Streit über Skilegende Alte Sailerschaften

Skistar Toni Sailer ist Österreichs Jahrhundertsportler. Nun werfen Recherchen über ein mutmaßliches Verbrechen einen Schatten auf sein Andenken. In seiner Heimat wollen das viele nicht wahrhaben.

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Man muss wahrscheinlich fast 100 Jahre zurückgehen, um zu verstehen, warum seit fast drei Wochen in Österreich eine hitzige Debatte geführt wird, warum sich Zeithistoriker in ihr ebenso zu Wort melden wie führende Politiker. Um zu verstehen, warum der "Akt Toni Sailer", wie er im Nachbarland genannt wird, auch ein Akt Österreich ist.

Man muss 100 Jahre zurückgehen, um zu verstehen, warum es hier nicht nur um einen erfolgreichen Sportler geht, sondern um so etwas wie die Seele des Landes. Bis in die Zeiten des Hannes Schneider, der 1921 am Arlberg die erste Skischule gründete und das Skifahren revolutionierte. Später gab es dann den Skipapst Stefan Kruckenhauser, den Skiprofessor, der das Wedeln auf der Piste kreierte. Österreich hat das alpine Skifahren mehr oder weniger erfunden, es hat seine Helden gehabt mit Annemarie Moser-Pröll, Franz Klammer, Hermann Maier.

Als Karl Schranz 1972 vom IOC von den Olympischen Winterspielen wegen angeblichen Verstoßes gegen den Amateurstatus ausgeschlossen wurde, strömten fast 100.000 Menschen auf den Wiener Heldenplatz, um ihren verstoßenen Star zu bejubeln. Es war eine der größten Demonstrationen im Land nach dem Krieg. Aber über ihnen allen schwebte einer: Er. Toni Sailer. Der Blitz aus Kitz. Der Goldjunge von Cortina d'Ampezzo, wo er dreifacher Olympiasieger wurde. Frauenschwarm, Filmstar, Tausendsassa. Ein großes Wort, aber bei ihm passt es: ein Nationalheld. Auch noch nach seinem Tod. Sailer starb 2009 an einem Hirntumor, da war er 74 Jahre alt.

Österreich debattiert einen Vorfall von 1974

Skifahren und Österreich - das gehört untrennbar zusammen. Und Olympische Winterspiele sind im Nachbarland ein weit größeres Ereignis als die Spiele im Sommer. In diesem Jahr jedoch ist die Vorbereitung aufs große Sportfest empfindlich gestört. Statt ausgiebig über die Medaillenaussichten von Slalomkönig Marcel Hirscher zu berichten, beschäftigt das Land eine Geschichte, die das Andenken an ihren Skiheros Toni Sailer in einem anderen Licht bescheint. Sailer soll 1974 eine polnische Prostituierte in Zakopane misshandelt und vergewaltigt haben.

Der Vorwurf ist eigentlich bekannt, in jener Zeit wurde auch darüber berichtet. Ein Recherchenetzwerk aus ORF, dem "Standard" und dem Reporterkollektiv Dossier hat allerdings die alten Akten von damals ausgewertet und herausgefunden, wie sehr sich die hohe Politik damals für Sailer eingesetzt hat. Selbst Bundeskanzler Bruno Kreisky und Bundespräsident Rudolf Kirchschläger haben sich demnach bei den polnischen Behörden dafür stark gemacht, den Vorfall unter den Tisch fallen zu lassen. Im Gegenzug wurden die Wirtschaftsbeziehungen beider Länder intensiviert.

Die Polen haben daraufhin aus der "Notzucht" eine "Körperverletzung" gemacht, Sailer, damals als Funktionär des österreichischen Skiverbandes in Zakopane, konnte Polen als freier Mann verlassen. Die Affäre versandete, ein Kolumnist der Zeitung "Kurier" machte den Deckel drauf. Überschrift der Kolumne: "Nun soll endlich Gras wachsen über Zakopane." Zitat aus dem Text: "Eine saudumme Männerg'schicht wars in Zakopane mit einem unguten professionellen Weibsstück und einem Niagarafall von Alkohol."

