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Sorgen um Olympia-Stimmung: "Das ist die russische Mentalität"

Aus Sotschi und Krasnaja Poljana berichten und

Olympische Winterspiele: Große Party Fotos
REUTERS

Das IOC überlegt, leere Plätze bei den Olympischen Spielen mit Volunteers aufzufüllen - der Welt sollen ausverkaufte Wettkampfstätten präsentiert werden. Dabei muss man sich um die Atmosphäre keine Sorgen machen, die Stimmung ist ausgelassen.

Olympische Winterspiele
Sotschi 2014
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Das IOC zeigte sich alarmiert. Man mache sich Sorgen um die Olympia-Atmosphäre in Sotschi, hieß es angesichts von Fernsehbildern, auf denen deutliche Besucherlücken zu sehen waren. Man überlege daher, leere Ränge mit Volunteers aufzufüllen. Aber warum eigentlich? Tatsächlich sind bei den Veranstaltungen einige Plätze frei geblieben, aber leere Stadien? Keine Stimmung?

Wer zum Beispiel die bisherigen Wettbewerbe im Langlauf- und Biathlon-Stadion "Laura" oder dem Alpin-Center in Rosa Chutor verfolgte, bekam meistens einen ganz anderen Eindruck.

Beim Biathlon blieben nur wenige Plätze auf den Tribünen unbesetzt. Und wer von leisen Veranstaltungen berichtet, hat sich wohl die Ohren zugehalten. Natürlich feuerten die Russen vor allem ihre eigenen Athleten an, aber das taten sie ausgesprochen ausdauernd. So wurde die Biathletin Jekaterina Schumilowa auch dann noch frenetisch gefeiert, als sie nach zwei Fehlschüssen hoffnungslos zurückgefallen war. Bei der Super-Kombination der Frauen am Montag wurde es besonders laut, als Jelena Jakowischina als 20. den Berg hinunter fuhr.

"Das eigene Wort nicht verstanden"

Selbst beim Curling, beileibe keine russische Nationalsportart, war es "so laut, wie ich es noch nie erlebt habe", sagte der deutsche Skip John Jahr. "Wir haben unser eigenes Wort nicht verstanden, eine tolle Atmosphäre", war auch sein Teamkollege Felix Schulze voll des Lobes.

Sie feiern hier mittlerweile eine große Party, es ist ihre Party, aber jeder ist dazu herzlich eingeladen. Ob US-Amerikaner oder Deutsche, bei den alpinen Wettbewerben der Frauen war die Stimmung ausgelassen. Maria Höfl-Riesch hat es den Russen offenbar besonders angetan, sie firmiert bei den Stadiondurchsagen als "Queen of Alpine Skiing" und wird besonders laut angefeuert.

Bei der Männer-Abfahrt am Tag zuvor blieben dagegen viele Plätze leer. Und es scheinen diese Lücken zu sein, die das Bild im Rest der Welt bestimmen. Dabei muss man nur den Blick auf den Rosa Chutor Extreme Park lenken, wo bei den Abendveranstaltungen der Freestyler die Tribünen prall gefüllt sind.

Und es gibt ja auch Gründe für die Lücken, die zu Beginn der Spiele zu sehen waren. Bisher waren die meisten Tickets für die Events online verkauft worden. Das Verfahren hat sich aber offenbar nicht bewährt, denn mittlerweile sind die Eintrittskarten im Tagesverkauf erhältlich. Und dort bilden sich plötzlich sehr lange Schlangen. Alexandra Kosterina vom Organisationskomitee hat dafür eine ganz eigene Erklärung: Das liege "an der russischen Mentalität, zu Veranstaltungen immer erst im letzten Moment aufzutauchen", sagte sie auf einer Pressekonferenz. Hier müsse man das russische Publikum noch erziehen.

Ausländische Besucher durch Schlagzeilen abgeschreckt

Zudem haben die zahlreichen Negativmeldungen, die Sotschi im Vorfeld produziert hat, ganz augenscheinlich potentielle Olympia-Touristen aus dem Ausland abgeschreckt. Sehr deutlich wird das beim Eisschnelllauf, wo die Niederländer normalerweise nicht nur die Konkurrenz dominieren, sondern auch die Stimmung auf den Rängen. In der Adler-Arena sind zwar die Sitze orange angemalt, aber die angereiste niederländische Kolonie ist vergleichsweise klein. Was die niederländischen Journalisten dezidiert auf das Negativ-Image der Spiele zurückführen. Gut gefüllt ist die Halle trotzdem. Wenn sie auch bisher nicht ausverkauft war.

Dass die Tickets für die Olympischen Winterspiele gerade in Russland zudem nicht für jeden erschwinglich sind, ist kein großes Geheimnis. Wenn für Events wie das Paarlauf-Finale Kartenpreise von mehr als 500 Euro bezahlt werden müssen, wenn die Schlussfeier sogar mit einem Ticketpreis von 600 Euro gehandelt wird, dann bleibt mancher zu Hause und guckt lieber kostenneutral vor dem Fernseher.

