Vierschanzentournee in Garmisch Ein Stoch ins Herz

21.000 Fans hofften auf den ersten deutschen Heimsieg beim Neujahrsspringen seit 16 Jahren. Richard Freitag versuchte in Garmisch alles - aber der Pole Kamil Stoch behielt erneut die Nerven.

Polnische Fans erwarten die Landung von Kamil Stoch
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Polnische Fans erwarten die Landung von Kamil Stoch

Aus Garmisch-Partenkirchen berichtet Eike Hagen Hoppmann


Der Wind drehte auf, die aufgebauten Heißluftballons der Sponsoren wankten, Tilen Bartol und Kamil Stoch, die beiden besten Springer des ersten Durchgangs, durften nicht vom Balken - bestes Material für einen Thriller: Ein bis dahin reibungsloses Neujahrsspringen der Vierschanzentournee in Garmisch-Partenkirchen wurde kurz vor dem Ende des zweiten Durchgangs doch noch packend.

Unten warteten 21.000 Fans im ausverkauften Stadion auf die Entscheidung. Richard Freitag saß zu diesem Zeitpunkt in der Box des Erstplatzierten und konnte ebenfalls nur abwarten. Nach Platz sechs im ersten Durchgang hatte er sich mit einem starken zweiten Sprung nach vorne gearbeitet. Einen Podiumsplatz hatte er sicher. Aber ging vielleicht noch mehr? Wenn Bartol und Stoch bei schwierigen Windbedingungen patzten? Über zehn Minuten ging es nicht weiter. Garmisch-Partenkirchen hoffte, ein Heimsieg war möglich. Der erste seit 16 Jahren. Doch daraus wurde nichts - Stoch gewann vor dem Deutschen.

Auch wenn die Vierschanzentournee in den vergangenen Jahren an gesellschaftlicher Relevanz verloren haben mag: Vor Ort ist es weiter ein Ereignis. Schon in Oberstdorf war das Stadion ausverkauft, auch für Garmisch-Partenkirchen gab es keine Tickets mehr. "Das Stadion war selten so voll", sagte Freitag. Aber auch die Erwartungen der Zuschauer waren höher als in den vergangenen Jahren. Freitag ging als Führender des Gesamtweltcups in die Tournee, Andreas Wellinger als Zweiter.

Beim Auftaktspringen landete Freitag hinter Stoch auf Rang zwei, die Form stimmte. Seit dem späten Vormittag warteten deshalb Tausende Fans bei Temperaturen um den Gefrierpunkt auf den Beginn des zweiten Duells zwischen Freitag und Stoch.

Deutsch-polnisches Duell auch im Publikum

Wie auf der Schanze war es auch im Publikum ein deutsch-polnisches Duell. Hunderte polnische Fans waren angereist. Nachdem die Polen beim Auftakt in Oberstdorf den ersten (Stoch) und dritten Platz (Dawid Kubacki) belegt hatten, stieg die Begeisterung im skisprungverrückten Land weiter an. Zwischen die schwarz-rot-goldenen Fahnen mischten sich viele weiß-rote Doppelhalter.

Die Springer genossen die Atmosphäre, verteilten Autogrammkarten oder standen für ein Foto bereit. Das Publikum wiederum respektierte die Springer: Es gab auch Applaus für gute Sprünge von Sportlern anderer Länder. Ein Raunen ging durch das Stadion, wenn ein Sprung in die Nähe der 140-Meter-Marke kam.

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Fotostrecke: Nur Stoch besser als Freitag

Die Zuschauer sahen einen guten Wettkampf, die äußeren Bedingungen spielten anders als in Oberstdorf keine Rolle. Bis es kurz vor dem Ende zur kritischen Phase kam. Aber die Pause zahlte sich aus, der Wind nahm wieder ab.

Trotzdem konnte Bartol die Form aus dem ersten Durchgang nicht halten und fiel zurück. Erneut hieß es also: Freitag oder Stoch? Der Pole zeigte erneut keine Schwäche. Er sprang auf 139,5 Meter, die beste Weite des Tages. Auch mit dem bloßen Auge war zu erkennen, dass es für Freitag mit dem Platz ganz oben erneut nicht gereicht hat.

