Deutsche Biathleten bei der WM: Weit am Ziel vorbei

Aus Nove Mesto berichtet

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Biathletin Gössner: Schießt sich um Medaillen

Auf der Strecke zu langsam, am Schießstand zu schwach: Das deutsche Team läuft bei der Biathlon-WM nur hinterher. Die fünf angepeilten Medaillen sind illusorisch geworden - vor Beginn der zweiten Wettkampfwoche schraubt der Bundestrainer die Vorgaben deshalb drastisch nach unten.

Kobolde und Wichtel treiben in den Wäldern rund um Nove Mesto ihr Unwesen. Zumindest wenn man die Geschichten der tschechischen Einheimischen glaubt, hier an der Grenze zwischen Böhmen und Mähren. Das deutsche Biathlon-Team dürfte für derlei Sagen aber derzeit kaum zu haben sein, ihm spukt etwas ganz anderes durch den Kopf: der Name Osrblie. Dort fand 1997 die Biathlon-Weltmeisterschaft statt, aber der Ort in der Slowakei ist auch ganz aktuell wieder in den Schlagzeilen. Denn überall liest man gerade vom schlechtesten WM-Start deutscher Biathleten seit 16 Jahren. Seit Osrblie.

Einer, der damals in der Slowakei als Aktiver für den Deutschen Skiverband (DSV) am Start war, ist Mark Kirchner. Er sagt, man müsse das bisherige WM-Abschneiden richtig einordnen, vor allem mit Blick auf die Weltcup-Ergebnisse seiner Athleten in dieser Saison, daher "waren wir nicht so weit, um hier Medaillen zu gewinnen". Kirchner ist Bundestrainer der Männer.

Es ist ein erstaunlicher Satz, denn er sagt nichts anderes als: Medaillen waren, zumindest von Kirchners Männern, realistisch gesehen gar nicht zu erwarten. Weil diese Erkenntnis mit Blick auf besagte Weltcup-Ergebnisse nicht gerade überraschend daherkommt, hatten viele Beobachter mächtig gestaunt, als DSV-Sportdirektor Thomas Pfüller vor der WM das Ziel ausgab: Mindestens fünf bis sechs Medaillen sollen es für das deutsche Team in Tschechien werden. Eine Aussage, die Pfüller jetzt um die Ohren fliegt. Denn fünf Medaillen sind nahezu unmöglich geworden.

Müssiggang korrigiert Medaillenvorgabe nach unten

Das haben offenbar auch die Verantwortlichen beim DSV erkannt. "Wir wollen am Start stehen mit Athleten, die von sich aus sagen: Ich möchte um die Medaillen kämpfen. Ob es dann eine wird oder fünf oder sechs, das ist egal", sagte Uwe Müssiggang am Montag eher beiläufig. Der Chef-Bundestrainer schraubte mit wenigen Worten die Ansprüche drastisch herunter.

Also erst mal nur eine Medaille - wer aber könnte die gewinnen? Von den Männern ist weder im Einzel am Donnerstag (17.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) noch im Massenstart am Sonntag (15 Uhr) ein Podestplatz zu erwarten. Gold und Silber werden in beiden Wettbewerben wohl wieder Emil Hegle Svendsen aus Norwegen, in Nove Mesto schon im Sprint, in der Verfolgung und mit der Mixed-Staffel siegreich, sowie der Franzose Martin Fourcade, in allen drei bisherigen Wettbewerben Zweiter, unter sich ausmachen. Für Bronze kommen rund ein Dutzend Athleten in Frage - nur keiner aus dem DSV-Kader.

Bei den Frauen ruhen im Einzel am Mittwoch (17.15 Uhr) und im Massenstart am Sonntag (12 Uhr) die deutschen Hoffnungen auf Miriam Gössner und Andrea Henkel. Vor allem Gössner fiel in den Individualwettbewerben bislang aber dadurch auf, dass sie läuferisch zwar top drauf war, sich wegen ihrer Ergebnisse mit dem Gewehr aber jegliche Medaillenchancen im wahrsten Sinne des Wortes zerschoss.

1997 folgten auf desaströsen Start drei Goldmedaillen

Bleiben die beiden Staffeln am Freitag (Frauen, 17.15 Uhr) und Samstag (Männer, 15.15 Uhr), wo Norwegen und Russland jeweils kaum zu schlagen sein dürften. Und Deutschland? Bei den Männern wäre wohl schon eine Top-Ten-Platzierung ein Erfolg. Erik Lesser ist zu unerfahren, Arnd Peiffer außer Form und die größte deutsche Hoffnung, Andreas Birnbacher, gibt freimütig zu: "Ich bin im Kopf ausgebrannt, ich weiß auch nicht, was los ist."

Etwas besser dürften die Aussichten der deutschen Frauen auf Bronze sein. Aber auch nur dann, wenn sich Gössner am Schießstand steigert und Nadine Horchler sowie Franziska Hildebrand auf der Strecke zulegen. Deutschland geht zwar als Titelverteidiger in den Wettbewerb, allerdings hatte Müssiggang schon vor der WM gewarnt: "So eine Bank, wie die Staffel in den vergangenen Jahren war, wird sie sicher nicht sein."

Der Chef-Bundestrainer war auch schon beim desaströsen WM-Auftakt in Osrblie dabei gewesen, damals noch ausschließlich für die Frauen verantwortlich. Doch 1997 hatte er sich in der zweiten Woche über die Goldmedaille seiner Staffel freuen können, hinzu waren durch die DSV-Männer noch Gold in der Staffel, Silber im Mannschaftswettbewerb und Gold im Einzel durch Ricco Groß, heute Müssiggangs Nachfolger als Trainer der Frauen, gekommen.

