Freunds Auftaktsieg bei Vierschanzentournee Wie befreit

Severin Freund gehört seit Jahren zur Skisprung-Weltklasse. Seine besten Sprünge zeigte der Deutsche ebenso wie seine Teamkollegen bei kleineren Wettkämpfen. Freunds Sieg beim Auftakt der Vierschanzentournee ist auch ein Triumph von Trainer Werner Schuster.

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Wenn Werner Schuster euphorisch wird, dann muss etwas Besonderes passiert sein. Der Österreicher ist inzwischen im achten Jahr Bundestrainer der deutschen Skispringer, doch so sehr wie am Dienstagabend hat sich Schuster in dieser Zeit selten gefreut. "Ein fantastischer Tag" sei es gewesen, sagte er: "Ein großer Tag für den deutschen Skisprung."

Die Stunden zuvor hatte Schuster vor allem damit zugebracht, seine Fäuste in die Bergluft von Oberstdorf zu boxen, nach jedem guten Flug seiner Springer beim ersten Wettkampf der Vierschanzentournee jubelte Schuster. Er hatte gut zu tun, insgesamt schafften es fünf Deutsche in die Top 15.

Die überragende Leistung des Abends zeigte Severin Freund, der seinen zweiten Sprung auf 137,5 Meter gesetzt hatte und so - trotz eines schwachen ersten Versuchs von 126 Metern - den Sieg vor vor Michael Hayböck aus Österreich und dem Favoriten Peter Prevc aus Slowenien perfekt machte.

"Das Wichtige war der zweite Durchgang", sagte Schuster über Freunds Leistung. Bei seinem Nachsatz schwang dann eine Menge Erleichterung mit: "Wäre der nicht geglückt, wäre es extrem holprig gewesen."

Also so wie sonst meistens in Oberstdorf. Im Dezember 2002 hatte Sven Hannawald den Auftakt der Vierschanzentournee gewonnen, seitdem scheiterten die Deutschen zuverlässig Jahr für Jahr auf der Schattenbergschanze. Vom "Fluch" war schon die Rede, der bisher auch auf Freund gelastet hatte. Der Weltmeister und Mannschafts-Olympiasieger gehört bei der Tournee seit Jahren zum Favoritenkreis, kam aber nie über Platz sieben in der Gesamtwertung hinaus, in Oberstdorf war ein dritter Platz sein bestes Ergebnis.

"Wir haben hier einiges einstecken müssen"

"Wir haben hier schon einiges einstecken müssen", sagte Schuster. So wie im vergangenen Jahr, als Freund 13. geworden war und Richard Freitag, der diesmal guter Neunter wurde, nur auf Platz 15 landete. Von einem "katastrophalen Wettkampf" hatte Schuster damals gesprochen: "Ich hätte mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt, dass unsere beiden Top-Leute so schlecht Ski springen können."

Als Schuster 2008 das Amt des Bundestrainers von Peter Rohwein übernommen hatte, zehrte das deutsche Skispringen fast nur noch von den vergangenen Erfolgen der Ära Sven Hannawald und Martin Schmitt. Hannwald hatte seine Karriere 2005 beendet, Schmitts Karriere neigte sich dem Ende entgegen. Schuster sollte das gesamte System neu strukturieren. "Ich will mittel- und langfristig dazu beitragen, den deutschen Skisprung wieder in die Weltspitze zurückzuführen", sagte er damals. Die Öffentlichkeit tat sich schwer mit "mittel - und langfristig". Weltcuperfolge und selbst Weltmeisterschaften finden einfach auf deutlich kleinerer Bühne statt als Olympische Spiele und die Tournee.

Der erste große Triumph gelang Schuster und seinem Team bei den Winterspielen in Sotschi, als die Mannschaft - angeführt von Freund - die Goldmedaille gewann. Richard Freitag galt immer als größtes Talent im DSV-Kader, scheiterte aber an der verbandsinternen Qualifikation für Sotschi. Schuster war streng mit dem Mann aus dem Erzgebirge, hielt aber zu ihm und förderte Freitag weiter. Im vergangenen Jahr zahlte sich das mit dem Sieg beim Tourneespringen in Innsbruck aus, dem ersten Tagestriumph seit Hannawalds Auftakterfolg 2002.

