Skispringen Frustrierter Bundestrainer Rohwein wirft hin

Aus und vorbei: Peter Rohwein hört als Skisprung-Bundestrainer auf. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt Rohwein, warum es besser ist, sich zu trennen, und übt scharfe Kritik - am Verband und auch an den Schanzen-Ikonen Martin Schmitt und Dieter Thoma.


SPIEGEL ONLINE: Herr Rohwein, Sie wurden als Trainer des deutschen Skisprungteams dreieinhalb Jahre lang scharf kritisiert. Sind Sie froh, dass die Zusammenarbeit in dieser Form bald beendet ist?

Rohwein: Die von DSV-Präsidenten Alfons Hörmann angekündigte Zäsur zum Ende der Saison ist unumgänglich. So kann es jedenfalls nicht weiter gehen.

Bundestrainer Rohwein: "Maßlos enttäuscht"
DPA

Bundestrainer Rohwein: "Maßlos enttäuscht"

SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als ob Sie aufgeben.

Rohwein: Nein, dafür bin ich nicht der Typ.

SPIEGEL ONLINE: Hörmann schließt nicht aus, dass Sie Ihre Kündigung schon nach dem nächsten Weltcup-Springen im Briefkasten haben werden.

Rohwein: Daran könnte ich auch nichts mehr ändern.

SPIEGEL ONLINE: Wie stellen Sie sich Ihren Abschied vor?

Rohwein: Wir trennen uns. Das steht fest. Im gegenseitigen Einvernehmen. Glauben Sie mir, ich habe brutal viel investiert in diesen Job. Wenn ich mich für etwas entscheide, dann mache ich es richtig und vernachlässige sogar meine Familie und Freunde.

SPIEGEL ONLINE: Sie vermissen Dankbarkeit?

Rohwein: Nein. Wenn Sie ein Traineramt mit dieser Erwartung annehmen, sollten Sie es lieber gleich sein lassen. Dankbar ist Ihnen in diesem Geschäft niemand.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Rohwein: Ich bin einfach maßlos enttäuscht.

SPIEGEL ONLINE: Von wem?

Rohwein: Leider wurden nicht alle Vorgaben, wie wir sie im Team besprochen haben, von allen Beteiligten umgesetzt. Da war ich im Nachhinein gesehen etwas zu vertrauensvoll.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern hat der Technische Leiter Rudi Tusch Ihr Vertrauen missbraucht?

Rohwein: Nach den Olympischen Spielen wurden strukturelle Veränderungen vollzogen. Dabei habe ich mehrere Wochen gekämpft, um einen gemeinsamen Kompromiss zu finden. Hier hätte ich sicherlich gerade in den Gesprächen mit Rudi Tusch meine Vorstellungen mit mehr Nachdruck durchsetzen müssen. Hier hatten wir verschiedene Auffassungen. Vor allem, was die zentralen Lehrgangsmaßnahmen anbelangte. Das Stützpunktsystem macht zwar grundsätzlich Sinn, aber meiner Meinung nach ist es unumgänglich, die besten Athleten im DSV in zentralen Trainingsmaßnahmen das gesamte Jahr über zu betreuen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist falsch am Stützpunkt-Training?

Rohwein: Stützpunkt-Training ist kein Patentrezept für alle Sportarten. Das funktioniert bei Ausdauersportarten wie Biathlon oder Langlauf. Da kann ich als Trainer sagen, ob du jetzt zu Hause oder in Oberhof 130 Kilometer in der Woche durch den Wald joggst, ist egal. Aber beim Skispringen geht es um technische Detailarbeit - und die hat darunter gelitten. Außerdem ist es nicht förderlich für das Vertrauensverhältnis zwischen Cheftrainer und Springern, wenn man als verantwortlicher Cheftrainer die Athleten selten sieht. Ich kann mich ja nicht zerreißen und an allen Stützpunkten gleichzeitig vor Ort sein.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich nicht gegen die Einführung gewehrt?

Rohwein: Das war mein größter Fehler. Drei Wochen lang habe ich gekämpft, versucht, die Verantwortlichen zu überreden, und mich dann doch mit ein paar Zugeständnissen zufriedenstellen lassen. Ein zweites Mal würde ich das nicht tun.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben wir keine Ausnahmeathleten mehr im deutschen Skisprungteam?

Rohwein: Weil die nicht auf den Bäumen wachsen. Und wenn doch, dann musst du sie auch schütteln.

SPIEGEL ONLINE: Was man in Deutschland verpasst hat?

Rohwein: Uns fehlt eine ganze Generation. In den Jahrgängen 1983 bis 1987 gibt es zu viele Athleten, die den Sprung in die Nationalmannschaft nicht gepackt haben.

SPIEGEL ONLINE: Die Generation, die nach Sven Hannawald und Martin Schmitt hätte folgen müssen?

Rohwein: Es kann doch nicht sein, dass ich heute dieselben Athleten im Spitzenteam trainiere wie vor vier Jahren. Es muss immer einen natürlichen Wechsel geben. Bei uns fehlt die interne Konkurrenz. Die alten Hasen müssen spüren, dass sie sich verdammt anstrengen müssen, um nicht aus dem Kader zu fliegen. Ich möchte niemandem zu nahetreten, aber im Leistungssport gibt es nun mal ein gewisses Hochleistungsalter. Bevor die Spitzenathleten dieses erreicht haben, sollten eigentlich der Nachwuchs im Weltcup unterwegs sein. Dann hätte man die gewünschte Mischung aus alt und jung, Erfahrung und Draufgängertum.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.