DSV-Team vor Vierschanzentournee: Hoffnung nach der Knochenmühle

Aus Oberstdorf berichtet

Martin Schmitt und Sven Hannawald machten Skispringen zu einer der populärsten Sportarten in Deutschland - dann kam der Abstieg. Zuletzt sprangen die DSV-Adler nur hinterher. Doch Bundestrainer Werner Schuster hat ein Team geformt, das großes Potential hat.

Skispringer Freund: Deutscher Hoffnungsträger bei der Vierschanzentournee Zur Großansicht
REUTERS

Skispringer Freund: Deutscher Hoffnungsträger bei der Vierschanzentournee

Skispringer sind Leichtgewichte, weniger als 60 Kilogramm wiegen manche der Stars. Aufwinde lassen sie schweben, Böen können sie aus der Balance bringen. Wenn die Zuschauer den deutschen Athleten das langgezogene "Zieh!" beim Sprung vom Schanzentisch hinaufrufen, braucht es gar nicht so viel Vorstellungskraft, um an eine helfende Druckwelle der Unterstützung zu glauben.

Gehört hatte man das Gebrüll auch in den vergangenen Jahren, die zumeist schlechte Jahre waren aus deutscher Skispringer-Sicht. Doch die letzte Inbrunst hatte gefehlt, so wie der Glaube der meisten Fans, dass einer der deutschen Springer tatsächlich "zieht", also weit fliegt, womöglich sogar auf das Siegertreppchen bei der Vierschanzentournee.

Zuletzt hatte das Martin Schmitt geschafft, im Januar 2009 in Innsbruck. Fast vier Jahre ist das her, in der Zwischenzeit sprangen die Adler meist nur hinterher, wurden teilweise sogar mit Spott bedacht und zu "Suppenhühnern" degradiert, wie etwa der "Berliner Kurier" schrieb.

Besonders am ehemaligen Superstar Schmitt wurde der Absturz festgemacht. Der 34-Jährige hatte gemeinsam mit Sven Hannawald der Sportart zu ungekannter Popularität verholfen, gewann Olympisches Gold und WM-Titel. Anders als der vier Jahre ältere Hannawald beendete Schmitt seine Karriere nicht zu einem frühen Zeitpunkt, Schmitt machte weiter.

Schmitt quälte sich durch die "Knochenmühle"

Kniebeschwerden und Änderungen beim Material folgten, damit auch Schmitts Abstieg und der Abstieg des Sports im öffentlichen Interesse aus der A- in die B-Liga.

Dort war Schmitt in diesem Winter auch angekommen, als er von Werner Schuster nicht für den A-Kader berufen wurde, sondern im Continental-Cup antreten musste. Eine "Knochenmühle" nennt der Bundestrainer den zweitklassigen Wettbewerb, doch Schmitt nahm die Herausforderung an und kämpfte sich mit einem Sieg in Engelberg doch noch in Schusters 12-köpfigen Tournee-Kader.

Als Schmitt nun am Samstag als vierter Springer in der Qualifikation in Oberstdorf von der Schattenbergschanze sprang, war es wieder da: "Zieh!" riefen 8000 Zuschauer, und Schmitt flog. Nicht auf Bestweiten, aber auf 126 Meter und 127,8 Punkte und damit ins Hauptfeld für das erste Springen am Sonntag (16 Uhr, Liveticker bei SPIEGEL ONLINE).

Den Zuschauern beim ersten Stopp der Tournee ist anzumerken, dass zumindest die Hoffnung auf neue Erfolge zurück ist. Insgesamt neun DSV-Springer schafften die Qualifikation, zumindest drei davon dürfen sich laut Schuster Hoffnung auf einen Podestplatz machen: Severin Freund, Andreas Wellinger und Richard Freitag gehören in dieser Saison zur Weltspitze. Es ist eine ungewohnt komfortable Situation für den Deutschen Skiverband, nach den erfolglosen Jahren.

Schuster hat dieses Team seit seinem Amtsantritt 2008 aufgebaut. Der 43 Jahre alte Österreicher hatte in seiner Heimat unter anderem Vorjahres-Tourneesieger Gregor Schlierenzauer ausgebildet, später arbeitete er als Trainer des Schweizer Teams um den viermaligen Olympiasieger Simon Ammann. Schuster verpasste der DSV-Nachwuchsarbeit ein einheitliches Konzept. Anfängliche Skepsis löste sich zusehends auf, der DSV will unbedingt mit Schuster weiterarbeiten.

Schuster wackelt nicht von einem Monat zum anderen hin und her

"Ich werde alles daran setzen, ihn extrem lange an uns zu binden", sagt Horst Hüttel, Sportlicher Leiter der Skispringer beim DSV und verantwortlich für die Verpflichtung Schusters, am Rande der Vierschanzentournee: "Er ist auf alle Fälle bis 2015 bei uns, dann muss man schauen, wie der Weg weitergeht. Unser Fernziel ist es ganz klar, ihn lange hier zu halten." Schuster sei als Trainer "schon ziemlich komplett" so Hüttel: "Und er wackelt nicht von einem Monat zum anderen hin und her. Er verfolgt ganz klare Ziele."

Der Tournee-Gesamtsieg für einen seiner Springer gehört vorerst noch nicht dazu. Einen Tageserfolg aber hält Schuster für realistisch: "Wenn die Jungs sich selber einen Gefallen tun wollen, dann sollten sie in Oberstdorf oder Garmisch gewinnen. Wenn sie mir persönlich einen Gefallen tun wollen, sollten sie in Innsbruck gewinnen", so Schuster. Die Zuschauer helfen sicher gerne mit.

