Hamburg - Für die deutschen Skispringer ist es bisher eine Saison zum Vergessen. Das Team holte noch keinen Podestplatz und nur drei Top-Ten-Resultate. "Der bisherige Saisonverlauf hat nicht meinen Vorstellungen entsprochen", sagt etwa Michael Uhrmann.
Diese Einschätzung trifft derzeit auf die gesamte DSV-Auswahl zu. Nun steht die 59. Vierschanzentournee an, die am Dienstag mit der Qualifikation in Oberstdorf beginnt. Die deutschen Springer sind in den vier Wettbewerben (jeweils Liveticker SPIEGEL ONLINE) nur Außenseiter.
Bundestrainer Werner Schuster übt sich in Zweckoptimismus. "Natürlich würden wir lieber als Favoriten anreisen. Aber mit einem guten Start kann uns die eine oder andere Überraschung gelingen", beteuert der Österreicher. Er traut vor allem Severin Freund und Pascal Bodmer weite Sprünge zu. Die Vorgabe des Bundestrainers: "Wir wollen mit ein, zwei Athleten unter den Top Ten präsent sein."
Gute Ergebnisse braucht vor allem Schuster selbst. Erstmals seit seinem Amtsantritt im Frühjahr 2008 gerät er selbst in die Kritik. Bislang war das Team unter seiner Leitung erfolgreich. In Schusters erster Saison feierte Martin Schmitt ein großartiges Comeback, das er mit WM-Silber krönte. Und im vergangenen Winter gewann das Team die Silbermedaille bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver.
"Die haben ja noch nie Druck gekriegt"
In diesem Winter sind große Erfolge ausgeblieben. "Für mich ist das eine neue Situation, weil ich in all meinen Trainerjahren mehr auf der Sonnen- als auf der Schattenseite war", sagt Schuster - und gibt den Druck vor allem an die Routiniers Schmitt und Michael Uhrmann weiter. Ob sie die Tournee überhaupt bis zum Ende bestreiten dürfen, ist fraglich. "Es gibt kein A-Team. Auf den ersten beiden Stationen wird knallhart ausgesiebt", sagt Schuster. Hintergrund: Nach dem zweiten Springen muss der Trainer seinen Kader um sechs Springer reduzieren.
Der 41-Jährige kritisiert die Lethargie seiner Stars: "Die haben ja noch nie Druck gekriegt." Schuster droht seinen Routiniers sogar schon mit dem Aus für die WM in Norwegen, die Ende Februar beginnt: "Die wollen nach Oslo. Aber wenn sie weiterhin so springen, dann fahren sie nicht hin." In den vergangenen Wochen hätten Freund und Bodmer das Niveau bestimmt, nicht Schmitt, nicht Uhrmann.
Der Bundestrainer forciert derzeit den Generationswechsel im deutschen Team. Den Umbruch habe man sich zwar immer gewünscht, sagt Schuster. "Der Zeitpunkt ist ein bisschen blöd", gibt er mit Blick auf die anstehende Tournee zu. Nur einen nimmt der Bundestrainer von der Kritik aus: sich selbst: "An meiner sportlichen Kompetenz zweifle ich nicht. Wir haben keine großen Fehler gemacht."
Kofler und Morgenstern wollen dritten österreichischen Sieg in Serie
Auch wenn seine Springer wohl keine Spitzenplatzierungen erreichen werden - Schuster hat als Österreicher immerhin gute Chancen, dass er bei der Tournee den Sieg eines Landsmanns zu sehen bekommt. Denn Thomas Morgenstern und Titelverteidiger Andreas Kofler haben beste Aussichten, Österreich den dritten Tournee-Gesamtsieg in Serie zu verschaffen.
Neben dem österreichischen Duo werden vor allem Vierfach-Olympiasieger Simon Ammann aus der Schweiz und dem Polen Adam Malysz Siegchancen eingeräumt. Österreichs Cheftrainer Alexander Pointner ist dennoch sicher, dass seine Schützlinge erneut triumphieren. "Tiefstapeln braucht man überhaupt nicht. Ich sehe momentan im Skisprungzirkus zwei Ausnahmeathleten: Morgenstern und Kofler", sagt Pointner. Drei Siege in Folge hat zuletzt Norwegen durch Björn Wirkola (1966/67 und 1968/69) geschafft.
Allerdings lauert da noch Ammann, der nach seinen zwei olympischen Goldmedaillen von Vancouver neue Ziele hat. "Ein Tourneesieg fehlt mir noch. Das war immer eine Nuss, die ich nicht knacken konnte. Thomas Morgenstern springt extrem stark, Andreas Kofler auch. Aber ich sehe trotzdem eine Chance für mich", sagt Ammann. Die deutschen Springer scheint er nicht zum Kreis der echten Konkurrenten zu zählen.
ulz/sid/dpa
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