Dem Ruf des Helden tat das keinen Abbruch, Sailer wurde 1999 zum Jahrhundertsportler Österreichs gewählt.

Nun könnte man sagen, das ist doch eine alte Geschichte, aber sie wirft ein Licht darauf, wie "Männerbünde, bestehend aus Sportfunktionären und Politikern, die Aufklärung einer schweren Anschuldigung verhinderten". Die das sagt, hat ihre Erfahrungen mit Männerbünden gemacht. Nicola Werdenigg war in den Siebzigerjahren eine junge aufstrebende Skifahrerin. Unter ihrem Geburtsnamen Nicola Spieß fuhr sie bei den Olympischen Spielen von Innsbruck auf den vierten Platz in der Abfahrt.

Werdenigg erhebt schwere Vorwürfe

Werdenigg hat lange geschwiegen dazu, was sie damals im Lager des Österreichischen Skiverbandes erlebt und erlitten hat. Im Dezember hat sie dem "Standard" dann ein großes Interview gegeben, in dem sie Dinge erzählte, die nicht zum Bild des strahlenden Skisports im Lande passen. Sie berichtete, wie sie als 16-Jährige von einem Teamkollegen vergewaltigt wurde, wie im Mannschaftskreis ein privates Filmchen gezeigt wurde, das eine junge Fahrerin beim Sex zeigte - ohne dass sie von den Filmaufnahmen gewusst hatte. Sie berichtet davon, dass es "Übergriffe gab, von Trainern, von Betreuern, von Kollegen". Es war die Zeit, in die die Geschichte in Zakopane fällt.

Werdenigg hat dem Österreichischen Skiverband vorgeworfen, viel zu wenig für die Aufklärung dieser Dinge zu sorgen. Als ob der Verband ihr recht geben wolle, hat ÖSV-Boss Peter Schröcksnadel die Vorwürfe zunächst abgetan, es habe halt einen rauen Ton zwischen Athleten und Sportlern gegeben mit dem einen oder anderen "Pantscherl". Was bei den Österreichern so viel heißt wie ein eher unverbindliches Liebesverhältnis, eine Affäre. Nicht unbedingt das, was Werdenigg meinte.

Schröcksnadel steht dem Verband seit nunmehr 28 Jahren vor, er ist ein einflussreicher und wichtiger Mann, nicht nur im Sport. Der Kolumnist der "Kronen Zeitung" mutmaßte denn auch, bei den Enthüllungen über Sailer handele es sich vor allem um eine Kampagne, "die dem mächtigen und erfolgreichen Präsidenten Peter Schröcksnadel schaden wolle". Für den Sportchef der "Krone" ist es ohnehin "eine riesige Sauerei, Toni Sailer anzupatzen".

"Krone" wirft sich für Sailer ins Zeug

Die auflagenstärkste Zeitung des Landes ist seitdem eifrig bemüht, Sailer beizuspringen. Stars von einst und heute werden als Kronzeugen herangezogen, die die Recherchen des Netzwerks diskreditieren sollen. Für Moser-Pröll ist es "beschämend, einen Toten nach so langer Zeit anzuschwärzen", Franz Klammer kann sich nicht vorstellen, dass "der Toni so etwas gemacht hat", und für Schranz ist das ohnehin "alles Wahnsinn".

Sailer hat damals behauptet, ihm sei eine "Falle" gestellt worden, und jetzt melden sich in Österreich Stimmen, die argwöhnen, der polnische Geheimdienst habe den westlichen Star Sailer damals bewusst in Misskredit bringen wollen. Konkrete Hinweise auf diese Version gibt es nicht. Aber viele in Österreich glauben dran. Der Verband sagt, die ganze Angelegenheit sei eine Privatsache, "eine Geschichte von Toni Sailer, keine ÖSV-Geschichte".

Und wie 1974 mischt sich auch diesmal die Politik aktiv ein. Der rechtspopulistische Vizekanzler und FPÖ-Spitzenmann Heinz-Christian Strache spricht von einer "miesen Kampagne", die Recherchen der Journalisten seien "mehr als geschmacklos" und ein "letztklassiges Vorgehen", das Ganze sei angetan, "dem für Österreich so wichtigen Wintersport und dem Wintertourismus zu schaden". Strache ist auch Sportminister des Landes.

