Furcht vor Terror in Sotschi USA schicken Kriegsschiffe ins Schwarze Meer

In den USA wächst die Sorge vor einem Terroranschlag bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi. Doch bisher verweigert Russland die Zusammenarbeit mit US-Sicherheitskräften. Jetzt handelt Washington auf eigene Faust.

Eisstadion in Sotschi: "Die wollen nicht zugeben, dass sie nicht die komplette Kontrolle haben"
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Eisstadion in Sotschi: "Die wollen nicht zugeben, dass sie nicht die komplette Kontrolle haben"

Von , New York


Noch hofft Seth Wescott. Diese Woche erfährt der US-Snowboarder, ob er sich für die Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi qualifiziert hat. Doch selbst wenn es der zweifache Goldmedaillengewinner schafft: An der Eröffnungsfeier will er trotzdem nicht teilnehmen.

Der Grund: Wescott hat Terrorangst. Die weltweit im Fernsehen übertragene Zeremonie biete schließlich die "beste Gelegenheit" für einen Anschlag radikaler Gruppen, sagte der 37-Jährige aus Maine seiner Heimatzeitung "Portland Press Herald". "Ich bin sehr besorgt."

Damit steht Wescott kaum mehr alleine. In den USA - die mit 224 Sportlern das größte Team bereitstellen - wachsen die Zweifel an den Sicherheitsmaßnahmen in Sotschi. Und zwar längst nicht mehr nur bei den Athleten, die teils sogar schon private Schutzfirmen angeheuert haben. Sondern auch im US-Kongress und im Weißen Haus selbst.

Die Nervosität steigt. Vor allem seit dem Drohvideo, das am Wochenende auf einer tschetschenischen Extremisten-Website auftauchte. Darin kündigen die mutmaßlichen Attentäter von Wolgograd in Sotschi weitere tödliche "Überraschungen" an.

Offiziell sind Washington die Hände gebunden: Alle Sicherheitsfragen obliegen dem Gastland. Russlands Präsident Wladimir Putin mobilisiert drei Milliarden Dollar und mehr als 50.000 Sicherheitskräfte in Sotschi. Eine Zusammenarbeit mit US-Experten aber lehnt er ab. Nach den Verstimmungen um den NSA-Whistleblower Edward Snowden würden die Amerikaner "nicht mit offenen Armen begrüßt", hieß es in US-Kreisen.

CIA-Agenten unerwünscht

Intern jedoch rüstet sich das Weiße Haus für den Ernstfall. So wird das US-Militär, wie CNN am Montag erfuhr, "bis zu zwei Kriegsschiffe und mehrere große Transportflugzeuge" im Schwarzen Meer "auf Abruf" halten, um Amerikaner evakuieren zu können. "Falls die Russen um Hilfe bitten", ergänzte ein Pentagon-Beamter diplomatisch.

Das State Department rät unterdessen allen rund 15.000 Amerikanern, die in Sotschi erwartet werden, besonders "wachsam" zu sein: "Öffentliche Großveranstaltungen wie die Olympischen Spiele sind ein attraktives Ziel für Terroristen", hieß es in einer Reisewarnung. Auch lasse die medizinische Versorgung in Russland zu wünschen übrig. Eine private Zusatzkrankenversicherung sei anzuraten.

"Die wollen nicht zugeben, dass sie nicht die komplette Kontrolle haben und etwas Hilfe gebrauchen könnten", sagte der frühere CIA-Vizedirektor Michael Morell im Network CBS über die russische Politik. Vor allem die offene Präsenz von CIA-Agenten soll sich Moskau verbeten haben.

Deshalb ist die Zahl der nach Sotschi entsandten US-Sicherheitsexperten diesmal auch spürbar geringer als bei früheren Spielen. Das FBI schickt nur knapp 40 Beamte nach Russland, zehn weniger als 2010 zu den Sommerspielen in London. Zu den Spielen in China (2008), Italien (2006) und Griechenland (2004) hatte die US-Bundespolizei sogar je 100 beordert.

"Eine interessante Reise"

Auch im Kongress rührt sich Unmut. "Wir scheinen nicht alle Informationen zu bekommen, die wir brauchen, um unsere Athleten zu beschützen", beschwerte sich der Republikaner Mike Rogers, der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im US-Repräsentantenhaus, auf CNN. Parteifreund Michael McCaul, der den Heimatschutzausschuss leitet, reiste am Montag nach Sotschi, um sich vor Ort umzutun. Die Zusammenarbeit mit Moskau, klagte er auf ABC, "könnte viel besser sein".

Die Unruhe wächst auch beim Network NBC, das die Spiele in den USA exklusiv überträgt. Für den Mediengiganten - der fast ein Milliarde Dollar für die Rechte hingelegt hat - ist ein glatter Ablauf des Sportereignisses unverzichtbar: "Die Seele dieses Unternehmens sind die Olympischen Spiele", sagte NBCUniversal-Chef Steve Burke, als er vorige Woche das Sotschi-Programm vorstellte.

Vorsichtshalber schickt NBC nicht nur sein gesamtes Sport-Team nach Sotschi. Sondern auch etliche terror- und kriegserfahrene Reporter, darunter Chefkorrespondent Richard Engel. "Wir wissen, dass uns mit Sotschi eine interessante Reise bevorsteht", sagte NBC-Top-Anchorman Matt Lauer und erinnerte an die Sommerspiele 1996 in Atlanta, die von einem Bombenattentat überschattet wurden.

Selbst die US-Athleten überlassen nichts dem Zufall. Das Ski- und Snowboardteam hat die private Sicherheitsfirma Global Rescue mit seinem Schutz beauftragt. Das Unternehmen aus Boston, das Militärveteranen beschäftigt, evakuierte zuletzt Amerikaner aus den Wirren des Arabischen Frühlings.

Geschäftsführer Tiger Shaw freut sich auf die Herausforderung: "Wir sind gut für Sotschi gewappnet."

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