Aus Innsbruck berichtet Lukas Rilke
Es gibt Tage, da scheint der Interviewmarathon nach dem Wettkampf die Skispringer mehr zu fordern als die Sprünge selbst. Dieser Freitag in Innsbruck war so einer. Fünf Grad, anhaltender Nieselregen und Nebelschwaden, die den Athleten unter die dünnen Anzüge zu kriechen schienen - selbst die sonst redefreudigsten Sportler sahen zu, dass sie nach dem Finale des dritten Stopps der Vierschanzentournee schnell in die Katakomben kamen.
Und doch schien es, als sei Severin Freund froh, sich den wartenden Journalisten zuwenden zu können. Denn dadurch musste er nicht mitansehen, wie in seinem Rücken die Siegerehrung abgehalten wurde, wo sich Anders Bardal feiern ließ, der zuvor besser gesprungen war als Freund - aber nicht unbedingt weiter.
Gregor Schlierenzauer hatte bei seinem Heimspiel auf der Bergisel-Schanze eine klare Demonstration seiner Stärke abgeliefert. Nach drei Siegen in der Qualifikation ließ der 22-Jährige nun nach zwei zweiten Plätzen den ersten Triumph folgen, der ihm die Führung in der Gesamtwertung brachte. Auch der Pole Kamil Stoch lag am Ende immerhin 6,5 Punkte vor Freund. Doch den dritten Platz hatte Freund nur ganz knapp verpasst.
Nur ein Zehntelpunkt fehlt Freund zum Podestplatz
Der Deutsche hatte Sprünge auf 125 und 120,5 Meter gezeigt, Bardal (Norwegen) war auf 125 und 120 Meter geflogen. Auch bei der Benotung durch die Punktrichter lag Freund leicht vorn. Ausschlaggebend waren die Punkte, die ihm wegen besserer Windbedingungen abgezogen wurden. Mit 234,4 Punkten war Freund letztlich nur einen Zehntelpunkt schlechter als Bardal.
Der erste Frust über den undankbaren vierten Platz wich aber schnell der Freude: "Ich bin einfach froh, dass ich ein besseres Ergebnis als in Garmisch-Partenkirchen geschafft habe", so Freund: "Das war für mich vor allem wichtig fürs Gefühl. Die Sprünge waren nicht großartig, aber sie waren eben doch ein entscheidendes Stück besser als zuletzt."
In der Gesamtwertung liegt Freund nun 1,2 Punkte hinter dem Norweger Tom Hilde auf Rang vier: "Das ist natürlich relativ eng, da kann noch was passieren", so Freund, der sich auf den letzten Stopp in Bischofshofen am Sonntag (16.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) freut: "Ich mag die Schanze dort sehr gerne."
Bundestrainer Werner Schuster sagte, man habe die enttäuschenden Leistungen von Garmisch-Partenkirchen gut aufgearbeitet. Er freute sich darüber, dass Freund mit seiner Leistung wieder in Podest-Reichweite ist: "Dieses Ergebnis kam zur rechten Zeit, um noch mal richtig in die Spur zu finden. Die richtige Spitze läuft an uns vorbei, aber das ist eigentlich auch nur ein Duell Schlierenzauer gegen Jacobsen."
"Wir sind deutsch, wir sind fair"
Dass es auch beim letzten Springen in Bischofshofen ähnlich knapp zugehen könnte, wie in Innsbruck, glaubt der Österreicher nicht. "Das ist eine Fliegerschanze", sagte Schuster, dort könne man mit einem gelungenen Sprung leicht "acht bis zehn Meter" herausholen. Darauf gelte es sich nun einzustellen, "dann ist auch die Chance auf Platz drei gegeben, auch wenn da Hilde und Bardal harte Konkurrenten sind".
Egal wer von den dreien es letztlich auf das Podest schafft, die Tournee steht im Zeichen der großen Skisprung-Nationen. Wieder einmal. Grund für Schuster, nach dem Springen heftige Grundsatzkritik zu üben.
Von einem "Materialkrieg" sprach Schuster, an dem nur die besten und reichsten Nationen teilnehmen könnten: "Es geht um Geld und Prestige, da wird enorm viel investiert. In allen Bereichen gibt es Möglichkeiten, für sich einen Vorteil herauszuholen."
Kaum ein Tag war bisher vergangen, an dem es keine Diskussionen um geheime Materialtricks gab. Schuhe, Anzüge, Bindungen: Optimiert wird, was das Zeug hält und das Reglement hergibt. Und manchmal wohl auch darüber hinaus, so deutete es der Bundestrainer an.
Von direkten Vorwürfen wollte Schuster aber absehen, nur bei seiner eigenen Mannschaft legte er sich fest: "Wir sind deutsch, wir sind fair."
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