Sprungstar Schlierenzauer Ein Klassensprecher als Überflieger

Nach zwei Springen der Vierschanzentournee führt der 16-jährige Österreicher Gregor Schlierenzauer die Gesamtwertung an. Sein berühmter Onkel managt ihn, seine Trainer trauen ihm alles zu, und die Konkurrenten staunen über die perfekte Technik des Schülers.

Von Roland Wiedemann


Als der österreichische Radioreporter fragte, ob das denn die Geburtsstunde eines neuen Schanzenkönigs war, schaute ihn Gregor Schlierenzauer verlegen an. Der junge Bursche mit den Pickeln auf der Wange lächelte und entschied sich für die Standardversion eines Sportlers, wenn ein Journalist den Hang zur Überhöhung offenbart. "Die Saison ist noch lang. Ich schaue nur von Sprung zu Sprung", sagte der gelassene 16-Jährige dem aufgeregten ORF-Mann ins Mikrofon. Wohl wissend, dass er gerade beim Auftaktspringen der Vierschanzentournee in Oberstdorf die Weltelite sehr alt hatte aussehen lassen.

Jungstar Schlierenzauer: Blick nach oben
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Jungstar Schlierenzauer: Blick nach oben

Heute bestand Gregor Schlierenzauer die zweite große Reifeprüfung. Er behielt beim Wind-Roulette in Garmisch-Partenkirchen die Nerven, sprang bei grenzwertigen Verhältnissen auf Platz vier und führt die Tournee-Gesamtwertung weiterhin an - wenn auch knapp vor dem Schweizer Andreas Küttel.

Es sind Augenblicke wie der nach dem Sieg in Oberstdorf, in denen sich Gregor Schlierenzauer zu wundern scheint, was um ihn herum passiert. Im vergangenen Winter galt er noch als hoffnungsvolles Talent – mehr nicht. Er war ein Nachwuchsspringer unter vielen aus dem Skigymnasium Stams, der berühmten Kaderschmiede des österreichischen Skisports. "Gregor, wenn du dich für die Junioren-WM qualifizierst, dann ist das super", sagte ihm vor der Saison 2005/2006 sein Onkel Markus Prock, der als Rennrodler zweimal Weltmeister wurde. Schlierenzauer qualifizierte sich - und gewann prompt den Titel.

Es folgte eine Leistungsexplosion, die Fachwelt und Konkurrenz gleichermaßen schwärmen lässt. "Es war sehr reizvoll zu sehen, was die absolute Perfektion auf der Schanze ausmacht“, meint selbst Küttel, sein härtester Rivale um den Gesamtsieg, zu Schlierenzauers Skisprung-Demonstration beim Tournee-Auftakt.

Inzwischen ist Markus Prock nicht mehr nur Onkel, sondern auch eine Art Manager des Jungstars vom SV Innsbruck-Bergisel. Erst kürzlich ist ein Sponsoren-Vertrag mit dem Hersteller eine Energiedrinks unterschrieben worden, der angeblich Flügel verleihen soll. "Markus ist sehr wichtig für mich. Ohne ihn geht es nicht mehr", betont Schlierenzauer. "Schlieri", wie sie ihn in Österreich nennen, ist daheim ein Volksheld. "Sämtliche Zeitungen wollen Homestorys", erzählt Prock SPIEGEL ONLINE. Denn alle sind begierig, zu wissen: Was ist das für ein Mensch, dieser Newcomer mit dem Milchgesicht?

Gregor Schlierenzauer kocht gerne, ist Klassensprecher am Gymnasium und ein talentierter Fußballer. So viel weiß man inzwischen. Der Onkel beschreibt seinen Neffen als eher ruhigen Typen, "der sich aber schon traut, was zu sagen." Und der sehr weit für sein Alter sei: "Ernährung, Lebenswandel und Einstellung zum Sport – da braucht man ihm nichts vorzuschreiben." Der Teenager selbst, der als Neunjähriger mit dem Skispringen begann, schätzt sich selbst ein als einen, „der seine Sachen immer sehr konsequent durchzieht".

