Arbeitsbedingungen in Sotschi Systematisch ausgebeutet

Gigantismus, Korruption, Lohndrückerei - die Olympischen Winterspiele machen zehn Tage vor ihrem Beginn negative Schlagzeilen. Bauarbeiter klagen über mieseste Bedingungen. IOC-Boss Thomas Bach sieht dennoch alles auf einem guten Weg.

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DPA

"Hot. Cool. Yours." lautet der Slogan der Olympischen Winterspiele in Sotschi, die in eineinhalb Wochen beginnen. Er lässt sich auch auf die Missstände anwenden, die vorab ihre Schatten auf die Wettkämpfe werfen. Will man etwa die Kosten dieser Spiele beziffern, gleicht dies schnell einem Ratespiel, man kann sich von "Cool" bis "Hot" an eine Summe herantasten: kalt, kalt, warm, wärmer, noch wärmer, heiß!

51 Milliarden US-Dollar wird von Experten als ebenso realistische wie gigantische Summe angesehen. Bis zu 30 Milliarden davon sollen in Firmen und Organisationen versickert sein, an denen Bekannte von Präsident Wladimir Putin beteiligt sind. Nur für einen Großteil der bis zu 100.000 Bauarbeiter schien kein Geld mehr übrig gewesen zu sein, das "Yours" blieb auf der Strecke.

Und dabei scheint es sich nicht um die eine oder andere von den Olympia-Organisatoren nicht bezahlte Rechnung zu handeln, sondern um gezielten und systematischen Betrug an den Arbeitern.

"Viele haben keine Arbeitsverträge"

"Es steckt System dahinter", klagt Semejon Simonow in der am Montagabend ausgestrahlten WDR-Sendung "Sport Inside". Der Vertreter der Menschenrechtsorganisation Memorial sagt: "90 Prozent aller Arbeiter der Olympiabauten von Sotschi haben entweder ihren Lohn gar nicht bekommen oder nur in Teilen. Mit ihrer Arbeit wurde Olympia erst möglich, aber bezahlt wurden sie dafür nicht."

1500 Arbeitern habe er in Sotschi geholfen, sagt Simonow, vor allem Gastarbeitern. "Viele dieser Menschen haben keine Arbeitsverträge, in manchen Fällen nicht einmal eine Arbeitserlaubnis oder Registrierungspapiere. Nicht selten nehmen ihnen die Arbeitgeber vorhandene Dokumente einfach ab", schilderte Simonow das Vorgehen in Sotschi bereits im Oktober bei tagesschau.de. Er schätzt, dass statt der offiziellen 17.000 Gastarbeiter rund dreimal so viele Hilfskräfte aus dem Ausland gekommen seien, vor allem aus Zentralasien.

Dorthin, genauer: nach Tadschikistan, machte sich Florian Bauer auf, sportpolitischer ARD-Reporter, verantwortlich für den "Sport Inside"-Bericht. Hatten sich die betrogenen Arbeiter bisher aus Angst vor den Organisatoren nicht öffentlich äußern wollen, bestätigten sie nun die Ausbeutung. Vorarbeiter Cholip Junusow nannte Bauer Zahlen: "Die haben 10.000 Euro Lohn nicht bekommen", so Bauer, Junusow selbst spricht von "moderner Sklaverei". Sie hätten keinen Tag frei gehabt, es gab keine medizinische Betreuung: "Wenn du krank warst, war das dein Problem."

Human Rights Watch kritisiert Bedingungen seit langem

Anfang Januar hatte der "Tagesspiegel" am Beispiel des Arbeiters Mardiros Demertschan dann berichtet, wie man Arbeiter später wieder loswurde. Der ungelernte Bauarbeiter wurde mit einem überdurchschnittlichen Lohn von umgerechnet rund 33 Euro am Tag angeworben, doch auch er sollte kaum Geld erhalten: Regelmäßig wurden kleinere Summen ausgezahlt, offenbar eine Hinhaltetaktik. Der Arbeitgeber kündigte Demertschan unter fadenscheinigen Begründungen, eine niedrige Abfindung wurde versprochen, dann warf man ihm Diebstahl vor - der Arbeiter fand sich auf einer Polizeistation wieder. Dort habe man ihn zu einem Geständnis genötigt.

