Österreich-Debakel bei der Vierschanzentournee Hm, tja, na ja. Keine Ahnung

Noch vor wenigen Jahren haben Österreicher die Vierschanzentournee dominiert, jetzt springen sie hinterher. Was ist da passiert? Eine große Skispringer-Nation grübelt.

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Von Eike Hagen Hoppmann


Die stärksten Skispringer der Qualifikation hatten ihren ersten Sprung noch gar nicht absolviert, da stand Stefan Kraft schon am Rand der Schanze und versuchte zu erklären, was er nicht erklären konnte.

Österreichs bester Springer und einzige verbliebene Hoffnung bei der Vierschanzentournee hatte mit einem verpatzten ersten Versuch beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen den zweiten Durchgang verpasst und alle Chancen auf den Gesamtsieg verspielt. "Ich habe gewusst, dass ich gut drauf bin und da mitmischen kann. Aber dass es jetzt so ausgeht, da kann ich im Moment nicht viel zu sagen", sagte Kraft. "Ich weiß es nicht."

Das schlechteste Ergebnis seit 39 Jahren

Das Springen in Garmisch war für die Österreicher ein Debakel. Mit Gregor Schlierenzauer und Michael Hayböck erreichten nur zwei Springer den zweiten Durchgang. Schlierenzauer war am Ende auf Platz 19 der beste Österreicher. Für den ÖSV das schlechteste Ergebnis seit 39 Jahren. Und ausgerechnet jetzt geht es zurück in die Heimat.

Vor dem ersten Springen in Österreich in Innsbruck (Donnerstag, 14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF und Eurosport) ist kein ÖSV-Sportler unter den besten zehn der Gesamtwertung. Seit 1978 schaffte das zumindest immer einer. Dieses Jahr wird es eng. Schlierenzauer ist auf Rang 15 momentan der beste Österreicher im Gesamtklassement. Der Tourneesieger von 2012 und 2013 sowie erfolgreichste Skispringer der Geschichte versucht seit Jahren, wieder Anschluss an die Weltspitze zu finden.

Schlierenzauers beste Jahre fielen in die Zeit, in der die Österreicher bei der Vierschanzentournee nicht zu schlagen waren. Zwischen 2009 und 2015 gewannen sie sieben Titel in Folge. Loitzl, Kofler, Morgenstern, Schlierenzauer, Diethart, Kraft - die Namen änderten sich, nach dem vierten Springen in Bischofshofen jubelte aber immer ein Österreicher. Mindestens. 2012 gelang sogar ein Dreifachsieg.

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Der Abwärtstrend begann vor zwei Jahren. 2016 sprang immerhin noch ein Podestplatz heraus, 2017 wurde auch der verpasst. Kaschiert wurde der wachsende Misserfolg damit, dass es mit Kraft immer noch einen Weltklassespringer gab. Seine Leistungen täuschten darüber hinweg, dass hinter ihm inzwischen ein großes Loch klafft.

Manuel Fettner, bei der Tournee im vergangenen Jahr als Fünfter noch bester Österreicher, schied in Garmisch ebenfalls schon nach dem ersten Durchgang aus. "Sonst ist da immer einer, der aufs Stockerl hüpft", sagte er. Aber da war keiner mehr. Das ziehe einen dann mit runter, sagte Fettner.

Kraft hatte bei der Tournee eigentlich derjenige sein sollen, der aufs Podest hüpft und den Rest des Teams mitzieht. Er, der Vierschanzentourneesieger 2014/15, Gesamtweltcupsieger 2017 und Doppelweltmeister. Möglicherweise war Kraft mit der Aufgabe überfordert, das Mannschaftsergebnis im Alleingang zu retten - auch wenn er das abstritt: "Mich hat das eigentlich nicht gestört. Ich habe nur auf mich geschaut." Ex-Cheftrainer Alexander Pointner schrieb nach dem Neujahrsspringen in einer Kolumne: "Man hat es geschafft, einen der derzeit weltbesten Springer völlig zu verunsichern."

Im Zentrum der Kritik: Cheftrainer Kuttin

Kraft und Fettner versuchten, trotz Ratlosigkeit weiter Optimismus zu verbreiten. Es fehle vielleicht ein bisschen die Lockerheit, es könne aber auch schnell wieder in die andere Richtung gehen. Im Skispringen liegen Formhoch und -tief oft tatsächlich nur wenige Tage auseinander. Nachdem der Druck abgefallen ist, könnten Kraft auch wieder gute Sprünge gelingen.

Aber das österreichische Problem sitzt tiefer. In Zentrum der Kritik steht Cheftrainer Heinz Kuttin. Er hat es nicht geschafft, den Erfolg seines Vorgängers Pointner, in dessen Amtszeit sechs der sieben Tourneesiege fielen, aufrechtzuerhalten. Pointner kritisierte seinen Nachfolger in der "Kleinen Zeitung" ungewöhnlich scharf: "Es ist schon befremdend, wenn der Cheftrainer nicht selbst am Trainerturm steht, sondern sich von einem Co-Trainer vertreten lässt", sagte er. In seiner Kolumne schrieb er, das gesamte ÖSV-Team zeige sich in der Krise als "führerloses Schiff".

Außerdem fehlt guter Nachwuchs. Kraft, 24, und Hayböck, 26, haben zwar noch ein paar Jahre vor sich, um ihre Plätze müssen sie aufgrund mangelnder jüngerer Konkurrenz auch bei schlechten Leistungen nicht fürchten. In der Heimat wird auch darüber diskutiert, ob es nicht am Material liegen könnte. Dagegen spricht aber, dass weite Sprünge für Kraft weiterhin möglich sind. Nach dem ersten Durchgang in Oberstdorf hatte er noch an der Spitze gelegen.

Vielleicht auch deshalb die Ratlosigkeit.

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insgesamt 2 Beiträge
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noalk 04.01.2018
1. Nicht nur die Österreicher
Wo sind die Schweden? Die Finnen!? Die Russen? Gerade das Skispringen ist eine Disziplin, in der es oft mannschaftlich bergauf und bergab geht. Die Schweden hatten starke Springer, dann ging's bergab. Die Finnen hatten eine starke Mannschaft. Und jetzt? Dafür sind die Deutschen gerade im Kommen - und die Norweger. Man darf auf Japan gespannt sein, mit Blick auf Sapporo. Und in sieben Jahren wird wieder alles anders sein: Tu, felix Austria ...
Lagrange 04.01.2018
2.
Das ist doch völlig normal im Sport. Ich erinnere an die Langlaufzeiten mit Angere und co. Damals war Deutschland auch nur schwer zu schlagen, Tennis mit Agassi und Sampras oder Spanien im Fussball vor 5 Jahren.
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