Aus Bischofshofen berichtet Lukas Rilke
Der Tag hatte Spuren hinterlassen im Gesicht von Werner Schuster. Der Schlusstag der 61. Vierschanzentournee sollte eine Mannschaftsleistung krönen, die der Bundestrainer der deutschen Skispringer später ohne Umschweife als "super" hätte bezeichnen können. Das tat er auch - doch das Finale in Bischofshofen zwang Schuster zu einem weiteren Attribut: "bitter".
Unmittelbar nach dem Ende der Tournee war Schuster hin- und hergerissen zwischen der Freude über die fünf Athleten des Deutschen Skiverbandes (DSV), die es in der Gesamtwertung unter die besten 13 gebracht hatten, und der Enttäuschung über den Absturz seiner beiden konstantesten und besten Springer der Tournee im Dauerregen des Salzburger Landes.
Dabei war Severin Freund voller Zuversicht ins Finale gegangen: Platz vier in der Gesamtwertung, nur 1,2 Punkte hinter einem Podestplatz, dazu die zweitbeste Weite im Probedurchgang - was konnte schiefgehen? Schon der erste Durchgang zeigte: so gut wie alles.
Ohne Sturz wäre Wellinger Dritter geworden
Um 16.30 Uhr ging es los: Stefan Hula sprang auf 127 Meter. Zwei Minuten später landete Freund bei 126 Metern, das K.-o.-Duell gegen den Polen hatte er verloren. Der 24-jährige Freund durfte noch einige Zeit hoffen, es vielleicht über die Lucky-Loser-Liste in den Finaldurchgang zu schaffen. Doch es reichte nicht, ihn ereilte das Aus schon nach dem ersten Durchgang. "Das war ein Tag zum Vergessen, aber Fehler passieren nun mal", sagte Freund. Es sei einfach ein schlechter Sprung gewesen.
Das sah auch Schuster so: "Severin war eigentlich nach dem Durchhänger in Innsbruck wieder auf seinem Top-Niveau. Aber er wollte es hier erzwingen, nicht erspringen", so Schuster. Als "Blackout" bezeichnete der 43-Jährige Freunds Sprung. Der Zweite des Gesamtweltcups stürzte so in der Gesamtwertung auf den 13. Platz ab.
Es sei schade und enttäuschend, dass die Tournee nun nicht so zu Ende gegangen sei, wie es der Qualität des Teams entspreche, sagte Schuster. Denn zu Freunds Aussetzer kam als zweiter Tiefpunkt des DSV-Tages ein Sturz von Andreas Wellinger, dem bisher so stark springenden 17-Jährigen. Sehr gute 133,5 Meter und damit Bestweite hatte dieser im ersten Durchgang geschafft, noch vor der Sturzlinie aber kam er beim Jubeln ins Straucheln und stürzte.
"Das war ein richtig guter Sprung, man kann ihm keinen Vorwurf machen", so Schuster. Mit 130 Metern im zweiten Durchgang rettete sich Wellinger immerhin noch auf den 19. Platz in Bischofshofen und den neunten Platz in der Gesamtwertung. "Ich habe nachgerechnet - ohne Sturz wäre er Dritter geworden", ärgerte sich Schuster später.
"Die Last besser verteilen"
Ein Riesentalent mit 17 Jahren in den Top Ten, das ist genau das, was sich Schuster wünscht und wofür er vor fünf Jahren zum Cheftrainer gemacht wurde. Dass der 33 Jahre alte Michael Neumayer, der sich laut Schuster bei dieser Tournee "neu erfunden" habe, noch Gesamt-Sechster und somit bester Deutscher wurde, Martin Schmitt zudem auf Platz zehn landete und Richard Freitag auf Platz elf, ließ Schuster dann schon wieder zu besserer Laune finden. "Wir haben mehr Möglichkeiten als je zuvor", glaubt der Österreicher: "Die Breite ist besser denn je."
Sorge macht einzig die Spitze, sprich: die Regionen, in denen sich vor allem Gregor Schlierenzauer und Anders Jacobsen, phasenweise auch Anders Bardal, Tom Hilde Kamil Stoch und Freund bei dieser Tournee bewegten.
Da bedarf es laut Schuster noch an Geduld und Arbeit, Freund brauche "definitiv Unterstützung, damit die Last etwas verteilt ist". Man habe nun einige Schritte in die richtige Richtung gemacht, aber noch nicht die entscheidenden, um im kommenden Jahr um den Titel mitspringen zu können: "Das ist die Arbeit, die noch vor uns liegt."
Die Arbeit, die in den vergangenen Jahren geleistet wurde, macht zuversichtlich, dass es damit auch noch klappt.
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