Das könnte bedeuten, dass Gregor Schlierenzauer am 7. Januar in Bischofshofen als Gesamtsieger der Vierschanzentournee Geschichte schreibt. Es ist der dem Tag, an dem er 17 Jahre alt wird. Toni Innauer, Rennsportdirektor beim österreichischen Skiverband, traut dem Jungstar alles zu. "Aber die nächsten Tage werden viel Energie kosten", warnt die Skisprunglegende. Innauer erinnert im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE daran, dass Schlierenzauer im vergangenen Jahr bei den Nachwuchswettkämpfen lediglich vor ein paar Freunden und Verwandten gesprungen ist: "Jetzt sehen ihm Zehntausende im Stadion zu. Das und das Medieninteresse muss ein junger Bursche erst mal verarbeiten." Die kuhglockenschwingenden Massen in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen scheinen ihn zumindest nicht besonders beeindruckt zu haben.

Es ist noch nicht lange her, da bewegten sich Innauers Sohn Mario und Gregor Schlierenzauer auf annähernd gleichem Niveau. "Der Mario lag sogar bei 70 Prozent der Wettkämpfe vorn", sagt Innauer im Mannschaftshotel. Doch dann zog Schlierenzauer seinem Zimmergenossen vom Skigymnasium in rasender Geschwindigkeit auf und davon. "Es lässt sich nicht alles erklären. Das ist beim Skispringen nun mal so", antwortet Innauer senior auf die Frage nach den Gründen des Leistungsschubs: "Fakt ist, dass Gregor alle Dinge, die beim Skispringen wichtig sind, traumwandlerisch richtig macht." Die Konkurrenten schwärmen vor allem davon, wie schnell der Österreicher nach dem Absprung in die optimale Flugposition kommt. "Der nimmt die Geschwindigkeit vom Schanzentisch perfekt mit", meint Martin Schmitt.

Gregor Schlierenzauer lächelt, wenn er solch lobende Worte hört. Für ihn ist es immer noch ein Traum, überhaupt bei der Vierschanzentournee dabei zu sein. "Vor einem Jahr habe ich noch vor dem Fernseher gesessen und Janne Ahonen bewundert", erzählt der Blondschopf. "Da will ich auch mal dabei sein, habe ich mir damals gesagt." Zwölf Monate später ist Gregor Schlierenzauer nicht nur dabei, er ist der neue Star in der Szene. Und Ahonen bewundert ihn.

Schlierenzauers Trainer Alexander Pointner sind "fast die Tränen gekommen", als sein Schützling im Finale von Oberstdorf 142 Meter weit flog – fünfeinhalb Meter weiter als Küttel. "Ich bekam Angst, dass es vielleicht zu weit gehen könnte", kommentierte der Trainer den Siegessprung. "Gregor war so hoch in der Luft." Aber das Fliegengewicht stand den Riesensatz ebenso wie die schwierige Landung in den Regenwinden von Garmisch-Partenkirchen.

Hatten Pointner und seine Kollegen aus dem Trainerstab des österreichischen Skiverbandes lange kräftig auf die Euphoriebremse getreten, war davon schon nach dem Auftakterfolg in Oberstdorf nicht mehr viel zu spüren. "So wie ich den Gregor kenne", urteilt Pointner, "zieht er das durch". Schlierenzauer freut sich in jedem Fall diebisch auf das dritte Springen (Donnerstag ab 13.45 Uhr im Liveticker von SPIEGEL ONLINE) auf seiner Hausschanze in Innsbruck. "Da kommt der Wind häufig von hinten", erklärt der Tournee-Führende. Das ist eigentlich der Alptraum eines jeden Skispringers. Aber nicht für den jungen Überflieger, der cool erklärt: "Mir liegen solche Verhältnisse." Die Konkurrenz könnte sich - mal wieder - mächtig wundern.



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