Aus Oberstdorf berichtet Lukas Rilke
Skispringer sind Leichtgewichte, weniger als 60 Kilogramm wiegen manche der Stars. Aufwinde lassen sie schweben, Böen können sie aus der Balance bringen. Wenn die Zuschauer den deutschen Athleten das langgezogene "Zieh!" beim Sprung vom Schanzentisch hinaufrufen, braucht es gar nicht so viel Vorstellungskraft, um an eine helfende Druckwelle der Unterstützung zu glauben.
Gehört hatte man das Gebrüll auch in den vergangenen Jahren, die zumeist schlechte Jahre waren aus deutscher Skispringer-Sicht. Doch die letzte Inbrunst hatte gefehlt, so wie der Glaube der meisten Fans, dass einer der deutschen Springer tatsächlich "zieht", also weit fliegt, womöglich sogar auf das Siegertreppchen bei der Vierschanzentournee.
Zuletzt hatte das Martin Schmitt geschafft, im Januar 2009 in Innsbruck. Fast vier Jahre ist das her, in der Zwischenzeit sprangen die Adler meist nur hinterher, wurden teilweise sogar mit Spott bedacht und zu "Suppenhühnern" degradiert, wie etwa der "Berliner Kurier" schrieb.
Besonders am ehemaligen Superstar Schmitt wurde der Absturz festgemacht. Der 34-Jährige hatte gemeinsam mit Sven Hannawald der Sportart zu ungekannter Popularität verholfen, gewann Olympisches Gold und WM-Titel. Anders als der vier Jahre ältere Hannawald beendete Schmitt seine Karriere nicht zu einem frühen Zeitpunkt, Schmitt machte weiter.
Schmitt quälte sich durch die "Knochenmühle"
Kniebeschwerden und Änderungen beim Material folgten, damit auch Schmitts Abstieg und der Abstieg des Sports im öffentlichen Interesse aus der A- in die B-Liga.
Dort war Schmitt in diesem Winter auch angekommen, als er von Werner Schuster nicht für den A-Kader berufen wurde, sondern im Continental-Cup antreten musste. Eine "Knochenmühle" nennt der Bundestrainer den zweitklassigen Wettbewerb, doch Schmitt nahm die Herausforderung an und kämpfte sich mit einem Sieg in Engelberg doch noch in Schusters 12-köpfigen Tournee-Kader.
Als Schmitt nun am Samstag als vierter Springer in der Qualifikation in Oberstdorf von der Schattenbergschanze sprang, war es wieder da: "Zieh!" riefen 8000 Zuschauer, und Schmitt flog. Nicht auf Bestweiten, aber auf 126 Meter und 127,8 Punkte und damit ins Hauptfeld für das erste Springen am Sonntag (16 Uhr, Liveticker bei SPIEGEL ONLINE).
Den Zuschauern beim ersten Stopp der Tournee ist anzumerken, dass zumindest die Hoffnung auf neue Erfolge zurück ist. Insgesamt neun DSV-Springer schafften die Qualifikation, zumindest drei davon dürfen sich laut Schuster Hoffnung auf einen Podestplatz machen: Severin Freund, Andreas Wellinger und Richard Freitag gehören in dieser Saison zur Weltspitze. Es ist eine ungewohnt komfortable Situation für den Deutschen Skiverband, nach den erfolglosen Jahren.
Schuster hat dieses Team seit seinem Amtsantritt 2008 aufgebaut. Der 43 Jahre alte Österreicher hatte in seiner Heimat unter anderem Vorjahres-Tourneesieger Gregor Schlierenzauer ausgebildet, später arbeitete er als Trainer des Schweizer Teams um den viermaligen Olympiasieger Simon Ammann. Schuster verpasste der DSV-Nachwuchsarbeit ein einheitliches Konzept. Anfängliche Skepsis löste sich zusehends auf, der DSV will unbedingt mit Schuster weiterarbeiten.
Schuster wackelt nicht von einem Monat zum anderen hin und her
"Ich werde alles daran setzen, ihn extrem lange an uns zu binden", sagt Horst Hüttel, Sportlicher Leiter der Skispringer beim DSV und verantwortlich für die Verpflichtung Schusters, am Rande der Vierschanzentournee: "Er ist auf alle Fälle bis 2015 bei uns, dann muss man schauen, wie der Weg weitergeht. Unser Fernziel ist es ganz klar, ihn lange hier zu halten." Schuster sei als Trainer "schon ziemlich komplett" so Hüttel: "Und er wackelt nicht von einem Monat zum anderen hin und her. Er verfolgt ganz klare Ziele."
Der Tournee-Gesamtsieg für einen seiner Springer gehört vorerst noch nicht dazu. Einen Tageserfolg aber hält Schuster für realistisch: "Wenn die Jungs sich selber einen Gefallen tun wollen, dann sollten sie in Oberstdorf oder Garmisch gewinnen. Wenn sie mir persönlich einen Gefallen tun wollen, sollten sie in Innsbruck gewinnen", so Schuster. Die Zuschauer helfen sicher gerne mit.

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