Es gibt auch die anderen Stimmen, jene, die darauf hinweisen, dass "wir uns davon verabschieden müssen, dass bedeutende Persönlichkeiten perfekte Übermenschen sind", wie es der Historiker Oliver Rathkolb im "Standard" gesagt hat. Aber sie dringen nicht durch. Werdenigg hat, nachdem sie an einer öffentlichen Podiumsdiskussion teilgenommen hat, resigniert getwittert: "Das Krone-Info-Monopol hat erschütternde Auswirkungen auf die Realität."

Am Freitag werden die Spiele in Pyeongchang eröffnet. Dann wendet sich die Nation Marcel Hirscher zu. Auf dem Grabstein Sailers in Kitzbühel steht: "Berühmt, beliebt, bescheiden". Daran soll sich nichts ändern. Viele Österreicher wollen es so.

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insgesamt 31 Beiträge
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nadennmallos 06.02.2018
1. Es bleibt so wie es ist: Schwamm drüber!
Natürlich, es heißt "Über Tote nur Gutes" und ich weiß nicht so recht, welchen Sinn diese Enthüllung haben soll? Wenn überhaupt, dann nur, dass wir unserer sogenannten Helden kritischer betrachten sollen, vielleicht werden diese dann "a bisserl" vorsichtiger. Aber will der Fan das überhaupt, will er sein Idol auf Normalniveau geschrumpft haben? Sagt er sich nicht eher: "Jo mei, der Toni, des woa halt a Hund"
joe.micoud 06.02.2018
2.
Da kommt der typische, österreichische Minderwertigkeitskomplex durch. Da hat man schon mal eine große Persönlichkeit und dann darf die nicht vom Sockel gestürzt werden. Egal ob zurecht oder nicht. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.
hardeenetwork 06.02.2018
3. Was nicht sein soll..
Kann nicht sein. So einfach ist das. Aber Scheinheiligkeit hat auch ein Verfallsdatum und die Wahrheit wird lauter und lauter. Es ist gut, dass die "MeToo" Debatte die bösen Dinge der Zeit in die Öffentlichkeit tragen. Auch wenn es manchem "Scheinheiligen" nicht passt.
harry_buttle 06.02.2018
4.
Zitat von nadennmallosNatürlich, es heißt "Über Tote nur Gutes" und ich weiß nicht so recht, welchen Sinn diese Enthüllung haben soll? Wenn überhaupt, dann nur, dass wir unserer sogenannten Helden kritischer betrachten sollen, vielleicht werden diese dann "a bisserl" vorsichtiger. Aber will der Fan das überhaupt, will er sein Idol auf Normalniveau geschrumpft haben? Sagt er sich nicht eher: "Jo mei, der Toni, des woa halt a Hund"
Zum Einen haben Sie es erfasst, genau um diese Haltung (die keine Haltung im positiven Sinne ist) geht es: "Jo mei, der Toni, des woa halt a Hund." Welchen Sinn die späte Enthüllung hat, erschliesst sich einem eigentlich ganz schnell. Dem Sailer Toni kann keiner mehr was, aber die Haltung zu solchen Dingen muss sich ändern. Weggucken, mauscheln, dem Täter noch 'nen "Pfundskerl-Orden" verleihen, das muss aufhören. Egal ob der Täter ein Held ist oder nicht. Wenn er ein Held ist/war, hat er seinen Heldenbonus verspielt. Alle Nicht-Helden haben erst gar keinen. Wenn der Vorwurf stimmt, muss das Verhalten verurteit werden.
Draw2001 06.02.2018
5. Je stärker das Dementi......
desto eher glaubt man der scheinbar versteckten Wahrheit. Es ist der "Schutz" der Stars, der sie davonkommen lässt. Aber nicht für immer. Irgendwann kommt alles ans Licht. Das klingt zwar lapidar, aber das passiert immer wieder. Meistens dann, wenn alle alles vergessen haben oder vergessen wollten. Damals gab es natürlich kaum Möglichkeiten etwas über alle Grenzen hinweg sehr schnell publik zu machen. Daran scheiterten auch viele Aufklärungen über solche Sachverhalte.
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