Skispringer Schmitt: Weiter, weiter, immer weiter

Aus Garmisch-Partenkirchen berichtet

Zu den Favoriten gehört Martin Schmitt bei dieser Vierschanzentournee nicht mehr, dennoch arbeitet der 34-Jährige so akribisch wie kaum ein anderer Athlet. Beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen müssen nun Ergebnisse her - sonst droht ein frühes Tournee-Aus.

Skispringer Schmitt: Plötzlich wieder im Fokus Fotos
DPA

Neujahr, Garmisch-Partenkirchen, die Vierschanzentournee: Millionen Menschen schauen sich das zweite Springen am 1. Januar im Fernsehen an, gerne auf der Couch, nach einer langen Silvesternacht. Seit 1921 gibt es das Neujahrsspringen bereits, seit 1952 die Tournee. Das Skispringen ist stolz auf seine Traditionen.

Kaum einer liebt diesen Sport mehr als Martin Schmitt. Und kaum einer erlebte das Neujahrsspringen zuletzt mit so gemischten Gefühlen wie der 34-Jährige. Nach dem Wettkampf am Dienstag (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ist Tournee-Halbzeit. Dann muss Bundestrainer Werner Schuster seinen Kader verkleinern - und der einstige Superstar Schmitt gehört zu den potentiellen Streichkandidaten.

Von einer Tradition kann man dabei zwar noch nicht sprechen, doch vergangene Saison erwischte es Schmitt schon einmal. Er hatte bei den ersten beiden Springen das Finale verpasst und durfte nicht mit nach Österreich zu den Wettkämpfen in Innsbruck und Bischofshofen.

Platz 52 in der Endabrechnung war die bittere Bilanz. Es hagelte Kritik, in Zeitungskommentaren wurde Schmitt zum Rücktritt aufgefordert, um "sein Denkmal nicht weiter zu schädigen", wie etwa die "B.Z." schrieb. Ein Tiefpunkt in der welligen Karriere von Martin Schmitt, zuvor Gewinner des Gesamtweltcups, Weltmeister und Olympiasieger.

Die Suche nach der Form als Dauerzustand

Nun ist es wieder so weit, die Große Olympiaschanze in Garmisch-Partenkirchen wartet. Vieles deutet im Moment darauf hin, dass es aufwärts geht für Schmitt. 130,5 Meter sprang er in Oberstdorf im zweiten Durchgang, wurde am Ende 16. Natürlich würde er gerne bis zum Ende bei der Tournee dabei sein, derzeit freue er sich aber vor allem darüber, "dass ich in so einer guten Form bin", so Schmitt. Ein Platz unter den besten 20 - ist das das Höchste der Gefühle für den ehemaligen Heilsbringer des deutschen Skispringens?

Vor elf Jahren erlebte Schmitt nach dem sagenhaften Aufstieg erstmals einen Karriereknick. Zu Beginn des Olympia-Winters 2001/2002 sprang er der Konkurrenz hinterher. Es folgten Verletzungen und Regeländerungen, auf die sich Schmitt stets neu einstellen musste. Doch es gab auch genug Erfolgserlebnisse, um Schmitt dabei bei Laune zu halten, was er einmal die "Suche nach meiner Form" nannte. Die Suche ist zum Dauerzustand geworden. Und dabei geht er äußerst akribisch vor.

Hat Schmitt nach seinen Sprüngen den Presse-Marathon absolviert, bleibt er oft am Rande der Auslaufzone stehen, ganz für sich, und beobachtet die Konkurrenten, wie sie von der Schanze herabschweben. Wie hoch ist der Absprung? Wie die Flugphase? Schmitt brenne noch immer wie am ersten Tag für seinen Sport und all seine Details, sagte Bundestrainer Schuster selbst während der schwierigen vergangenen Saison. In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" hatte Schmitt vor der aktuellen Tournee gesagt: "Skispringen hat halt eine gewisse Faszination für mich, und diesen Reiz hat es nicht eingebüßt. Warum, weiß ich nicht. Mich interessiert das einfach."

"Jetzt wird nur noch nachjustiert"

Der ehemalige Teamkollege und Co-Star Sven Hannawald beschreibt Schmitt als einen Athleten, der das Skispringen durchdringen und verstehen will. "Stand eine technische Neuerung an, hat Martin oft nachgefragt: 'wieso, weshalb, warum kommt das jetzt?'" Er selbst, so Hannawald, habe sich schneller damit abgefunden.

