Ski-Freerider Coole Extremisten

Sie springen über 20 Meter hohe Klippen, bezwingen fast senkrecht abfallende Pisten. Freerider betreiben den wohl spektakulärsten Wintersport weltweit. Den Besten bietet er mittlerweile gute Verdienstmöglichkeiten - davon profitieren auch zwei Deutsche.

freerideworldtour.com / C. Margot

Von Florian Haas


Atemberaubender kann ein Arbeitsplatz kaum sein: Aline Bock erledigt ihren Job in dünner Luft auf über 3000 Metern Höhe, umgeben von Tiefschnee und Eis. "Wenn dann noch die Sonne scheint, denke ich mir: Wow, das ist mein Büro."

Spektakulärer kann ein Sprung kaum sein: Sebastian Hannemann zeigt seinen Backflip zwischen Felsen und fast senkrechten Hängen, bis zu zehn Meter über dem Boden. "Der Rückwärtssalto ist so etwas wie mein Markenzeichen", sagt Hannemann.

Snowboarderin Bock ist Weltmeisterin. Skifahrer Hannemann zählt zu den Top Ten. Beide sind Freeride-Profis.

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Freeriding: Saltos und Schrauben im Schnee
Auf der Freeride World Tour (FWT) fahren die Deutschen ab dem 22. Januar um 250.000 US-Dollar Preisgeld. Die Freerider-Serie startet im französischen Chamonix, am Mont Blanc, auf rund 4500 Metern Höhe. Es folgen Wettkämpfe in Engadin St. Moritz (Schweiz), Kirkwood (USA), Sotschi (Russland), Fieberbrunn (Österreich) und Verbier (Schweiz).

Viele andere Skigebiete hatten sich wegen eines erhofften Imagegewinns um die Austragung beworben. In den kommenden Jahren soll die Serie nach Südamerika und Japan expandieren. Sponsoren werben gerne mit den coolen Extremisten. Hunderte Fahrer kämpfen in weltweit 30 Qualifikationsturnieren um einen der maximal 20 Startplätze in den Disziplinen Snowboard und Ski. 2010 sahen allein in Verbier 6000 Interessierte den Wettkampf, die Zuschauerresonanz ist steigend.

Vom Spaßsport zum Profitum

"Das Ganze wird immer professioneller", sagt Bock. Dank Sponsoren und Prämien hat die 28-Jährige "nicht die absoluten Geldprobleme". Hannemann ist am Ende seines Lehramtsstudiums angelangt, verzichtet aber vorerst auf den Schuldienst. Auch er kann von seinem Sport leben. "Es läuft nicht schlecht", sagte der 24-Jährige.

Dass man mit Freeriding einmal Geld verdienen kann, hätten die Pioniere der Extremsportart wohl nicht geahnt. In den siebziger Jahren suchten die Ersten aus Spaß abseits markierter Pisten wildes Terrain und Tiefschnee, Adrenalin und Abenteuer. Sie sprangen über Steinbuckel, katapultierten sich von Klippen, fuhren durch Felsrinnen. Anfang der Neunziger gab es in Alaska erste Wettkämpfe, mit dem "Verbier Xtreme" in der Schweiz folgte eine regelmäßige Veranstaltung. 2008 wurde die FWT ins Leben gerufen.

Der Sport wurde beliebter, das Niveau besser - und die Anforderung höher.

Die Fahrer dürfen vor dem Wettkampf nicht auf den Hang, deshalb studieren sie vor ihrer Fahrt von unten mit Ferngläsern oft stundenlang den Berg. Sie müssen vom Lift zu Fuß zum Start steigen, eine atemraubende Aufgabe auf fast 4000 Metern Höhe. Sie fahren mit Helm, Schaufel, Piepser, Airbag-Rucksack und Telefon, um sich vor Unfällen zu schützen oder sich nach einem Lawinenabgang zu behelfen. Wer die falsche Route wählt, hat ein Problem. "Wenn man sich im Hang verliert, wird es lebensgefährlich", sagt Bock. Das passiere aber fast nie, schließlich seien auf der Tour die weltbesten Skifahrer dabei. Beurteilt werden sie streng, und zwar von sogenannten Judges. Die Jury, die die Fahrten mit Ferngläsern verfolgt, gibt Noten für Linie, Fahrfluss und Sprünge.

"Wir wissen, was wir tun"

Die besten Freerider sind älter als 30 Jahre. Nur mit Erfahrung übersteht man Sprünge aus bis zu 20 Metern Höhe. Nur mit Routine findet man zwischen Schneemassen und Steinhügeln die Ideallinie. Hannemann qualifizierte sich 2010 mit nur 23 Jahren per Wildcard für die Tour und wurde gleich Zehnter. Er ist dieses Jahr erneut der Junior im Feld. Hannemann kommt aus dem Allgäu. Er besuchte ein Ski-Internat, hatte aber irgendwann keine Lust mehr auf "Stangenkurverei".

Nach einem Abstecher zum Freestyle fand er Gefallen an Klippen und Kanten, Saltos und Schrauben. Angst vor Verletzungen hat Hannemann nicht. "Es sieht spektakulär aus. Aber wir sind alle super ausgebildet und wissen, was wir tun." Der Mann mit der langen Mähne lacht viel. Er will so lange fahren, wie er Freude hat. Im Sommer hat er wenig trainiert, viel Golf gespielt. Jetzt freut er sich auf die Tour.

Bock übte im Sommer auf Gletschern in Neuseeland und Argentinien, 2010 stand sie rund 200 Tage auf Brettern. Zu viel. "Ich war ausgebrannt", sagt die die vom Bodensee stammende Bock. Die blonde Frau begann erst als Jugendliche mit dem Snowboarden und wechselte nach Anfängen in der Halfpipe in das exponierte Gelände. Sie fürchtet um das alternative Flair des Sports, sollte dieser - so wie 1998 die Halfpipe-Contests - olympisch werden.

Wer mit ihr über ökologische Nachteile des Freeridings wie die Beeinträchtigung des Lebensraumes von Tieren spricht, erntet böse Blicke. Sie achte die Natur, fahre ja oberhalb der Baumgrenze und abseits des Massentourismus. "Ich störe niemanden", sagt Bock.

2011 will sie ihren WM-Titel verteidigen und Aufmerksamkeit für das Frauen-Freeriding schaffen. Ihr Sport sei Leidenschaft und Traumberuf zugleich, sagt sie. Dennoch: Das Training in der Höhe sei oft anstrengend, der Druck groß, das sehe nur keiner, so Bock. "Sponsoren wollen Resultate. Die Eltern sagen: Mach was Ungefährliches."



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