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18. Februar 2013, 16:35 Uhr

US-Skispringerin Hendrickson

"Ich hatte noch nie Angst, wenn ich oben stand"

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Das ist doch nichts für Frauen, die tun sich bei der Landung weh! Denkste: Skispringen ist seit Jahren weiblich, 2014 wird die Disziplin sogar olympisch. Und sie ist der Superstar: die erst 18-jährige Amerikanerin Sarah Hendrickson. Verblüffend, welche Weiten sie erreicht.

Hamburg - Es war der 6. April, der Sarah Hendricksons Leben veränderte. Der aus ihrem Hobby mit einem Mal einen ernstzunehmenden Leistungssport machte. An diesem Mittwoch vor fast zwei Jahren entschied das Internationale Olympische Komitee, dass Skispringen der Frauen ab 2014 olympisch sein, dass es einen eigenen Weltcup und regelmäßige Weltmeisterschaften geben wird. "Die Entwicklung, die mein Sport seitdem genommen hat, ist verrückt", sagt Hendrickson SPIEGEL ONLINE.

Die US-Amerikanerin ist 18 Jahre alt und eine der derzeit besten Skispringerinnen der Welt. Im vergangenen Jahr schrieb sie als erste offizielle Weltcupsiegerin Geschichte, neun von 13 Wettbewerbe hatte sie in der Saison gewonnen. In ihrer Heimat, im US-Bundesstaat Utah, bekamen das nur wenige mit, dort interessiert sich kaum jemand für Skispringen. Der beste - und einzige - männliche US-Athlet, Peter Frenette, belegt im Weltcup aktuell Rang 55.

Actionsport-Sponsor Red Bull hielt das nicht davon ab, Hendrickson unter Vertrag zu nehmen, und auch der Sportartikel-Riese Nike unterstützt sie seit einiger Zeit. Große Namen für einen Sport, den es in organisierter Form eigentlich erst seit knapp zehn Jahren gibt - und der immer nur dann im deutschen Fernsehen übertragen wird, wenn zeitgleich auch die Männer springen.

Noch bis vor gut 20 Jahren hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass der weibliche Körper zum Skispringen gänzlich ungeeignet sei, weil bei der heftigen Landung die Gebärmutter Schaden nehmen könnte.

Es fehlt an Homogenität in der Leistungsdichte

Sarah Hendrickson lacht: "Wie kann man so etwas denken? Klar kann in dem Sport etwas passieren, aber den Männern genauso wie den Frauen", sagt sie. Ihre schwerste Verletzung war bislang ein abgesprungenes Knorpelstück im Knie. Im vergangenen Frühjahr bohrten ihr Ärzte deshalb ein kleines Loch in den Oberschenkelknochen, bis dieser blutete. So sollte der Knorpel sich regenerieren können. "Es ist schon viel besser, aber ich bin noch nicht bei 100 Prozent", sagt Hendrickson.

Sie hofft, dass sie bis zum Start der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft im italienischen Val di Fiemme (20. Februar bis 2. März, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wieder fit wird. Denn dann soll der erste WM-Titel für die 18-Jährige her. Im vergangenen Jahr gewann sie auf dem gleichen Hügel den Weltcup und stellte mit 108 Metern den damaligen Schanzenrekord ein. Ihre bisherige Bestweite liegt bei 143 Metern - damit könnte sie locker bei den Männern mitspringen.

Auf einen Podestplatz von Hendrickson in Predazzo könnte man aber nicht nur deshalb guten Gewissens wetten. Denn hinter ihr und der derzeitigen Weltcupführenden Japanerin Sara Takanashi, 16, klafft eine große Lücke, auch wenn es im Weltcup so viele Nationen und Athletinnen wie noch nie gibt. "Vom sportlichen Wert der Wettkämpfe müssen wir heute keine Abstriche mehr machen", sagt Walter Hofer, Skisprungdirektor des Weltskiverbandes Fis. "Aber es fehlt noch an der Homogenität in der Leistungsdichte."

Größtes Vorbild: Hope Solo

Die beste Deutsche ist die 21-jährige Carina Vogt mit Rang sieben, dahinter folgt Katharina Althaus, 16, auf dem 22. Platz. "Es tobt derzeit ein Generationenkrieg, da die Trainingsälteren mit dem Materialwechsel nicht so zurechtkommen wie die Jüngeren", sagt der deutsche Cheftrainer Andreas Bauer. Zu Beginn der Saison erhielten die Frauen erstmals eigene Material- und Kleidungsvorschriften, zuvor waren sie in den Anzügen der Männer gesprungen.

"Ich finde, es ist ein Vorteil, dass wir nun engere Anzüge tragen, schließlich haben wir eine andere Körperform als Männer", sagt Hendrickson. Bei einer Körpergröße von 1,62 Metern wiegt sie 50 Kilogramm: Normalgewicht für eine Sportlerin mit ihrem Trainingspensum. Ob die Frauen im Skispringen ähnliche Sorgen um ihre Gewicht hätten wie die Männer? "Nein", sagt sie, etwas zu zögerlich. "Das spielt zum Glück keine so große Rolle." Mehr will sie nicht sagen, das Thema ist ihr unangenehm. Lieber betont sie, dass sie gar keine Probleme hatte, sich an die neuen Anzüge zu gewöhnen, "einfach annehmen, nicht skeptisch sein, dann klappt das auch", sagt sie.

Überhaupt scheint sie sich recht wenig Gedanken über mögliche Probleme machen zu wollen. "Ich hatte noch nie Angst, wenn ich oben auf der Schanze stand", sagt sie. Manchmal sei der Wind vielleicht etwas heftig, "aber ich vertraue meinem Trainer. Wenn der sagt 'Spring!', dann springe ich."

Sie habe es schon als kleines Mädchen geliebt, einfach draufloszufahren, sagt Hendrickson. Als Zweijährige stand sie das erste Mal auf Skiern, mit sieben das erste Mal auf einer Skisprungschanze. "Danach wollte ich nichts anderes mehr machen. Es ist ein einzigartiger Sport. Wer sonst fliegt ohne technische Hilfsmittel so schnell so weit durch die Luft?"

Sie ist sicher, dass auch andere diese Faszination irgendwann verstehen werden. "Ich glaube daran, dass mein Sport eine Zukunft hat", sagt sie. Ihr Vorbild, die US-amerikanische Fußballerin Hope Solo, habe auch lange um Aufmerksamkeit kämpfen müssen. Jetzt sei sie ein Star. "Aber bis dahin war es ein weiter Weg."

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