Bereits im Februar des Vorjahres hatte Human Rights Watch auf die Missstände auf den Baustellen von Sotschi hingewiesen, die vor allem die Gastarbeiter betreffen. Allerdings war daraufhin nichts passiert, auch wenn IOC-Präsident Thomas Bach am Montag gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sagte: "Wir sind mit Human Rights Watch auch in dieser Frage immer in Kontakt und nehmen solche Fragen, die mit Olympia zusammenhängen, auf."

Erst kürzlich habe es aufgrund einer IOC-Initiative ein Treffen zwischen dem russischen Vizepremierminister und dem russischen Ombudsmann für Menschenrechte gegeben. "Als Folge wurde eine Übereinkunft erzielt, dass kurzfristig 277 Millionen Rubel (6,1 Millionen Euro) an Löhnen nachbezahlt werden", so Bach. Wann und wie die Auszahlung bei den zumeist nicht registrierten Gastarbeitern von Sotschi, von denen viele auch kein Bankkonto haben, erfolgt sein soll, konnte das IOC der ARD auf Nachfrage allerdings nicht mitteilen.

Barbara Lochbihler, Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses des Europäischen Parlaments, kritisiert Bach und Co. scharf: "Das IOC darf nicht einfach so weitermachen wie bisher. Man hätte viel früher reagieren müssen. Es ist jetzt absolut notwendig, dass das IOC, die russische Regierung und die einzelnen Unternehmen Verantwortung zeigen."

Für Bach sind derlei Diskussionen "eine positive Wirkung der Spiele", wie er im "FAZ"-Interview sagte. Zudem stellte der IOC-Boss fest: "Die Athleten bekommen auch in Sotschi exzellente Bedingungen."

Nur zu welchem Preis?



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wolfi55 28.01.2014
1. Hauptsache das IOC macht seinen Reibach
Das ist doch für Bach das wichtigste an der Sache. Kohle ins IOC schaufeln. Das ist ein Ableger der FIFA oder umgekehrt. Korrupt, verlogen, intransparent und nicht von dieser Welt.
GSYBE 28.01.2014
2. Gigantismus, Korruption, Lohndrückerei
Upps, erst dachte ich es ginge in dem Bericht um Deutschland und seine diversen Projekte... Gestern Abend war auch ein ausführlicher Bericht über Sotschi im Fernsehen. Ohne irgendetwas beschönigen zu wollen, so beschleicht einen doch das Gefühl, dass mit zweierlei Mass gemessen wird: an die `heilige Kuh´ Fussball und Katar/Blatter traut sich niemand in dieser Ausführlichkeit. Russland-Bashing passt immer in den Zeitgeist und liest sich auch leichter.
_derhenne 28.01.2014
3.
Das eigentlich traurige ist doch, dass man es garnicht anders erwartet hat. Nach Peking, Katar, Brasilien... Und immer stehen die Weltverbände schweigend daneben und heben die Hände: Also dafür können wir wirklich nichts.
Theo Haenzi 28.01.2014
4. Nicht mehr zeitgemäss
Solche Spiele sind nicht mehr zeigmäss. Da kompensiert ein Diktator fehlende Grösse mit Gigantismus. Und dies nota bene zu Lasten der Ärmsten. Und das IOC lässt sich zum Handlanger machen. Und wir Zuschauer machen uns mitschuldig, wenn wir solches Treiben stillschweigend, nur damit wir unterhalten werden, akzeptieren.
franz.v.trotta 28.01.2014
5. Verblüffend
Die Schilderung der Arbeitsbedingungen in Sotschi erinnert stark an Zustände auf dem deutschen Arbeitsmarkt und besonders an die Umstände der illegalen Beschäftigung von Osteuropäern (vorenthaltene Entlohnung; Vermietung einer Matratze zum Schlafen, Wegnahme der Ausweispapiere etc.). Und: mit Kinderarbeit produzieren wir im Ausland.
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