Immer wieder stand Schmitt vor Neuanfängen. Man kann erahnen, wie nervenzehrend es sein muss, der Sache stets en Detail auf den Grund gehen zu wollen, ja zu müssen. Vor zwei Jahren war es eine neue Bindung, auf die sich die Springer einzustellen hatten. In diesem Jahr sind es enger anliegende Anzüge.

Ein paar Zentimeter weniger hier, ein paar Grad mehr dort - kleine Materialänderungen haben beim Skispringen meist einen großen Effekt. Wer in der Weltklasse mitspringen will, muss neben der Technik zudem auch ein gutes Maß an Risikobereitschaft mitbringen, Zurückhaltung kostet Meter. "Ich traue mir immer noch eine Rückkehr zu", hatte Schmitt vor vier Wochen gesagt, "dass ich nicht mehr drei, vier Jahre skispringen werde, ist doch allen klar".

Diese Tournee könnte seine letzte sein, die Rückkehr ist bisher ganz gut gelungen. "Ich bin bei den Sprüngen bei mir geblieben und konnte dadurch das umsetzen, was ich mir vorgenommen hatte", sagte er nach dem Springen in Oberstdorf. Er habe sowohl im Training als auch im Wettkampf "immer wieder kleine Schritte gemacht - jetzt wird nur noch nachjustiert", zeigte sich Schmitt auch nach der Qualifikation in Garmisch-Partenkirchen am Montag zufrieden.

Dass die Zeiten Schmitts als Sieg-Favorit vorbei sind, darauf hatte sich Schuster bereits vor einem Jahr festgelegt: "Martin wird es nie mehr schaffen, an seine großen Siege anzuknüpfen. Diesem Ziel ist er lange genug hinterhergejagt". Die Ziele mögen inzwischen andere sein, aber die Jagd geht weiter.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. ein liebling
rerena 01.01.2013
Martin Schmitt ist der Boris Becker des Skispringen. So wie jetzt; wenn Martin nicht springt, ist halb so interessant!!! Ich bin glüclich, dass er dabei ist.
2.
decebalus911 01.01.2013
Zitat von rerenaMartin Schmitt ist der Boris Becker des Skispringen. So wie jetzt; wenn Martin nicht springt, ist halb so interessant!!! Ich bin glüclich, dass er dabei ist.
Ich halte Martin Schmitt für einen richtig sympathischen Menschen, diese Erfahrung machte ich auch, als ich Ihm mal zufällig in Süddeutschland begegnete. Aber ein Vergleich mit Bobele muss jetzt doch bitte nicht sein;-)
3. Respekt...
jankut 01.01.2013
... vor diesem Athleten. Es gibt nicht viele Sportler die sich nach so vielen Erfolgen und so vielen Rückschlägen noch so quälen können und wollen. Allerdings hingt der Vergleich mit Boris Becker schon ein wenig... Nach Becker steht niemand mehr nachts auf um sich ein Finale der Australien Open anzusehen.
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Große Olympiaschanze - Garmisch-Partenkirchen
dapd

Name: Große Olympiaschanze
Ort: Garmisch-Partenkirchen
Land: Deutschland
Zuschauerplätze: 35.000
Baujahr: 1921
Letzter Umbau: 2007
Schanzenrekord: 143,5 Meter durch Simon Ammann (Schweiz/2010)

Hier geht's zur offiziellen Homepage

Vierschanzentournee: Sieger seit 2000
Jahr Athlet
2014 Thomas Diethart (AUT)
2013 Gregor Schlierenzauer (AUT)
2012 Gregor Schlierenzauer (AUT)
2011 Thomas Morgenstern (AUT)
2010 Andreas Kofler (AUT)
2009 Wolfgang Loitzl (AUT)
2008 Janne Ahonen (FIN)
2007 Anders Jacobsen (NOR)
2006 J. Ahonen (FIN)/Jakub Janda (CZE)
2005 Janne Ahonen (FIN)
2004 Sigurd Pettersen (NOR)
2003 Janne Ahonen (FIN)
2002 Sven Hannawald (GER)
2001 Adam Malysz (POL)
2000 Andreas Widhölzel (AUT)