Zweikampf um den Gesamtsieg

In der Gesamtwertung hat er zwar Boden auf Stoch verloren, liegt aber noch in Schlagdistanz. Das ist die gute Nachricht - trotz des verpassten Heimsiegs. "Einfach genial" sei der Tag gewesen, sagte Freitag und meinte damit Sprünge und Publikum. Umgerechnet 6,5 Meter Rückstand hat er auf den Polen, mit den vier verbleibenden Sprüngen ist das aufzuholen.

Dahinter klafft allerdings bereits eine größere Lücke. Kubacki hat als Gesamtdritter bereits über 20 Punkte Rückstand auf den Deutschen. Stoch und Freitag dürften den Tourneesieg also unter sich ausmachen - auch wenn sie das noch nicht zugeben wollten. "Die Tournee lässt immer Überraschungen offen", sagte Freitag. Am Donnerstag folgt in Innsbruck das dritte Springen. Freitag hat hier 2015 bereits gewonnen. Gute Voraussetzungen für den Beginn einer Aufholjagd.


Die Vierschanzentournee wird am Donnerstag (ab 13.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: ZDF) mit dem ersten Springen in Österreich (Innsbruck) fortgesetzt. Alle Informationen zur Tournee finden Sie hier.



insgesamt 4 Beiträge
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reflexxion 01.01.2018
1. einfache Rechnung: Topfavorit 4 x Zweiter - wer gewinnt?
Ganz einfach Stoch weil der 4 x Erster wird. Man soll den Freitag nicht vor dem Wochenende hochloben und so was kann nun mal passieren. Bitte nicht weiterhin so selbstherrlich kommentieren. Gratulation an Stoch zum Sieg bei der diesjährigen Vierschanzentournee!
fantin-latour 02.01.2018
2.
Der Wind spielte durchaus eine Rolle, aber dazu muss man die Werte im FIS-Liveticker mitverfolgen und nicht auf das Fernsehbild starren. Weiter oben sind einfach noch die, die bisher kein Pech mit den Windbedingungen hatten _und_ gut springen.
Lankoron 02.01.2018
3. @reflexx
Man soll den Fuchs nicht verteilen, ehe er erlegt ist...das heisst, bis zum 2. Durchgang in Bischofshofen. Es sind noch 6 Sprünge inkl. der Qualifikation zu erledigen, da kann noch viel passieren. Und auf 4 Siege eines Springers zu tippen ist angesichts der Geschichte der Tournee sehr verwegen.
M. Vikings 02.01.2018
4. Von seinem Leistungsvermögen traue ich ihm das auch zu.
Zitat von reflexxionGanz einfach Stoch weil der 4 x Erster wird. Man soll den Freitag nicht vor dem Wochenende hochloben und so was kann nun mal passieren. Bitte nicht weiterhin so selbstherrlich kommentieren. Gratulation an Stoch zum Sieg bei der diesjährigen Vierschanzentournee!
Aber das hat man schon bei so vielen Springern vor ihm gedacht. Es braucht immerhin bei 8 Sprüngen mindestens ähnliche Bedingungen, wie sie die anderen Top Springer haben. Eine ungünstige Veränderung beim Wind, und der Drops ist gelutscht. Am Ende darf ihm dann auch das Herz nicht in die Hose rutschen. Die vier Siege von Hannawald bei einer Tournee und die vier olympischen Goldmedaillen von Amman sind jeweils Erfolge, bei denen es auch einer Menge Glück bedurfte. Je acht Sprünge unter fast optimalen Windbedingungen. Rein von der überlegenen Form her, hätten den Vierfachsieg von Hannawald schon viele Springer vor und nach ihm schaffen können. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Tagessieger_der_Vierschanzentournee Was den viermaligen Tagessieg angeht wette ich mal gegen Stoch. .
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