Aus Vancouver berichtet Andreas Morbach
Die Begleitmusik zu Whites zweitem Lauf passt: "TNT" von AC/DC donnert aus den Boxen. Am unteren Ende der Halfpipe warten 4400 Zuschauer auf die waghalsigen Sprünge des Snowboard-Superstars. Die Goldmedaille hat er schon sicher, da nur der bessere der beiden Finalläufe zählt und keiner der Konkurrenten die Wertung des Amerikaners aus dem ersten Lauf erreicht hat. Er ist der letzte Mann in der Halfpipe, das Schaulaufen kann beginnen.
Also zündet Shaun White zu "TNT" sein Dynamit.
Er zeigt der Halfpipe-Gemeinde zu seinen Füßen, was sie sehen will: Einen Sprung, den an diesem eisigen Abend unter der schmalen Mondsichel noch keiner der zwölf Finalisten gezeigt hat - und den auch keiner zeigen kann.
Keiner außer dem Kerl mit den feuerroten Haaren, dem ein Sponsor in einem ehemaligen Bergbaustädtchen auf 3000 Meter Höhe in Colorado eine private Halfpipe vor die Haustür gebaut hat. Dort studiert White Sprünge ein wie jenen, den er nun ganz zum Schluss seines Laufs zeigt: Den Double McTwist 1260 - eine dreieinhalbfache Drehung um die eigene Achse mit einem Doppelsalto. Atemberaubend.
"Der Sprung macht mich völlig fertig. Er laugt mich aus. Er ist mein bester Freund und schlimmster Feind. Es hat mich fast das Leben gekostet, ihn zu lernen", sagt White.
"Er legt vor, die andere legen nach"
Mit dem Double McTwist - und natürlich auch dem Double Cork, einem Doppelsalto mit mehreren Schrauben - ist er allen anderen um Längen voraus. Wieder einmal. Es ist bereits seine zweite Goldmedaille nach den Spielen von Turin 2006.
White, auf dessen Konto jährlich zehn Millionen US-Dollar an Werbeeinnahmen fließen, erfindet sein Genre stets aufs Neue. Es ist eine Art Grundgesetz in der Halfpipe, das der einzige deutsche Starter Christophe Schmidt (Platz 20) ungeniert beschreibt: "Er legt vor, die anderen legen nach."
Weil das so ist, wird Shaun White von seinen Kollegen einerseits bewundert, andererseits verachtet. Ihn umgibt die Aura des unausstehlichen Halfpipe-Genies. "Es gibt eine Menge Dummschwätzer da draußen, aber ich respektiere ihn", sagt Scott Lago, der hinter seinem überragenden Landsmann und dem Finnen Peetu Piiroinen Dritter wurde.
Nur eine Stunde später nahm er im Finale erneut Anlauf für den Double McTwist. Diesmal stand er den waghalsigen Sprung und gewann den prestigeträchtigen Wettbewerb zum dritten Mal hintereinander.
Was kommt als nächstes?
Die Konkurrenz fragt sich nun ehrfürchtig, auf welche Erfindungen sie bis zu den nächsten Olympischen Spielen in Sotschi 2014 reagieren muss. Damit wollte sich Shaun White noch nicht beschäftigen. Fürs Erste stand der 175 Zentimeter große Ausnahmesportler jubelnd in der monströsen Anlage in den Bergen nordwestlich von Vancouver, die groß wie ein zehnstöckiges Hochhaus in der Landschaft steht.
Er schmiss sein Brett durch die Luft, tanzte mit Teamkollege Lago durch den Schnee und hüllte seinen Oberkörper in die amerikanische Flagge. Später erzählte er über den Sprung des Abends: "Als ich da oben stand, sagte mein Coach zu mir: Mach es nicht - es sei denn, du stehst ihn."
White, der sich mit seinem Snowboard so unfassbar hoch in die Luft schrauben kann, gehorchte. "Ich wollte nicht den weiten Weg nach Vancouver gekommen sein, ohne hier die großen Waffen ausgepackt zu haben. Ich habe einfach das hingelegt, wofür ich so hart trainiert habe." Und was bleibt einem rastlosen Erneuerer wie ihm nach so einem Tag? "Keine Ahnung", sagt Shaun White. Er überlegt kurz und verkündet dann: "Schlafen. Und danach die Welt erobern."
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