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Freeskierin Lisa Zimmermann: Furchtloses Wunderkind

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Lisa Zimmermann ist eine der größten deutschen Medaillenhoffnungen. Disziplin: Freeskiing. Alter: 17. Als einzige Frau schafft sie den Double Cork 1260, einen Trick, mit dem sich selbst viele Männer schwertun. Ihr Erfolgsgeheimnis: Mut, viel Spaß - und eine Ausbildung im Eiskunstlauf.

Lisa Zimmermann: Die deutsche Slopestyle-Hoffnung Fotos
Getty Images

An dieser Geschichte ist einiges Verblüffendes, am meisten aber wohl: Eine der größten olympischen Medaillenhoffnungen Deutschlands, dieser Nation der Bobfahrer und Rodler, ist eine Slopestyle-Freeskierin, 17 Jahre alt. Lisa Zimmermann hat ihren Sport auf eine neue Ebene gehoben, dabei hat sie erst vor knapp vier Jahren damit begonnen. Eigentlich sollte sie eine erfolgreiche Eiskunstläuferin werden.

Nun ist Lisa Zimmermann bei den Winterspielen in Sotschi, und es ist sehr wahrscheinlich, dass sie nach ihrem ersten olympischen Auftritt am Dienstag (ab 13.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), der zugleich die Olympia-Premiere ihrer Disziplin ist, auf dem Siegerpodest stehen wird. Es würde zu dieser Geschichte passen.

Sie beginnt an einem Winterwochenende im Jahr 2010. Lisa Zimmermann, geboren und aufgewachsen im bayerischen Bad Aibling bei Rosenheim, begleitet den Bruder zum Skifahren in die Berge. Und erlebt etwas, das ihr bis dahin fremd gewesen ist: die Freiheit, selbst zu entscheiden, welche Piste die nächste sein wird, welcher Sprung sich am besten anfühlt. Kein Trainer ruft ihr zu, dass er einen zweifachen Lutz sehen möchte oder einen vierfachen Toeloop. Lisa Zimmermann springt einfach, und sie springt schnell besser als all die Älteren.

Bislang blieb sie verschont von Verletzungen

"Ich fing an, das Eiskunstlauftraining zu schwänzen, weil mir das Skifahren mehr Spaß machte. Vorher habe ich vier, fünf Stunden am Tag am Olympiastützpunkt trainiert", sagt sie. "Im Freeski ist es genau das Gegenteil. Man fährt mit seinen Freunden herum und lernt so neue Tricks, durch Nachmachen und Ausprobieren." Lisa Zimmermann entscheidet sich gegen das Eiskunstlaufen, ihre Mutter ist nicht froh darüber, steht die Tochter doch kurz vor der Aufnahme in den Nationalkader.

Warum nur Freeskiing? Warum Slopestyle? Das Springen über haushohe Schanzen und Hindernisse ist gefährlich, weiß die Mutter, es ist wild; richtige Trainer oder Strukturen gibt es zu der Zeit noch nicht. Und ihre Lisa ist doch erst 14, ein zartes Mädchen mit langen blonden Haaren, eine Eisprinzessin.

Verändert hat sich Lisa Zimmermann seither wenig, noch immer ist sie oft die Schmalste und Kleinste bei den Slopestyle-Wettbewerben, sie versinkt in ihrem Schlabberpulli und der weiten Skihose. Überraschend sind deshalb die Kraft und der Mut, mit denen sie sich die Parcours herunterwirft. Sie hat bislang auch Glück gehabt. Wirklich schwer stürzt sie nur einmal, als sie den Double Cork 1260 übt, eine doppelte Überkopfdrehung mit dreieinhalb Schrauben. "Ich hatte eine Gehirnerschütterung, aber das ist nichts Besonderes in unserem Sport", sagt sie. Wenig später steht sie den Sprung, als erste Frau. Viel mehr geht auch bei den Männern nicht.

Es ist die Unbekümmertheit, die Lisa Zimmermann beim Ausprobieren neuer Sprünge fliegen lässt, aber es ist auch ihre harte Ausbildung auf dem Eis. Die meisten Freeskier sind frühere Alpin-Skifahrer, die Sehnsucht nach mehr Waghalsigkeit hatten. Lisa Zimmermann bringt vom Eiskunstlauf nicht nur das Gefühl fürs Gleiten mit, sondern auch für den richtigen Absprung und die Drehungen. "Ich habe in meinen Tricks viele Spins drin, die technisch anspruchsvoll sind. Ich schaue sie mir bei den Jungs ab. Deshalb bin ich vorne dabei", sagt sie.

