Vierschanzentournee Nur noch Normalschanze

Die Vierschanzentournee startet heute in Oberstdorf mit der Qualifikation in ihre 66. Auflage. Früher war die Tournee ein gesellschaftliches Ereignis, heute geht sie im Wintersport-Kalender unter.

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Erst der Radetzky-Marsch, dann die Telemark-Landung. So hat das Jahr zu beginnen, das war Gesetz. Zunächst das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, danach das zweite Springen der Vierschanzentournee in Garmisch-Partenkirchen: Das war das kollektive Ausnüchterungsprogramm nach der Silvesterparty.

Der Kopf drehte sich noch von der Nacht zuvor wie die Paare zum Walzer "An der schönen blauen Donau" in den Einspielfilmchen des ORF, Lorin Maazel am Dirigentenpult, danach sprangen Matti Nykänen und Jens Weißflog in die Tiefe. Der Neujahrstag in Deutschland.

Die Vierschanzentournee zu gucken, das gehörte zum Jahreswechsel dazu wie der "internationale Frühschoppen" zum Sonntagmittag. Ein ganzes Land ging gemeinsam mit ARD-Kommentator Manfred Vorderwülbecke "über den Bakken", und die TV-Veteranen Gerd Mehl und Bruno Morawetz erzählten nebenbei ihre Anekdoten aus der Frühzeit des Wintersports, als die Springer sich noch mit den Armen voran die Schanze herunterstürzten. Die Namen Max Bolkert, Sepp Bradl und Helmut Recknagel sickerten in die Wohnzimmer ein, wo die dösende Familie saß. Björn Wirkola, Torbjörn Yggeseth, Veikko Kankkonen - wenn Mehl und Morawetz von ihnen erzählten, klang das wie aus einer fernen Welt.

Und heute? Die Vierschanzentournee, die heute in Oberstdorf mit der Qualifikation (16.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) startet, ist ein größeres Fernseh-Event als je zuvor, mit neuer TV-Technik wird dem Zuschauer diesmal sogar angezeigt, ob der Athlet wirklich den Absprung perfekt erwischt hat oder nicht. Wie beim Weitsprung. Mit den Weltcup-Führenden Richard Freitag und Andreas Wellinger gehen zudem zwei Deutsche als Top-Favoriten in den Wettbewerb, was es seit Ewigkeiten nicht gab, die DSV-Springer gelten als dominanter als die österreichischen Adler - und doch: Die Vierschanzentournee ist nicht mehr das, was sie einmal war. Früher hat man ihr entgegengefiebert, heute ist sie eine Wintersport-Veranstaltung unter vielen. Die Tournee hat ihr Alleinstellungsmerkmal verloren.

Nur die Tournee und der Spengler-Cup

Vierschanzentournee - das hieß einst auch: Der erste Sport im Fernsehen seit Weihnachten. Um den Jahreswechsel gab es außer der Tournee höchstens noch den Spengler-Cup im Eishockey - eine Veranstaltung, die ebenso unter ihrem Bedeutungsverlust leidet, wie die "Neue Zürcher Zeitung" dieser Tage sehr schön aufgeschrieben hat. Sonst ruhte der Sport.

Heute ballern ARD und ZDF den Zuschauer mit Wintersport zu wie Heinrich Haffenloher in "Kir Royal" Baby Schimmerlos mit seinem Geld. Parallel-Riesenslalom in Alta Badia, es kann auch Hintertux gewesen sein, das hat man schon vergessen, Skicross auf ZDF Info, Biathlon auf Schalke. Wintersport in einem Fußballstadion zwischen Weihnachten und Neujahr: Auf so eine Idee wäre Gerd Mehl nie gekommen.

Nebenbei bei den Privaten werden unablässig Pfeile geworfen, im Stream spielt die Premier League eigentlich rund um die Uhr, Tag und Nacht. Der Sport hat keine Erholungszeiten mehr, und die Vierschanzentournee ist keine Leuchtturmveranstaltung mehr im Ozean der Ruhe.

Die Tournee war einst das, was das Neujahrskonzert heute immer noch für die feine Wiener Bürgerschaft ist: ein gesellschaftliches Ereignis, Folklore zum Jahresbeginn. Sie war der Radetzkymarsch unter den Sportarten. Die Öffentlichkeit nahm teil, man flog im Geiste mit. "Ziehhhh..." - die Beine zuckten, wenn Jari Puikkonen sich in die Luft erhob. Der tragikomische Schanzenclown Eddie Edwards dürfte in den ersten Januartagen der bekannteste Brite auf dem Kontinent gewesen sein.

Thoma und Weißflog als Botschafter der Einheit

Und nach dem Mauerfall waren es die Skispringer aus West und Ost, die im Winter 1990/1991 die ersten gemeinsamen Erfolge feierten, die als wirkliches Team auftraten und eine Ahnung gaben, dass es doch klappen könnte mit dem neuen Zusammenleben. Vermutlich haben Dieter Thoma (West) und Jens Weißflog (Ost) für die Vereinigung mehr getan als so mancher Politiker.

