Von Birger Hamann
Die eine hat längst aufgehört, und die andere ist noch zu schlecht. Dennoch bestimmen Magdalena Neuner und Evi Sachenbacher-Stehle derzeit die Schlagzeilen des deutschen Biathlonsports. Und das sagt viel über das Frauen-Team aus, in dem erstmals seit Jahren die ganz großen Namen fehlen, die auch sportliche Schlagzeilen machen.
"Die Ansprüche von außen werden enorm hoch sein. Aber damit müssen wir leben", sagte Bundestrainer Uwe Müßiggang im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE vor dem Weltcup-Start am Sonntag im schwedischen Östersund. Den 61-Jährigen erwartet eine schwierige Saison: Er hat erstmals seit Jahren kein Spitzenteam bei den Frauen am Start. Doch in der Öffentlichkeit will das kaum jemand hören. Schließlich ist man seit Jahrzehnten gewohnt, dass die deutschen Biathletinnen Siege und Podestplätze abliefern. Das dürfte sich in dieser Saison ändern.
Mit dem Abgang von Magdalena Neuner am Ende des vergangenen Winters verabschiedete sich die alles überstrahlende Figur der Szene. Sie hinterließ ein schweres Erbe. Es war zugleich das Ende einer Rücktrittswelle im deutschen Frauen-Biathlon: In Magdalena Neuner, Kati Wilhelm und Martina Beck hörten innerhalb von nur zwei Jahren drei Top-Athletinnen auf, die es zusammen auf fünf olympische Goldmedaillen und 20 WM-Titel gebracht haben. Solche Abgänge "verkraftet kein Verband", sagt DSV-Sportdirektor Thomas Pfüller. Und weil auch unter anderem Kathrin Hitzer und Simone Hauswald ihre Karrieren beendeten, gibt Müßiggang zu bedenken: "In den vergangenen Jahren hat ein komplettes Team aufgehört."
"Es wird keine Nachfolgerin von Magdalena Neuner geben"
Geblieben vom alten Team ist nur Andrea Henkel, mittlerweile fast 35 Jahre alt und immer für vordere Plätze gut. Weil der zweifachen Olympiasiegerin und achtfachen Weltmeisterin aber jeglicher Glamourfaktor fehlt, wird Miriam Gössner (22 Jahre alt), Shooting-Star der vorvergangenen Saison, als Neuner-Nachfolgerin gehandelt. Eine Erwartung, die sie vermutlich nicht erfüllen kann.
"Es würde mich freuen, wenn Miri solche Ergebnisse wie Magda bringen würde. Aber das ist nicht realistisch", sagt Müßiggang: "Es wird keine Nachfolgerin von Magdalena Neuner geben, weil sie einfach zu gut war. Im deutschen Sport steht sie auf einer Stufe mit Boris Becker und Steffi Graf."
Podestplätze für Sachenbacher-Stehle illusorisch
Nach einer schwachen vergangenen Saison, einer komplizierten Zahnoperation sowie einer Ernährungsumstellung aufgrund einer Weizenunverträglichkeit und einer Laktoseintoleranz bleibt sowieso abzuwarten, wie gut Gössner drauf ist. Ihr großes Plus sind die Laufleistungen, aber die waren zuletzt durchwachsen. Am Schießstand hat sie zudem fast immer Probleme.
Zudem besteht das deutsche Team unter anderem aus Tina Bachmann, Nadine Horchler (beide 26) und eben Evi Sachenbacher-Stehle. Die zweifache Langlauf-Olympiasiegerin sucht bei den Biathletinnen mit 31 Jahren noch einmal eine neue Herausforderung. "Läuferisch gibt sie den Ton an", sagt Müßiggang. Mit der Waffe hat sie aber - natürlich - noch ihre Schwierigkeiten. Daher wird sie zunächst im zweitklassigen IBU-Cup an den Start gehen. Ein Weltcup-Einsatz ist für Mitte Dezember im slowenischen Pokljuka geplant. Allerdings scheinen Podestplätze für Sachenbacher-Stehle in dieser Saison illusorisch.
In der Diskussion um die Biathletinnen wird fast immer übersehen, dass die deutschen Männer ein starkes Team haben. Andreas Birnbacher, 31, und Arnd Peiffer, 25, Dritter und Vierter des Gesamt-Weltcups in der vergangenen Saison, laufen und schießen um Siege mit. Michael Greis, 36, ist das Pendant zu Henkel: schon etwas älter aber immer für das Podest gut. Dazu Simon Schempp, 24, Florian Graf, 24, und Erik Lesser, 24, denen Müßiggang ebenfalls vordere Plätze zutraut. "Bei den Männern haben wir eine gute teaminterne Konkurrenz. Das Niveau ist höher als bei den Frauen."
Die Männer haben das sportliche Tal, das den Frauen jetzt bevorsteht, schon hinter sich. Nachdem die Altmeister Frank Luck, Ricco Groß und Sven Fischer abgetreten waren, kamen bald Peiffer, Schempp, Graf und Lesser nach.
Bei den Biathletinnen sind solche Top-Talente derzeit nicht in Sichtweite. Daher wollten die Verantwortlichen beim Deutschen Skiverband hoffnungsvolle Nachwuchskräfte aus dem Langlauf von einem Wechsel ins Biathlon-Lager überzeugen. Acht junge Talente haben sich an der Waffe ausprobiert - den Schritt gewagt hat keines von ihnen.
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