Start in die Skisprungsaison Diesen Winter wird's eng

Die Adler gehen wieder auf Weitenjagd: In Lillehammer beginnt die Weltcup-Saison der Skispringer, das deutsche Team will endlich zu den dominanten Österreichern aufschließen. Entscheidend wird dabei sein, wie sie mit zwei gravierenden Regeländerungen zurecht kommen.

Von Robert Berg

Getty Images/bongarts

Eine Schanze, zwei Ski, ein mutiger Athlet und zur Sicherheit noch ein paar Windfähnchen - Skispringen ist ein aufs Wesentliche reduzierter Sport. Doch von Tradition wird wenig zu spüren sein, wenn die Springer am Freitag zum Weltcup-Auftakt im norwegischen Lillehammer von der Lysgard-Schanze gehen (16:30 Uhr, Liveticker bei SPIEGEL ONLINE).

Denn seit dem Frühjahr bestimmt eine Diskussion die sonst recht beschaulich Skisprung-Welt, die Verbände, Trainer und Athleten teils heftig aneinander geraten ließ. Der Aufreger waren neue Anzüge, die die Springer in Lillehammer nun erstmals im Wettbewerb tragen werden.

Der internationale Skiverband Fis hatte im Mai die neuen Anforderungen an die Sprunganzüge beschlossen. Mitten in der Vorbereitung auf die Wintersaison mussten sich die Springer komplett umstellen. Denn die Anzüge sind für sie viel mehr als nur funktionelle Bekleidung, sie sind essentieller Bestandteil der Ausrüstung, ebenbürtig mit den Skiern. Nach dem Absprung fängt der Athlet mit dem Anzug den Wind ein, je mehr Stoff, desto mehr Auftrieb - und auch Weite.

Doch nun liegen die Overalls wie eine zweite Haut am Körper an. Statt des Materials soll die Technik der Athleten Weite bringen. Doch die Betroffenen sehen die Neuerungen kritisch. "Wir haben gesehen, dass es mit den ganz engen Anzügen nicht richtig funktioniert hat. Der Stoff der Anzüge war für so viel Spannung einfach nicht geeignet und ist vereinfacht gesagt gerissen", sagte Gregor Schlierenzauer SPIEGEL ONLINE.

Der aktuelle Vierschanzentournee-Sieger beschwerte sich sogar schriftlich beim Verband. Mit Erfolg: Anfang Oktober lenkte der Fis ein. "Jetzt sind wir auf einem sehr guten Weg. Man hätte sich aber hier viel Energie und auch Geld sparen können", so Schlierenzauer.

Der Kompromiss sieht nun einen Abstand von zwei Zentimetern zwischen Haut und Anzug vor, geplant waren null Zentimeter. Früher erlaubten die Anzüge dreimal soviel Spiel. "Sicher ist, dass sich die Flugeigenschaften des Gesamtsystems Skispringer verschlechtern werden", sagt Schlierenzauer. Für den 22-Jährige steht fest: "Damit werden wir sicher mehr Anlauf benötigen, um auf dieselben Weiten zu kommen wie zuvor. Mehr Geschwindigkeit, gerade bei der Landung bedeutet auch immer ein wenig mehr Risiko. Technisch wird das Springen auch sicher noch ein wenig anspruchsvoller."

"Roter Knopf" soll mehr Sicherheit bringen - birgt aber auch Tücken

Walter Hofer verspricht sich durch diese Änderung, dass die "Leistungen der Athleten wieder wichtiger werden und neben den führenden Nationen auch neue Länder und Mannschaften an die Spitze drängen", sagte der Fis-Renndirektor auf der Homepage des Verbandes.

Doch auch das Skisprungteam des deutschen Skiverbandes haderte mit diesem, aus der Sicht des Bundestrainers Werner Schuster, "gravierenden Einschnitt." Während Hoffnungsträger Richard Freitag ob seiner kleineren Köpergröße von 1,73 Meter den Weitenverlust in der Vorbereitung deutlich bemerkte, zeigte sich der 1,90-Meter große Sommer-Grand-Prix-Sieger Andreas Wank zufrieden. "Ich bin durch die Regel sicher nicht benachtteiligt", so der 24-Jährige.

Doch die neuen Anzüge sind nicht die einzige wichtige Neuerung. Ähnlich umstritten ist auch die Einführung des sogenannten "roten Knopfes". Die Trainer können bei wechselnden Windbedingungen per Buzzer ihr Veto einlegen und die Anlauflänge für ihre jeweiligen Sportler um bis zu fünf Luken verkürzen. Den Anlauf zu verkürzen war auch früher schon möglich. Doch nun werden an den Springer Kompensationspunkte vergeben. So soll die Sicherheit weiter erhöht werden, nachdem es in der Vergangenheit bei schwierigen Windbedingungen und langen Anläufen schwere Stürze gegeben hatte.

Allerdings befürchten viele, dass der "rote Knopf" auch taktische und den Wettkampf aufhaltenden Tricksereien Tür und Tor öffnet. "Wenn das so angewendet wird, ist das für unsere Sportart kontraproduktiv", sagte Schuster. Auf zwei Athleten setzt der 43-Jährige besonders große Hoffnungen: Richard Freitag, Weltcupsechster des Vorjahres, und Severin Freund. Doch der 24-Jährige, der 2011 zwei Weltcupsiege feiern konnte, absolvierte nach einem Bandscheibenvorfall im April eine eingeschränkte Vorbereitung. "Ich will bei der Vierschanzentournee und den Weltmeisterschaften vorne dabei sein", so Freund.

Favoriten auf Weltcuperfolge und Vierschanzentournee-Sieg (30.12 bis 6.1) sowie die Skisprung-WM Ende Februar in Italien sind unter anderem Simon Ammann aus der Schweiz und dem norwegischen Weltcupgesamtsieger Anders Bardal aber auch in diesem Winter vor allem die Österreicher um Schlierenzauer. "Sie werden definitiv wieder die sein, die es zu schlagen gilt. Wir wollen kontinuierlich Druck machen, uns mit unseren Führungskräften etablieren", sagt Bundestrainer Schuster.

Schlierenzauer will von Vorschusslorbeeren nichts wissen, er weiß aus Erfahrung: "In erster Linie möchte ich einfach gut Skispringen. Das ist eh schon schwer genug."



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un-Diplomat 23.11.2012
1. Skispringen ...
Zitat von sysopGetty Images/bongartsDie Adler gehen wieder auf Weitenjagd: In Lillehammer beginnt die Weltcup-Saison der Skispringer, das deutsche Team will endlich zu den dominanten Österreichern aufschließen. Entscheidend wird dabei sein, wie sie mit zwei gravierenden Regeländerungen zurecht kommen. http://www.spiegel.de/sport/sonst/skispringen-saisonauftakt-2012-2013-in-lillehammer-a-868528.html
... ist Zirkus mit Regeln. Hochachtung vor den Artisten, aber für mich als Zuschauer uninteressant, sogar langweilig.
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