Freitags zweiter Platz beim Tournee-Auftakt "Nicht ganz sauber, aber gut"

Richard Freitag bewahrt beim Auftakt der Vierschanzentournee die Chance auf den Gesamtsieg. In der Windlotterie von Oberstdorf blieb er ohne Fehler - und war dennoch nicht ganz zufrieden.

Richard Freitag
DPA

Richard Freitag

Aus Oberstdorf berichtet Eike Hagen Hoppmann


Die Siegerehrung im Dauerregen von Oberstdorf war gerade vorbei, da nahm der Stadionsprecher Richard Freitag für ein kleines Interview zur Seite. Wie lief es für ihn? "Tipptopp", sagte Freitag und lächelte etwas gequält. Später sagte er auch auf der Pressekonferenz, er sei "wirklich zufrieden".

Unmittelbar nach seinem zweiten Sprung schien die Gefühlslage noch etwas anders gewesen sein. Teamkollege Andreas Wellinger, der Freitag anschließend als Erstes beglückwünschte, berichtete jedenfalls später: "Er war immer noch nicht ganz zufrieden."

Vielleicht haderte Freitag doch ein wenig mit seinen beiden Sprüngen auf 128,5 und 127 Meter, er schien auch ein wenig aufgeregter als bei anderen Springen. Oder reifte in den 20 Minuten zwischen Sprung und Siegerehrung die Erkenntnis, dass dieser zweite Platz zum Auftakt der Vierschanzentournee eine gute Basis ist? Nur der Pole Kamil Stoch war besser.

Fotostrecke

10  Bilder
Vierschanzentournee: Nur fliegen ist schöner

Vielleicht hatte sich Freitag aber auch selbst schon ein bisschen mit der Rolle des Top-Favoriten vertraut gemacht, die ihm, dem Weltcup-Gesamtführenden, in den vergangenen Tagen übergestülpt worden war. Erst recht, nachdem er mit Platz eins in der Qualifikation seine hervorragende Form bestätigte. Ein Sieg in seiner neuen Wahlheimat wäre die logische Konsequenz gewesen.

Aber beim ersten Springen der Tournee geht es vor allem darum, keine entscheidenden Fehler zu machen. Die Tournee, so die häufig verwendete Floskel, kann man in Oberstdorf nur verlieren und nicht gewinnen.

Die Verhältnisse an der Schattenbergschanze forderten auch diesmal Verlierer. Der Wind blies kräftig, selten von vorne, häufig von hinten, und es regnete nahezu während des kompletten Wettbewerbs. "Wenn du da einen kleinen Fehler machst, hast du keine Chance", sagte der deutsche Bundestrainer Werner Schuster.

So sah es auch Severin Freund, der verletzte deutsche Top-Springer, der seine Teamkollegen von der Tribüne aus beobachtete. "Das war ein Wettkampf, in dem viel danebengehen kann", sagte Freund. "Träume können schnell platzen."

Freitag gehörte nicht zu den Verlierern. Der Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee ist weiterhin möglich. Auch weil in dieser Saison niemand so konstant gute Leistungen bringt wie Freitag. "Er springt sehr stabil", sagte Freund. Für viele andere Mitfavoriten wurde es in Oberstdorf hingegen gefährlich:

  • Der Norweger Johann Andre Forfang rutschte nach einem schwachen ersten Sprung als Fünfter der Lucky Loser gerade noch in den zweiten Durchgang. Dort arbeitete er sich dann noch bis auf Platz sieben nach vorne.
  • Auch Wellinger konnte sich nach einem ersten Sprung mit "vielen Fehlern" in Durchgang zwei steigern. Der Zweite des Gesamtweltcups rettete so immerhin noch einen Platz unter den ersten zehn.
  • Andere hatten weniger Glück. Der Slowene Peter Prevc, Sieger der Vierschanzentournee 2015/16 erwischte katastrophale Windverhältnisse und schied schon nach dem ersten Durchgang aus.
  • Auch der Weltcupdritte Daniel Andre Tande aus Norwegen ist nach Platz 20 und 40 Punkten Rückstand auf Stoch früh aus dem Rennen um den Gesamtsieg.

Der Pole hingegen erwischte im zweiten Durchgang eine der wenigen windstillen Minuten und nutzte diesen Vorteil gnadenlos aus. Er erzielte mit 137 Metern die mit Abstand beste Weite des Tages. Stoch und Freitag haben sich nun laut Schuster "gut positioniert. Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen".

In der Windlotterie wurde nur bedingt sichtbar, welcher Springer sich wirklich in welcher Verfassung befindet. Die Polen machten mit drei Platzierungen unter den besten sechs (neben Stoch waren das Dawid Kubacki als Dritter und Stefan Hula auf Platz sechs) den besten Eindruck. Die insgesamt enttäuschenden Österreicher haben mit Stefan Kraft (4.) immerhin noch einen Siegkandidaten und die Norweger Forfang sowie Anders Fannemel auf dem geteilten siebten Platz sind noch nicht abzuschreiben.

Aber auch bei Freitag ist noch Luft nach oben. "Die Sprünge waren nicht ganz so sauber, aber gut", sagte Schuster. Sehr gut sollen sie dann an Neujahr beim zweiten Springen in Garmisch-Patenkirchen werden.


Die Vierschanzentournee wird am Montag (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: ZDF) mit dem traditionellen Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen fortgesetzt. Alle Informationen zur Tournee finden Sie hier.

zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.