Aus Innsbruck berichtet Lukas Rilke
So richtig wollten Worte und Mimik nicht zusammenpassen, als Werner Schuster sichtlich zerknirscht nach dem Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen eine Zwischenbilanz zog. Sein Top-Springer Severin Freund zeige im Moment "die normale Entwicklung eines Spitzensportlers", sagte der Bundestrainer.
Das Problem: Freund war bei seinem Sprung von der Olympiaschanze ziemlich abgestürzt, mehr als Platz 15 war nicht drin für den 24-Jährigen, denn die Entwicklung Freunds ist derzeit keine positive.
Nach einer Bandscheibenoperation im April fehlen ihm laut Schuster "zwei, drei Monate" an Vorbereitung. Als Freund dann fit war, lief es lange Zeit gut, seit einigen Wochen aber ist die Konstanz weg. "Es geht ihm nicht mehr so leicht von der Hand, wie noch vor einem Monat", so Schuster.
Nach seinem guten dritten Rang beim Auftakt in Oberstdorf ist Freund nun nur noch Fünfter in der Gesamtwertung. Schuster ist damit nicht zufrieden: "Wir werden alles daransetzen, um zumindest den dritten Gesamtrang nach Hause zu bringen. Wenn wir niemanden in die Spitze bekommen, ist das nicht unser Anspruch." Diese Aufgabe wird wohl an Freund hängenbleiben, ein weiterer Podestspringer ist derzeit nicht in Sicht.
"Den ersten Durchgang hat er total in den Sand gesetzt"
Andreas Wellinger, 17 Jahre alt, ist als Achter zweitbester Deutscher. Schuster sieht den jüngsten im Team "mehr als im Soll" und spricht von einem "Lichtblick". Bei den Fans hat es der Schüler schon zum Publikumsliebling gebracht, mit etwas mehr Erfahrung kann man ihm wohl in den kommenden Jahren auch Chancen auf einen Podestplatz zutrauen. In diesem Jahr sind die Top Ten ein realistisches Ziel.
Erfahrung hat Michael Neumayer mehr als genug. Der 33-Jährige war als bisher letzter deutscher Springer auf dem Podestplatz der Tournee-Gesamtwertung, als er 2007/2008 Dritter wurde. In Oberstdorf hatte Neumayer noch mit zwei tollen Sprüngen auf 136.5 Meter und 134.5 Meter überrascht. Von einer Überraschung sprach Schuster dann auch nach Neumayers Neujahrssprung, allerdings von einer negativen. "Den ersten Durchgang hat er total in den Sand gesetzt. Das war ein Ausreißer nach unten", kommentierte der Bundestrainer Neumayers Hüpfer auf 127,5 Meter. Von Neumayer waren aber, ähnlich wie von Andreas Wank, nicht unbedingt Sprünge mit Podestpotential erwartet worden.
Bei Richard Freitag war das anders. Der 21-Jährige deutete mit Platz zehn bei der vergangenen Tournee und Platz sechs im Gesamtweltcup sein großes Talent an. Bei dieser Vierschanzentournee klappt aber noch wenig. Als Gesamt-15. ist er nur fünftbester Deutscher - zu wenig, findet auch Schuster. Freitags Sprünge sehen oft wunderschön aus, fast fehlerfrei. Tatsächlich gehört er zu den Athleten, die am höchsten vom Schanzentisch abspringen. Dennoch bleibt er bisher "sieben, acht Meter zu kurz", so Schuster: "Manchmal ist es besser, wenn man Fehler sieht. Dann kann man daran arbeiten. Bei Richard sieht man fast keine Fehler."
Respekt für Martin Schmitt
Freitag, Wank, Neumayer, Wellinger, Freund: Sie alle zeigten bisher mal wechselhafte Leistungen, um ihren Platz im Kader für die beiden Springen in Österreich musste sich aber keiner von ihnen allzu große Sorgen machen. Bei Martin Schmitt war das ganz anders. Er hatte sich gerade so überhaupt für die Tournee qualifiziert. Dort zeigte er bisher solide Leistungen. Grund genug für Schuster, ihm den sechsten Platz zuzuteilen. "Ihm gebührt hoher Respekt", so Schuster.
Beendet ist die Tournee dagegen für Maximilian Mechler, Felix Schoft, Danny Queck, Karl Geiger, Daniel Wenig und Tobias Bogner. "Es ist unbefriedigend für meine Person, an einem Tag, an dem es nicht gelang, in die Spitze zu kommen, solch eine Entscheidung treffen zu müssen. Sie beeinflusst nicht den Gesamtverlauf der Tournee, aber unsere Entwicklung", räumte Schuster zerknirscht ein.
Der Österreicher war 2008 vom Deutschen Skiverband geholt worden, um Talente zu entdecken und zu fördern. Dass er einige davon nun zugunsten des 34 Jahre alten Schmitt aus dem A-Team werfen musste, macht ihm zu Schaffen: "Das tut verdammt weh."
Der Bundestrainer setzt darauf, dass Freund am Freitag in Innsbruck und beim Finale am Sonntag in Bischofshofen zu seiner Stärke zurückfindet. "Wenn er sein Potential auf den weiteren Stationen ausschöpft, sollte er wieder rankommen an die Besten", so Schuster.
Freund ist zumindest froh, dass er die Olympia-Schanze bereits hinter sich hat: "Es ist immer wieder Garmisch-Partenkirchen, das ich nicht ganz bezwingen kann."
Schon im Vorjahr war Freunds großer Traum vom Tourneesieg an der zweiten Station geplatzt. Damals war er im zweiten Durchgang von Rang zwei auf sieben abgestürzt. Nun freut sich Freund auf Bergisel. "Vom Profil her ist Innsbruck eine Schanze, die mir sehr, sehr liegt", sagte er strahlend - eher er sich an seinen schwachen 21. Platz vor einem Jahr erinnerte: "Leider habe ich dort noch nie ein richtig gutes Ergebnis gehabt. Das ist auf jeden Fall ein Anreiz, es dieses Mal besser zu machen."
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