Oberstdorf - Die Duelle der Deutschen im Überblick

Severin Freund - Krzysztof Mietus (Polen)

Richard Freitag - Vegard Swensen (Norwegen)

Michael Neumayer - Taku Takeuchi (Japan)

Andreas Wank - Martin Schmitt

Andreas Wellinger - Manuel Fettner (Österreich)

Danny Queck - Anders Bardal (Norwegen)

Maximilian Mechler - Maciej Kot (Polen)

Felix Schoft - Wolfgang Loitzl (Österreich)

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1.
lestat1804 30.12.2012
Ich frage mich jedes Jahr von Neuem, warum der Herr Schuster einen Martin Schmitt mit durchdringen will!!! So toll er für die Popularität auch war, aber das Skispringen sollte er aufgeben!!! Jedes Jahr, seit der Sven weg ist, müssen wir uns neue Ausreden wegen seiner Unfähigkeit anhören! So macht er alles wieder zunichte, was er mit aufgebaut hat!!! Ich glaub nach der Tournee beende ich meine Skisprungtvkarriere!!! *lol*
2. optional
hador2 30.12.2012
Es wäre schön wenn sich SPON und die Medien als ganzes weniger auf Schmitt (der einfach den richtigen Moment zum Aufhören verpasst hat), sondern lieber auf Leute wie Severin Freund (der dieses Jahr schon 2 Weltcupspringen gewinnen konnte) oder Andreas Wellinger konzentrieren würden. Immerhin sind die letztgenannten aktuell #2 und #4 im Gesamtweltcup.
3.
grinse_katze 30.12.2012
Zitat von hador2Es wäre schön wenn sich SPON und die Medien als ganzes weniger auf Schmitt (der einfach den richtigen Moment zum Aufhören verpasst hat), sondern lieber auf Leute wie Severin Freund (der dieses Jahr schon 2 Weltcupspringen gewinnen konnte) oder Andreas Wellinger konzentrieren würden. Immerhin sind die letztgenannten aktuell #2 und #4 im Gesamtweltcup.
Das ist halt wohl in D so, hat man ja auch bei M.Schumacher gesehen. Erst gegen Ende wurden die anderen etwas mehr gewürdigt. Ich würde aber als eigentlichen Absturzgrund des Skispringens/fliegens auch in großem Maße RTL ausmachen, denn die haben seinerzeit Hannawald und Schmitt dermaßen ghypt, das es nicht mehr feierlich war. Sicher war das für den Sport in D ein paar Jahre mal ganz nett. Aber wo war RTL als es mal nicht so lief? Ja, dann trennte man sich ganz schnell von dem Quotengift. Vielen Dank. Ich hoffe nur inständig, das die niemals die Biathlon Rechte erhalten. Wenn ja, gute Nacht....
4. Omg
no__comment 30.12.2012
Zitat von lestat1804Ich frage mich jedes Jahr von Neuem, warum der Herr Schuster einen Martin Schmitt mit durchdringen will!!! So toll er für die Popularität auch war, aber das Skispringen sollte er aufgeben!!! Jedes Jahr, seit der Sven weg ist, müssen wir uns neue Ausreden wegen seiner Unfähigkeit anhören! So macht er alles wieder zunichte, was er mit aufgebaut hat!!! Ich glaub nach der Tournee beende ich meine Skisprungtvkarriere!!! *lol*
Durch die 3 Ausrufezeichen hinter jedem Ihrer Sätze kann man Sie beim besten Willen nicht ernst nehmen.
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Fotostrecke
Internationale Skisprung-Elite: Olympiasieger, Routiniers, Außenseiter

Schattenbergschanze - Oberstdorf
Name: Schattenbergschanze
Ort: Oberstdorf
Land: Deutschland
Zuschauerplätze: 27.000
Baujahr: 1925
Letzter Umbau: 2011
Schanzenrekord: 143,5 Meter durch Sigurd Pettersen (Norwegen/2003)

Hier geht's zur offiziellen Homepage
Vierschanzentournee: Rekordsieger
Athlet Land Siege
Janne Ahonen Finnland 5 (1999, 2003, 2005, 2006, 2008)
Jens Weißflog Deutschland 4 (1984, 1985, 1991, 1996)
Björn Wirkola Norwegen 3 (1967, 1968, 1969)
Helmut Recknagel Deutschland 3 (1958, 1959, 1961)
Jochen Danneberg Deutschland 2 (1976, 1977)
Veikko Kankkonen Finnland 2 (1964, 1966)
Matti Nykänen Finnland 2 (1983, 1988)
Andreas Goldberger Österreich 2 (1993, 1995)
Hubert Neuper Österreich 2 (1980, 1981)
Ernst Vettori Österreich 2 (1986, 1987)
Gregor Schlierenzauer Österreich 2 (2012, 2013)

Vierschanzentournee: Sieger seit 2000
Jahr Athlet
2014 Thomas Diethart (AUT)
2013 Gregor Schlierenzauer (AUT)
2012 Gregor Schlierenzauer (AUT)
2011 Thomas Morgenstern (AUT)
2010 Andreas Kofler (AUT)
2009 Wolfgang Loitzl (AUT)
2008 Janne Ahonen (FIN)
2007 Anders Jacobsen (NOR)
2006 J. Ahonen (FIN)/Jakub Janda (CZE)
2005 Janne Ahonen (FIN)
2004 Sigurd Pettersen (NOR)
2003 Janne Ahonen (FIN)
2002 Sven Hannawald (GER)
2001 Adam Malysz (POL)
2000 Andreas Widhölzel (AUT)
Vierschanzentournee: Die Rekordnationen
Platz Land Siege
1. Finnland 16
Deutschland 16
2. Österreich 13
3. Norwegen 10
4. Tschechien/Tschechoslowakei 2
5. Japan 1
Polen 1
Slowenien 1
UdSSR 1