In Deutschland gibt es keinen geeigneten Snowpark

Drei Wochen vor Beginn der Olympischen Winterspiele gelingt ihr im Schweizer Gstaad ein weiteres Novum: Sie ist die erste Deutsche, die einen Slopestyle-Weltcup gewinnt. Ihr Sieg ist bemerkenswert, sein Zeitpunkt aber wenig verwunderlich. Das Freeskiing ist in Deutschland noch jung, man kann sagen: So richtig vorwärts geht es erst seit 2010, dem Jahr, in dem das Internationale Olympische Komitee beschloss, die Slopestyler 2014 erstmals ins olympische Programm aufzunehmen.

Ein Jahr später gründete sich das Freeski-Nationalteam, seit 2012 gehören die Freeskier zum Deutschen Skiverband (DSV). Sie profitieren von den professionellen Strukturen des Dachverbands, finanziell, aber auch bei der medizinischen Versorgung. Es gibt mittlerweile sogar einen Bundestrainer, den 27-jährigen Thomas Hlawitschka, der vom DSV bezahlt wird. Die jungen Freigeister und traditionellen Skifahrer haben sich einander angenähert, auch wenn vieles noch nicht funktioniert.

So gibt es in Deutschland etwa keinen geeigneten Snowpark, in dem die besten DSV-Freeskier trainieren können. Sie müssen nach Österreich fahren oder in die USA fliegen, in das Geburtsland der Freestyler, zu denen Freeskier und Snowboarder gehören. Auch in der Vorbereitung auf Sotschi blieb ihnen keine andere Wahl.

Es könnte helfen, wenn Lisa Zimmermann im russischen Rosa-Khutor-Extremepark ihre waghalsigen Sprünge zeigt, wenn sie vielleicht sogar eine Medaille gewinnt. "Ein bisschen übertrieben" sei diese Erwartung, sagte Bundestrainer Hlawitschka vor Weihnachten, aber da hatte er seine beste Springerin auch noch nicht in Gstaad gesehen. Geschichte wird manchmal schneller geschrieben, als man es für möglich hält.