Jetzt klappt die Emanzipation von der Ära Hannawald/Schmitt

"Wir sind geduldig geblieben und haben uns akribisch vorbereitet", beschreibt Schuster seine Arbeit. Das sagt er seit Jahren. Er hatte damit immer recht, aber nun zahlt sich das Geleistete in Erfolgen aus. Warum erst jetzt?

"Wir versuchen seit Jahren, uns von der Vorgängergeneration zu emanzipieren. Umso wertvoller ist, was Severin gestern geleistet hat", sagt Schuster. Das Erbe der vergangenen Erfolge wog zu schwer, der Druck war zu groß. "Fragen Sie mal bei den Tennisspielern", rät er: "Die schaffen es seit 25 Jahren nicht ins Wimbledonfinale, weil sie mit Boris Becker und Michael Stich verglichen werden."

Becker und Stich, Hannawald und Schmitt. Die ganz großen Namen der jüngeren deutschen Sportgeschichte. Soweit sind Freund und Freitag noch lange nicht. Ein Gesamtsieg bei der Tournee könnte das jedoch ändern. Schuster traut es vor allem Freund zu. "Sein Charakter ist, dass er mit jedem Erfolg mental stärker wird. Er hat das Team-Gold in Sotschi als Türöffner gebraucht, um mentale Stärke zu gewinnen. Andere fallen in ein Loch, wenn sie ein Ziel erreicht haben. Er wird freier."

Die nächste Station der Tournee ist Garmisch, wo Freund gerade erst souverän Deutscher Meister geworden ist. "Mit dieser Leistung wäre er am Freitag vorne dabei", glaubt Schuster. Dann wird es wieder gelten, den derzeit dominanten Springer zu schlagen: Peter Prevc. Im Moment sei der Slowene noch der bessere Springer, sagt Schuster, man müsse ihn nun weiter unter Druck setzen. Auch Freund ist sich sicher, dass der Konkurrent ihn in Oberstdorf geschlagen hätte, wenn der Wind nicht plötzlich gedreht hätte. Aber er drehte.

Mit Material vom sid



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insgesamt 8 Beiträge
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cologne_sharks 30.12.2015
1. Tolles Ergebnis
Für das Skispringen brauchte es so ein Ergebnis, um wieder eine Euphorie wie zu besten Schmitt/Hannawald-Zeiten zu erzeugen. Man muss aber realistisch bleiben. Die Tournee gewinnt man nicht in Oberstdorf. Eine Top-3-Platzierung für Freund wäre schon klasse, den Gesamtsieg sollte die Öffentlichkeit nicht herbeirufen, um keinen Druck auf ihn zu erzeugen.
norbi123 30.12.2015
2. Klasse
Leistung von S. Freund, wenngleich für mich etwas unerwartet! Im 2. Durchgang wurde ca. eine Hand voll Springer durch die Windverhältnisse begünstigt, u. a. eben Freund und Hayböck, das war dann schon wettkampfentscheidend! Bei gleichen Verhältnissen wäre Prevc vermutlich vorne gewesen. Er ist aktuell einfach der Beste, das haben die letzten Springen gezeigt! Nun hat er hat noch 3 Chancen dies zu beweisen. Nichts desto trotz gönne ich Freund einen Gesamtsieg bei der Tournee, nur recht glauben, kann ich daran noch nicht.
eingangrad 30.12.2015
3. SF hat das Potential...
...und endlich auch mal das Glück. Er hat die grösste Erfahrung aller Favoriten und wenn er seine Nerven behält, wird er die VST gewinnen.
Sekundogenitur 30.12.2015
4. Erfolge ebenbürtig
Die bisherigen Erfolge von S. Freund sind schon jetzt Sven Hannawald ebenbürtig, er hat als Weltcup-Sieger, Skisprung- und Skiflug-WM keineswegs nur bei unbedeutenderen Ereignissen überzeugt.
Steffmann40 31.12.2015
5. noch lange nicht
Severin Freund hat 21 Weltcupsiege geholt. Er ist Skiflug-Weltmeister, Weltmeister, Olympiasieger und Gesamtweltcup-Sieger. Was berechtigt den Autor zu der Aussage: "Soweit sind Freund und Freitag noch lange nicht" ? Solche offensichtlich fachunkundigen Presseartikel sind mit ein Grund, warum Spitzenathleten in Deutschland am deutschtümelnden Nostalgiedruck mancher Pressefritzen verzweifeln.
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