Von Peter Ahrens
Der Blick aufs Klassement muss für Lindsey Vonn fast unerträglich sein. Sie hat im Riesenslalom-Weltcup 95 Punkte Rückstand auf die Deutsche Viktoria Rebensburg. Das ist beim letzten Rennen der alpinen Skifahrer am kommenden Wochenende im österreichischen Schladming kaum noch aufzuholen. Läuft dort alles normal, wird sich Rebensburg den Gesamtsieg in der Riesenslalom-Wertung holen und Vonn Zweite werden - für die US-Amerikanerin ein skandalöser Zustand.
Für Vonn ist ein zweiter Platz Ansporn, noch härter zu trainieren, noch mehr in ihren Sport zu investieren. Vonn, die am vergangenen Wochenende vorzeitig den Gesamt-Weltcup für sich entschied, bekommt offenbar nie genug. Den Abfahrts- und den Kombinations-Weltcup sicherte sich Vonn obendrein.
Viermal hat sie bislang die Große Kristallkugel der Gesamt-Weltcupsiegerin gewonnen, lediglich die Ski-Legende Annemarie Moser-Pröll liegt mit sechs solcher Triumphe noch vor ihr. Vonn hat bereits angekündigt, dass sie sich im Sommer mit der Österreicherin treffen werde. Dann wird die Amerikanern sie wohl schonend darauf vorbereiten, dass Moser-Pröll ihren vermeintlichen Ewigkeitsrekord in naher Zukunft lossein wird.
Vonn bewegt sich in einer Reihe mit den ganz Großen
Vonn hat in diesem Winter bisher 1808 Punkte gesammelt. Die Kroatin Janica Koselic hatte im Jahr 2006 einmal mehr Zähler auf dem Konto. Wenn Vonn aber auch in Schladming siegt, hat sie Kostelics Rekord geknackt. Sie könnte dann sogar jenseits der 2000er-Marke landen. Das hat bei den Frauen noch nie jemand geschafft, nur Hermann Maier ist dies bei den Männern einmal gelungen. Im Februar hat Vonn ihren 50. Weltcupsieg gefeiert, sie hat damit zu Italiens Ski-Superstar Alberto Tomba aufgeschlossen.
Maier, Moser-Pröll, Tomba - das ist die Kategorie von Skifahrern, in der sich Vonn bewegt. Die Konkurrenz fährt meist hinterher. Vor allem in der Abfahrt und im Super-G ist es mittlerweile schon ein echtes Ereignis für die anderen Top-Läuferinnen, einmal vor Vonn ins Ziel zu kommen. Das gilt auch für Maria Höfl-Riesch, die mal auf Augenhöhe mit Vonn gefahren ist, in diesem Winter aber die Überlegenheit der US-Amerikanerin anerkennen muss. "Sie ist die Beste. Wenn sie so fährt, wie sie kann, ist sie kaum zu schlagen", sagt Höfl-Riesch.
Keine hat ihren Sport so durchprofessionalisiert
Vonn und Höfl-Riesch - das war Jahr für Jahr eine schöne Story, nicht nur für die Sportjournalisten. Die Geschichte ihrer Freundschaft, die irgendwann im vergangenen Jahr unter der sportlichen Konkurrenz so sehr gelitten hatte, dass sie zu Ende ging. Das Thema ist für beide längst erledigt, dennoch werden Höfl-Riesch und Vonn immer noch aneinander gemessen. Ehrgeizig sind sie beide, die Rollen in der Öffentlichkeit sind dennoch klar verteilt: Höfl-Riesch locker, Vonn verbissen. Die Deutsche hat im Anschluss an die Vorsaison geheiratet, wirkt bei allen Ambitionen mittlerweile nicht mehr ausschließlich auf ihren Sport fokussiert.
Vonn dagegen ist nach wie vor eine Skisport-Besessene. Es gibt niemanden in der Szene, der sich und seinen Sport so durchprofessionalisiert hat wie die 27-Jährige aus dem Skisport-Ort Vail. Im Winter reiste sie mit einem riesigen ausgebauten Truck durch die Gegend, an Bord alles, was man für einen Weltcup-Winter braucht, Fitnessraum inklusive. Die "Süddeutsche Zeitung" spricht vom "System Lindsey", ihr Coach Alois Hödlmoser sagt: "Für sie zählt nur Gewinnen, das macht sie so stark." Manche sagen, dass ihre Ehe mit dem Skifahrer Thomas Vonn auch daran gescheitert ist.
Nach außen hin inszeniert sich Vonn gern als Glamour-Girl. Sie ist das begehrteste Motiv der Weltcup-Fotografen. Hier ein Lächeln, und wenn es sein muss, auch mal ein Tränchen. Darling Lindsey Vonn, das Zahnpasta-Lächeln ist makellos. Aber all das ist nur Fassade. Vonn ist eine Arbeiterin, eine, die dann noch auf der Piste weitertrainiert, wenn alle anderenm im Team schon ihre Skier eingepackt haben. Vonn ist nicht sattzubekommen, was ihren Sport angeht.
"Rekorde sind ein großer Punkt in meinem Leben", hat sie einmal gesagt. Und es gibt noch ein paar Rekorde zu brechen für Vonn. Etwa die Bestmarke in Sachen Weltcupsiege. Da führt Moser-Pröll mit 62 ersten Plätzen, Vonn hat bislang 52-mal gewonnen. Läuft alles wie gehabt, hat die US-Amerikanerin diesen Rekord in einem Jahr kassiert.
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