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1. Vierfach
MarioDeMonti 10.02.2014
Zitat von sysopGetty ImagesLisa Zimmermann ist eine der größten deutschen Medaillenhoffnungen. Disziplin: Freeskiing. Alter: 17. Als einzige Frau schafft sie den Double Cork 1260, einen Trick, mit dem sich selbst viele Männer schwertun. Ihr Erfolgsgeheimnis: Mut, viel Spaß - und eine Ausbildung im Eiskunstlauf. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/sotschi-lisa-zimmermann-tritt-im-freeski-slopestyle-an-a-950348.html
Also, wenn ihr Trainer ernsthaft von einer Vierzehnjährigen einen vierfachen Toeloop verlangt hat dann war er entweder größenwahnsinnig oder das Eiskunstlaufen hat ein Jahrhunderttalent verloren ;-) http://en.wikipedia.org/wiki/Quadruple_jump#Ladies Wenn Lisa Zimmermann jetzt ihren Sport gefunden hat, der ihr Spaß macht und für den sie Talent hat, kann man ihr nur viel Erfolg wünschen. Alles Gute und das entscheidende Quentchen Glück. P.S. Der interessanteste Karrierewechsel im Sport ist für mich allerdings immer noch der von Julia rohde. http://de.wikipedia.org/wiki/Julia_Rohde Vom Turniertanzen zum Gewichtheben
2.
gorkamorka 10.02.2014
Zitat von MarioDeMontiAlso, wenn ihr Trainer ernsthaft von einer Vierzehnjährigen einen vierfachen Toeloop verlangt hat dann war er entweder größenwahnsinnig oder das Eiskunstlaufen hat ein Jahrhunderttalent verloren ;-) http://en.wikipedia.org/wiki/Quadruple_jump#Ladies Wenn Lisa Zimmermann jetzt ihren Sport gefunden hat, der ihr Spaß macht und für den sie Talent hat, kann man ihr nur viel Erfolg wünschen. Alles Gute und das entscheidende Quentchen Glück. P.S. Der interessanteste Karrierewechsel im Sport ist für mich allerdings immer noch der von Julia rohde. http://de.wikipedia.org/wiki/Julia_Rohde Vom Turniertanzen zum Gewichtheben
Mit Skifreestyle kann sie wesentlich mehr Geld und Fame bekommen, als mit Eiskunstlauf. Red Bull und Co. lässt grüßen.
3. Viel Erfolg
TaxX 10.02.2014
Wünsche ich Lisa bei ihrem Auftritt. Das ist in meinen Augen der wahre olympische Gedanke. Die jungen Leute der Welt treffen sich ohne finanzielle Hintergedanken um im friedlichen Wettstreit den Besten und die Beste zu ermitteln. Das geht wahrscheinlich nur noch dann, wenn eine Sportart neu ist. Sobald sich Geld damit verdienen lässt, ist das vorbei. Schön, dass es noch Sportler gibt, die ihre Welt gemeinsam erkunden und ihre Grenzen miteinander finden.
4.
mongolord 10.02.2014
Zitat von gorkamorkaMit Skifreestyle kann sie wesentlich mehr Geld und Fame bekommen, als mit Eiskunstlauf. Red Bull und Co. lässt grüßen.
Jo stimmt natürlich auch. Find ich auch sehr positiv das wenigstens ein großer Konzern viele Nieschensportarten massiv unterstützt und so großartigen Athleten ein Auskommen ermöglicht und Gehör verschafft. Nebenbei ziemlich clevere Werbung dadurch...
5. Relativ
MarioDeMonti 11.02.2014
Zitat von gorkamorkaMit Skifreestyle kann sie wesentlich mehr Geld und Fame bekommen, als mit Eiskunstlauf. Red Bull und Co. lässt grüßen.
Ich wollte eigentlich nur darauf hinweisen, dass die Autorin so locker von vierfachen Sprüngen (für dich 1440 ;-) ) schreibt, die bei den Männer schon nur die besten beherrschen und bei den Frauen die absolute Ausnahme sind. Da braucht es schon ein Sprungwunder wie z.B. Surya Bonaly. Aber glaub mir, die mittlerweile in Las Vegas lebende Bonaly oder auch Katarina Witt nagen heute nicht am Hungertuch, auch mit Eiskunstlaufen lässt sich im Profibereich mit Eisshows und Werbung gut verdienen, besonders in den USA. Surya Bonaly konnte übrigens auch Salti auf dem Eis, aber solche spektakulären Sprünge sind im Wettbewerb wegen des Verletzungsrisikos verboten. Und Helm und Rückenprotektor sehen über den Kostümen einfach nicht aus. Vielleicht sollte man so etwas wie Extrem Figure Skating erfinden, mit Schutzkleidung und ein paar kleinen Rampen auf dem Eis, dann könnte einige Sportler mal zeigen, was sie wirklich können ;-) P.S. Kopf hoch, Lisa, in vier Jahren schaffst du es in Südkorea!
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Freestyle-Ski-Glossar
Buckelpiste
Auch Moguls genannt. Die Athleten müssen eine künstlich angelegte Buckelpiste herunterfahren, dabei sind zwei Sprünge Pflicht. Punkte von den Kampfrichtern gibt es für die Technik, mit der die Buckelpiste bewältigt wird, und für die Ausführung der Sprünge. Auch die Geschwindigkeit fließt anhand einer speziellen Formel in die Wertung ein. Sieger ist derjenige mit der höchsten Gesamtpunktzahl.
Halfpipe
In der Halfpipe müssen die Athleten verschiedenste Tricks zeigen - Salti, Flips, Grabs und Twists. Punkte gibt es für die Schwierigkeit und die Ausführung der Tricks. In der Qualifikation und den Finalrunden werden je zwei Läufe absolviert, deren Punkte addiert werden. Der Wettbewerb ist bei den Winterspielen in Sotschi erstmals olympisch.
Skicross
Dieser Wettbewerb besteht ebenfalls aus Qualifikation und Finalrunde. In der Quali fahren die Athleten eine rund 1000 Meter lange Strecke mit Steilkurven, Sprüngen, Wellen und anderen Hindernissen ab. Die Fahrer mit den schnellsten Zeiten qualifizieren sich für die K.o.-Phase, die mit dem Achtelfinale beginnt, und werden in Vierergruppen eingeteilt. Dort treten alle Fahrer einer Gruppe in sogenannten Heats gleichzeitig gegeneinander an, die beiden Erstplatzierten kommen jeweils in die nächste Runde.
Slopestyle
Erstmals ist Slopestyle 2014 im Programm der Olympischen Winterspiele. Auf einem Parcours, der einem Skatepark ähnelt, gibt es verschiedenste Rails, Pipes und Sprünge. Die Athleten versuchen, die Elemente zu kombinieren und dort möglichst schwierige Tricks zu vollführen, die hinsichtlich ihrer Schwierigkeit und der Ausführung bewertet werden. Pro K.o.-Runde gibt es zwei Durchgänge, der bessere Lauf wird gewertet.
Springen
Die Sprünge werden auch Aerials genannt. Die Athleten zeigen Kunstsprünge, in denen sie Salti, Drehungen oder Grätschen kombinieren. Zuvor springen sie von einer steilen Sprungschanze ab. Die Kampfrichter bewerten den Absprung, die Flugphase und die Landung. Die verschiedenen Sprünge haben zudem jeweils einen bestimmten Schwierigkeitsgrad, der ebenfalls in die Wertung miteinfließt. In jeder Runde werden zwei Sprünge absolviert, deren Punkte addiert werden.


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