Aus Garmisch-Partenkirchen berichtet Lukas Rilke
Sie belegten Platz eins, drei und vier im Springen und sind Erster, Dritter und Sechster in der Gesamtwertung: Die 61. Auflage der Vierschanzentournee wird dominiert von den Norwegern. Nach dem furiosen Sieg von Anders Jacobsen in Garmisch-Partenkirchen, seinem zweiten im zweiten Springen, spricht kaum noch jemand mehr vom österreichischen Team, dem Top-Favoriten vor der Tournee.
"Das war ein toller Tag, ein perfekter Start ins neue Jahr. Das ganze Team funktioniert einfach toll", sagte Anders Bardal, der in Garmisch Dritter wurde, einen Platz vor seinem Landsmann Tom Hilde. Bardal ist im Klassement Sechster, Hilde Dritter, der 27 Jahre alte Jacobsen souverän Erster. Vater des norwegischen Erfolgs ist der österreichische Trainer Alexander Stöckl - zumindest aber zum Teil auch Paul Stöckl, der Vater des Vaters des Erfolges.
Ein Thema beschäftigte Journalisten wie Athleten nach dem Wettkampf am Neujahrstag nämlich besonders: das norwegische Schuhwerk. Der erneut zweitplatzierte Titelverteidiger aus Österreich, Gregor Schlierenzauer, sprach zunächst noch etwas vage von Gerüchten eines speziellen Schuhs der Konkurrenz, die Offiziellen müssten sich des Themas annehmen. Bundestrainer Werner Schuster, dessen Athleten eine etwas enttäuschende Vorstellung in Garmisch gezeigt hatten, musste einräumen, keine Ahnung vom den neuen Schuhen zu haben.
Der Schuh der Norweger ist an der Vorderseite verlängert. Er ist damit steifer, der Fuß des Athleten hat weniger Spiel, was die Verbindung zwischen Schuh und Ski stabilisieren soll. Zu sehr ins Detail wollte Stöckl junior nicht gehen - ein bisschen rätseln soll die Konkurrenz schließlich auch noch. Angst vor Protesten der anderen Teams, dass es sich um eine irreguläre Neuerung handelt, hat Stöckl nicht. Der neue Manschettenschuh sei laut dem Internationalen Skiverband Fis "im Innovationsbereich".
Nach Tests im Sommer wurde der Schuh erstmals beim Weltcup im schweizerischen Engelberg im Wettkampf eingesetzt. Während einer Trainingswoche in Oberstdorf hatten die Norweger die Chance, sich richtig an das Material zu gewöhnen. Aber nicht jeder im Team wollte das. "Anders und Tom springen mit den neuen Schuhen", so Stöckl. Bardal blieb lieber beim traditionellen Modell - und springt bisher trotzdem eine starke Tournee.
Dass der neue Schuh das einzige Geheimnis des norwegischen Erfolgs ist, davon will Stöckl nichts wissen. "Ein Hilfs-, aber kein Heilmittel" sei die Erfindung, springen müssen die Athleten schließlich immer noch selbst. Dass die Innovation so revolutionäre Auswirkungen haben werde wie die Bindung, mit der der Schweizer Simon Amman bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver zu Gold flog und die dann von der Skisprungwelt kopiert wurde, hält Stöckl "für übertrieben".
Der norwegische Coach weiß natürlich um die immense Bedeutung von gutem Material. Er will aber verhindern, dass die Stöckl-Schuhe die Leistung seiner Athleten in den Hintergrund drängen. Der zweite Sprung in Garmisch von Jacobsen auf 143 Meter, der ihn von Platz neun auf Rang eins katapultierte, wäre ob seiner Perfektion auch ohne die Spezialschuhe so weit gewesen, glaubt Stöckl. Vielleicht hätte er ihn ohne die neuen, steifen Schuhe aber nicht so gut gestanden.
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