Eine netter Vergleich, doch längst überholt. Heute, rund 18 Jahre später, gilt Lindsey Vonn als nahezu unschlagbar. Sie ist die beste Skifahrerin der vergangenen Jahre und in den USA zum großen Superstar der Winterspiele auserkoren. Alles andere als ein goldener Auftakt in der Abfahrt (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) käme einer nationalen Katastrophe gleich. Gut, da ist diese schmerzhafte Verletzung am rechten Schienbein. Doch auf eine neuerliche Schildkröten-Performance der 25-Jährigen hofft die Konkurrenz wohl vergeblich.
Vonn wird auf die Zähne beißen und sich mit Hilfe von Schmerzmitteln die Piste in Whistler Creekside hinabstürzen. Im einzigen offiziellen Training vor dem Wettkampf fuhr sie am Dienstag Bestzeit. "Sie hat sicher Schmerzen, aber sehr scheint sie das nicht zu beeinflussen", sagt Maria Riesch.
Der 25-jährigen Deutschen werden noch die besten Chancen eingeräumt, Vonn zu schlagen. Riesch gewann in St. Moritz die einzige Abfahrt dieses Winters, in der die Amerikanerin nicht ganz oben auf dem Podium stand. Das Aufeinandertreffen der beiden gleichalterigen Skistars gilt als eines der Highlights der Spiele. Ihr Duell ist für dramatische Geschichten hervorragend geeignet, denn bei aller Rivalität sind sie abseits der Piste eng befreundet.
"Es wird unser Verhältnis belasten"
Seit Tagen müssen sie nun alle Aspekte des vermeintlichen Zweikampfs wieder und wieder erklären. "Wie schätzen Sie die Verletzung Vonns ein?", wird Riesch gefragt. "Zum Skifahren wird es reichen", antwortet sie. "Was denken Ihre Teamkolleginnen über die Freundschaft zu der Deutschen?", wollen US-Journalisten wissen. "Ich glaube, sie respektieren es", antwortet Vonn.
So wird jedes Detail einer im Profisport ungewöhnlichen Beziehung ausgeleuchtet. Mutter Vonn darf erzählen, dass "Lindsey am liebsten Maria auf Platz zwei sehen würde". Und Mutter Riesch erklärt für ihre Tochter dasselbe - natürlich in umgekehrter Reihenfolge. Für andere Athletinnen mit Medaillenchancen wie Anja Pärson aus Schweden oder Ingrid Jacquemod (Frankreich) bleibt kaum Platz.
Vonn und Riesch kennen sich seit der Jugend, sie machen zusammen Urlaub und feiern gemeinsam Weihnachten. Die Konkurrenzsituation ist nicht neu, doch in Vancouver heftiger denn je. Mit diesem Gefühl müssen sie die Piste hinabrasen. Ihre Freundschaft wird daran nicht zerbrechen, aber zumindest in Vancouver deutlich abkühlen. "Es wird unser Verhältnis mit Sicherheit belasten", sagte Vonn der "USA Today". Es sei besser, wenn sich nun jeder auf sich selbst konzentriere. "Da ist viel Druck auf beiden Seiten und ich glaube, wir sind gerade beide generell nicht sehr freundlich."
Riesch sagte kurz vor Beginn der Spiele in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung": "Es ist mittlerweile alles nicht mehr so einfach, deshalb versuchen wir, das Skifahren möglichst außen vor zu lassen."
Hoffnung auf "Vonn-couver"
Gerade Vonn dürfte diese Trennung schwer fallen. Der Druck auf die 25-Jährige ist enorm. Fünf Goldmedaillen erträumen sich die Amerikaner von ihrer Ski-Heldin, die auf Männerskiern und im blauen Anzug mit der aufgedruckten US-Flagge "Stars and Stripes" ins Abfahrtsrennen geht. In der Heimat wird sie schon als "Michael Phelps der Winterspiele" bejubelt. Medien wie der Fernsehgigant NBC freuen sich auf die Spiele in "Vonn-couver".
Es sind nicht die ersten Olympischen Spiele für Vonn. Auch in Turin vor vier Jahren ging sie an den Start. Damals war nach einem schweren Sturz im letzten Training Platz sieben im Super G das beste Ergebnis. In den folgenden Jahren stieg sie zur dominanten Athletin auf, zweimal in Folge gewann sie zuletzt den Gesamtweltcup, in der Abfahrt stehen 17 Siege auf ihrem Konto. Nun ist Gold in ihrer Spezialdisziplin beinahe Pflicht - die unberechenbaren Witterungs- und Streckenbedingungen, die Vonn am Dienstag noch beklagte, gelten für alle Starterinnen und dürften als Ausrede kaum akzeptiert werden.
Riesch dagegen nimmt zum ersten Mal an Olympischen Spielen teil, Turin verpasste sie wegen einer Knieverletzung. Sie kann die Abfahrt gelassener angehen als Vonn. Zwar träumt auch sie von der Goldmedaille, doch ihre besten Chancen kommen noch. Schon am Donnerstag in der Super-Kombination wird sie als erste Favoritin gehandelt (18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Dort wird im Slalom in der Regel mehr Zeit gut gemacht als in der Abfahrt - und im Slalom ist Maria Riesch in diesem Winter die Nummer eins.
Mit Material des Sid
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