Aber wer von schlechter Stimmung redet, hat die Veranstaltungen tatsächlich nicht besucht. Beim Shorttrack hat die Halle getobt, beim russischen Gold im Eiskunstlauf hatte man Sorge um die Architektur des Eisberg-Palastes. Die fehlende Olympia-Stimmung ist eine Mär.

Und die Idee, Ränge mit Volunteers aufzufüllen, haben die Russen auch nicht erfunden. Das wurde bereits in Vancouver und in London so gemacht.

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1.
till2010 10.02.2014
Es ist doch absurd zu glauben man müsse den erst mal Russen das laufen beibringen. Wenn es um Gastfreundschaft geht, dann machen die uns allen noch was vor. Dafür sind sie bekannt und das liegt in ihrer Natur. Sie haben gezeigt das sie die Spiele gut vorbereitet und organisiert haben und dafür sollten wir dankbar sein. Keiner der Sportler wird anschließend schlechte Erinnerungen an die Winterspiele haben, soviel ist gewiß. Außerdem sollten gerade wir Deutsche uns mit Kritik bedeckt halten in dem Bewußtsein was wir dem russischen Volk im zweiten Weltkrieg angetan haben. Aber sie haben uns verziehen und wir weden dort im Gegensatz zu anderen Nationen (denen wir es finanzpolitisch nicht recht gemacht haben) nicht als Nazis verrufen. Zeigt doch einfach mal Freude und Dankbarkeit für die perfekte Ausrichtung der olympischen Winterspiele.
2. optional
paragraphic 10.02.2014
Die negative Berichterstattung im Vorfeld der Olympiade war beschämend, so, als ob wir noch mitten im kalten Krieg wären. Die Moderatoren im bayerischen Rundfunk waren sich nicht zu schade, vor Weihnachten dringend davon abzuraten, Karten für Sotschi unter den Christbaum zu legen ( Putinspiele usw. ).
3. Olympia-Stimmung
haarer.15 10.02.2014
Ist doch bisher gut. Leere Ränge werden am TV eigentlich gar nicht wahrgenommen. Und es sind auch erst 3 Tage vergangen seit Beginn der Wettkämpfe. Etliche Disziplinen kommen erst noch, die für Russland interessant werden.
4.
lemmuh 10.02.2014
Zitat von till2010Es ist doch absurd zu glauben man müsse den erst mal Russen das laufen beibringen. Wenn es um Gastfreundschaft geht, dann machen die uns allen noch was vor. Dafür sind sie bekannt und das liegt in ihrer Natur. Sie haben gezeigt das sie die Spiele gut vorbereitet und organisiert haben und dafür sollten wir dankbar sein. Keiner der Sportler wird anschließend schlechte Erinnerungen an die Winterspiele haben, soviel ist gewiß. Außerdem sollten gerade wir Deutsche uns mit Kritik bedeckt halten in dem Bewußtsein was wir dem russischen Volk im zweiten Weltkrieg angetan haben. Aber sie haben uns verziehen und wir weden dort im Gegensatz zu anderen Nationen (denen wir es finanzpolitisch nicht recht gemacht haben) nicht als Nazis verrufen. Zeigt doch einfach mal Freude und Dankbarkeit für die perfekte Ausrichtung der olympischen Winterspiele.
Schon ein starkes Stück. Wir dürfen also die aktuelle politische Situation nicht kritisieren, wegen dem was unsere Vorfahren im zweiten Weltkrieg getan haben? Nein, wir dürfen uns noch nicht einmal die unfertigen Hotels lustig machen - die ja wohl nicht für die von ihnen erwähnte perfekte Planung sprechen. Ich glaube Sie sollten sich Ihre Logik noch einmal überlegen. Was passiert denn dann erst, wenn ich meinem Urlaubshotel in Tel Aviv eine schlechte Bewertung gebe? Zum Zweiten ist es wohl kaum sinnvoll, die persönliche Gastfreundschaft, die auch im heutigen Russland noch einen gewissen Stellenwert hat, mit einer wirtschaftlich organisierten milliardenteuren Veranstaltung in Verbindung zu bringen. Das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun und ist darüber hinaus ein vollkommen plattes Klischee.
5. Olympia ist immer auch ein politisches Statement
JKStiller 10.02.2014
der austragenden Nation. Leere Ränge mag es auch bei anderen Olympiaden gegeben haben, doch die Gründe unterscheiden sich hier wohl deutlich. Russland ist keine Demo-, sondern eine Autokratie von Putins Gnaden, was allein schon eine Reise dorthin immer eine zweite Meinung wert ist. Dazu kommen -nicht in der Reihenfolge - Homophobie, Terrorangst, schlechte Hotels, betrogene Arbeiter, zu viel nationaler Pathos. Ich wünschte, ich wäre mal beim Judo von Putin aufs Kreuz gelegt worden. Dann wäre ich heute reich.
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1. Russland 13 11 9
2. Norwegen 11 5 10
3. Kanada 10 10 5
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