Die späteren Duelle zwischen Sven Hannawald und dem Polen Adam Malysz waren nationale Ereignisse in beiden Ländern, Martin Schmitt unter seinem violetten Milka-Helm war einer, mit dem man genauso mitjubeln wie mitleiden konnte. Vielleicht war er der Letzte, bei dem man es konnte.

Für die Springer selbst, für die Wintersportszene mag die Tournee noch ihre Bedeutung behalten haben. Wer sie gewinnt, gehört zweifellos zu den Großen seines Sports - immer noch. Aber ihren Zauber, ihren Charme, den hat sie verloren. Eine Woche nach der Tournee geht es zum nächsten Weltcup-Skifliegen nach Bad Mitterndorf, eine Woche später wieder nach Oberstdorf, dann nach Zakopane, nach Willingen, dann zu Olympia. Natürlich alles live in ARD und ZDF. Mit Matthias Opdenhövel.



insgesamt 27 Beiträge
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Lankoron 29.12.2017
1. Mich nervt
nicht der Sport an sich, ich habe auch kein Problem mit 10 und mehr Stunden Wintersport im Fernsehen. Was mich nervt, sind die sinnfreien oft stundenlangen Vor-, Zwischen- und Nachberichte, garniert mit "Experten". Man gewinnt den Eindruck, dass heutzutage mehr Nebenberichterstatter herumerzählen als Sportler anwesend sind. Der Sport wird zur Nebensache, das Gelaber zur Hauptunterhaltung. Und im Bereich der ÖR kommt dazu die permanente Dopingbasherei. Auch wenn es nichts neues zu berichten gibt, wärmt man das alte permanent und dauerhaft weiter auf. im übrigen...wo bleibt eigentlich Hajo Seppelts Dopingbericht aus der Fussball-Bundesliga über mangelnde Dopingproben und deren unzureichende Finanzierung? Ach, ich vergaß...Fussball ist ja die heilige Kuh, die man in Deutschland nicht anfassen darf.....
SamTex 29.12.2017
2. Eddie Edwards bei der Tournee?
Wann hat Eddie Edwards denn an der Tournee teilgenommen?
peter_rot 29.12.2017
3. Kann man so sehen - muss man so nicht sehen.
Persönlich halte ich die Vierschanzentournee immer noch für das Highlight beim Skispringen. Vier Weltcups in dieser Kürze sind schon sehr selektiv. Das – früher war alles schöner – Gejammer des Autors, kann ich nicht nachvollziehen. Wenn heute 40.000 Zuschauer alleine zum Springen nach Oberstdorf kommen, zeigt das doch den positiven Wandel in dieser Sportart. „Eddi the Eagle“ war schon damals ein sehr gefährlicher Schwachsinn – wenn man auch darüber lächelte. Was ist denn daran schlecht, das der Wintersport heute einen wesentlich breiteren Stellenwert als vor 20 – 40 Jahren einnimmt. Wer es nicht mag hat heute auch wesentlich mehr Möglichkeiten andere Programme zu sehen. Somit kann ich mich der Meinung des Autors nicht anschließen.
zm1 29.12.2017
4. An nr. 2
Eddie nahm 1987/1988 und 1988/1989 an der Tournee teil. Bei der 2. Teilnahme ist er schwer gestürzt.
ichliebeeuchdochalle 29.12.2017
5.
Lieber Autor, im ZDF lief zwar Orchester-Gedöns aus Wien, doch das hat kaum einer geguckt. Im Ersten lief nämlich um 11.00 Uhr Ohnsorg-Theater am Neujahrsmorgen. Und danach dann das erste Springen der Tournee. Und beim Moravetz wurde "aufs Töpfchen" gegangen. Und zwar ganz oft. Bei jeder "Haferl-Landung". Bei jedem Durchgang. Die ganze Nation wußte am Ende der Tournee, wie man in den Bergen aufs Klo geht. Und man wußte alles über den "kleinen Indianer-Jungen" aus Kanada, Steve Collins. Und das der Sänger Falco aus Österreich sich diesen Künstlernamen gab, weil der ältere Bruder von Jens Weißflog so heißt (auch Skispringer in der DDR-Mannschaft) und es dem Sänger irgendwie angetan hatte. Und ... und ... und. Heute ist die Live-Übertragung im Wintersport gang und gäbe ... früher waren das ausgesuchte Ereignisse. Ski alpin im Weltcup gab es als Konserve, als Aufzeichnung, wenn nachmittags das TV-Programm anfing. Live gab es das nur bei Olympia, dann bei der WM. Wenn alles live ist, ist es beliebig. Oder wenn alles tagelang abrufbar ist. Was sich noch geändert hat? Die Reporter sind jetzt Marktschreier wie der brühmze Aal-Dieter vom Fischmarkt in Hamburg.
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