjährige Tochter zu haben. Fährt er unterbewusst doch nur noch mit 90 Prozent?

Maier: Wenn er fährt, dann mit 100 Prozent. Nur den Hang runterrutschen und um Durchschnittsplatzierungen kämpfen, das entspricht nicht seiner Mentalität, das würde er sich nicht antun.

SPIEGEL ONLINE: Ob Neureuther nach der WM im schwedischen Åre (5. bis 17. Februar 2019) zurücktritt oder allerspätestens nach Olympia 2022 in Peking - irgendwann wird der Deutsche Skiverband sein großes Aushängeschild verlieren. Wer könnte ihn beerben?

Maier: Ganz klar Thomas Dreßen. Der muss nicht jedes Jahr wie im letzten Winter die Streif in Kitzbühel gewinnen. Aber wenn er sich in der Weltspitze etablieren kann, mit ums Podium fährt und das ein oder andere Rennen gewinnt, kann er eine ähnliche Rolle einnehmen wie jetzt Felix Neureuther. Das liegt vor allem auch an seinem Charakter: bodenständig, geerdet, geradeaus. Und er ist ein blitzgescheiter Typ.

SPIEGEL ONLINE: Dreßen führt ein erstarktes Team bei den Abfahrern an, auch Josef Ferstl und Andreas Sander haben schon gute Ergebnisse erzielt. Geht es als auch in den schnellen Disziplinen nach zwei schwachen Jahrzehnten wieder aufwärts?

Maier: Unser Speed-Team ist wie ein Rohdiamant, der langsam zu glänzen beginnt. Ich kann mich gut an Zeiten erinnern, als bei Siegerehrungen unten schon der Schampus geköpft wurde und unser bester Läufer noch oben im Starthäuschen stand. So lange ist das gar nicht her. Damals waren manche Fahrer schon zufrieden, wenn sie als Fünfzehnte ins Ziel gekommen sind. Jetzt sind die Athleten gierig, die wollen immer ganz vorne dabei sein und geben alles dafür.

SPIEGEL ONLINE: Und bei den Frauen? Viktoria Rebensburg hat angekündigt, ihre Karriere vor 2022 zu beenden und nicht noch einmal bei Olympia zu starten. Hat Sie das überrascht?

Maier: Mir hat sie das nicht gesagt. Ich bin froh, sie in unserer Mannschaft zu wissen, und solange sie fährt, fährt sie. Die Vicky ist jetzt im absoluten Höchstleistungsalter und war in der letzten Saison wieder deutlich stärker unterwegs. Denken Sie nur an Tina Maze. Die war 29, als sie ihre legendäre Rekordsaison mit mehr als 2000 Punkten im Weltcup hingelegt hat. Vicky ist ebenfalls 29. Da ist noch viel zu erwarten von ihr.

SPIEGEL ONLINE: Trauen Sie ihr zu, in Riesenslalom, Super-G und Abfahrt konstant Topleistungen zu bringen?

Maier: Ich traue ihr sehr viel zu: den Disziplin-Weltcup im Riesenslalom, und dass sie im Super-G unter die besten Drei kommt. Aber warten wir einfach ab, was die Saison bringt.

SPIEGEL ONLINE: Wer wird der nächste Superstar - national wie international?

Maier: Sehr gespannt bin ich auf den Schweizer Marco Odermatt. Der hat bei der Junioren-WM im vergangenen Winter fünfmal Gold geholt und ist im Weltcup-Finale gleich zweimal unter die besten Zwölf gefahren. Dem traue ich einiges zu. Und von unseren Läufern hoffe ich in Abfahrt und Riesenslalom auf die Brüder Manuel und Alex Schmid und natürlich auch auf Linus Straßer. Ein exzellenter Skifahrer, der bisher aber zu oft unter Wert geschlagen wurde.

SPIEGEL ONLINE: Saisonhöhepunkt ist die WM in Åre. Vor den Olympischen Spielen in Pyeongchang hatten Sie keine Medaillenvorgabe als Ziel ausgegeben.

Maier: Und prompt haben wir auch keine Medaille geholt. Dann gebe ich für Åre eben diesmal zwei WM-Medaillen als Ziel vor. Eine bei den Frauen, eine bei den Männern. Ansonsten hoffe ich im Weltcup auf so viele Podiumsplätze wie möglich. Vielleicht die Disziplin-Gesamtwertung im Riesenslalom für Vicky Rebensburg. Vor allem aber, dass alle verletzten Rennläufer zurückkommen und keine neuen Verletzungen dazu kommen. Das wäre schon das größte Geschenk.



insgesamt 2 Beiträge
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pkfischer 26.10.2018
1. Mehr Sorgfalt bitte
Schön, dass es Ski alpin auch mal wieder auf die Homepage schafft. Wir hoffen auf tolle Erfolge der deutschen Athleten diese Saison. Nur fallen einem leider einige handwerkliche Verbesserungsmöglichkeiten auf. Einmal wird Maier im Vorspann Mayer gennannt. Karlheinz Waibel ist im Vorspann aktueller Trainer, im Interview dann der ehemalige. Über Thomas Dreßen: "Und er ist ein blitzgescheiter Typ spricht." Häh? Aber ansonsten: gerne mehr von dieser tollen Sportart.
quark2@mailinator.com 26.10.2018
2.
Gier ist eine negativ konotierte Eigenschaft. Aber das gilt eigentlich auch für abgezockt. Vielleicht sollte man langweiliger von "motiviert" sprechen ...
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