Dreimal Gold, einmal Silber, Platz eins im Medaillenspiegel: Das war vor 16 Jahren am Ende die deutsche Ausbeute, trotz der erfolglosen ersten Wettbewerbe. Beim DSV würden sie in Jubel ausbrechen, wenn das deutsche Team in Nove Mesto zumindest zwei dieser Medaillen von damals holt. Aber dafür wären wohl doch Kobolde und Wichtel als kleine Helfer nötig.

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traurigewelt 12.02.2013
Also Ganz so drastisch würde ih das nicht sehen. Die Männerstaffel kann relativ weit vorne landen, wenn man sich das gesamtbild anschaut, sind es immer noch 4 atlethen die unter die top 20 laufen. Also sollte platz 3-6 auf jeden fall möglich sein. Birnbacher ist stark im massenstart, da könnte noch was kommen. Der einzel könnte den deutschen männern auch liegen. Bei den Frauen könnte im Einzel vllt eine Bronzene rausspringen(henkel), und der massenstart könnte für die gössner gut werden. Die staffel sehe ich nicht auf medallienkurs(vllt bronze)
2. Es werden immer die fotogenen gelobt,
spmc-122226439819235 12.02.2013
aber nicht die ,welche über viele Jahre Topleistungen erbringen und da fällt mir nur Andres Henkel ein,die auch mit der Frühaufhörerin immer zu vergleichen war ,nur viel stiller,eben eine Sportlerin und kein Showgirl. Sehen sie sich ihren Medaillenspiegel an und ende mit Miri,ect.die werden Nichts und können nicht viel ,der Kampfgeist und der Willen fehlen nahezu gänzlich.Im dt.Sport geht eine Sportart nach der Anderen den Bach runter,dies ist das Verdienst von Funktionären wie Pfüller und anderen der gleichen Anmaßung und Abwesenheit von Sachverstand.
3. vielleicht sollte die frau gössner...
spargel_tarzan 12.02.2013
Zitat von sysopGetty ImagesAuf der Strecke zu langsam, am Schießstand zu schwach: Das deutsche Team läuft bei der Biathlon-WM nur hinterher. Die fünf angepeilten Medaillen sind illusorisch geworden - vor Beginn der zweiten Wettkampfwoche schraubt der Bundestrainer die Vorgaben deshalb drastisch nach unten. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/wm-bilanz-der-deutschen-biathleten-nach-der-ersten-woche-a-882766.html
mal über ihre wettkampfeinstellung nachdenken und sich von dem irrigen glauben verabschieden, daß sie körperlich so gestrickt ist wie ihre erfolgreiche vorgängerin magdalena neuner. die "mußte" ihren puls hochhalten, damit es am schießstand klappte, das heißt aber nicht, daß es bei frau gößner genauso ist. also pflügt sie ohne sinn und verstand durch die loipe und beim schießen wackelt das gewehr wie ein lämmerschwanz und dies nun schon im ganzen diesjährigen winter. ausnahmen bestätigen die regel. betrachtet man die laufzeiten der frau henkel beim letzten rennen, war sie schneller als frau gößner und das mit null fehler. blöd nur, daß sie sich beim vorrennen platz 33 eingehandelt hatte, denn 27 plätze gutgemacht hatte keine läuferin, nur sie allein.
4. Im Müssiggang zur WM,hmm....
carloshexos 12.02.2013
Wenn ein Bundestrainer in Aussicht stellt dann weiter zu machen, wenn man Ihm Arbeitserleichterungen einräumt, ist das sicher keine orientierungswürdige Botschaft für seine Truppe. Man vermisse den Biss in den Aussagen und der Körpersprache, hatte Herr Antwerpes bemerkt......Unter der Leitung von M. konnte Frau Beck entscheiden, in der Staffel bei Olympia noch einmal trotz Formlosigkeit laufen zu dürfen. So wundert es auch nicht, das 24jährige Sportler für sich entscheiden, nun alles erreicht zu haben. Man sollte sich mal über Herrn Pischler Gedanken machen!
5. anmerkungen
pefete 12.02.2013
1. sollten wir uns mal abgewöhnen, egal in welcher sportart, dass wir als weltmeister hinkommen und nur noch unser ding abspulen müssen. 2. frau gössner hat vielleicht auch das neuner-gen. alle in grund und boden laufen, aber beim schiessen versagen. sie sollte sich auch überlegen, wie stark sie ist, ob, und wie lange, sie dieses aushalten will/kann. frau neuner hat das richtige getan, sie ist aus dem zirkus ausgestiegen.
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Biathlon-Grafik: Daten und Fakten zum Schießen Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Biathlon-Grafik: Daten und Fakten zum Schießen

Zeitplan Biathlon-WM
  • DPA
    Donnerstag, 7. Februar
    17.30 Uhr: Mixed-Staffel

    Samstag, 9. Februar
    13.00 Uhr: Sprint Männer
    16.15 Uhr: Sprint Frauen

    Sonntag, 10. Februar
    13.00 Uhr: Verfolgung Männer
    16.15 Uhr: Verfolgung Frauen

    Mittwoch, 13. Februar
    17.15 Uhr: Einzel Frauen

    Donnerstag, 14. Februar
    17.15 Uhr: Einzel Männer

    Freitag, 15. Februar
    17.15 Uhr: Staffel Frauen

    Samstag, 16. Februar
    15.15 Uhr: Staffel Männer

    Sonntag, 17. Februar
    12.00 Uhr: Massenstart Frauen
    15.15 Uhr: Massenstart Männer

Biathlon-Disziplinen
Einzel
Der älteste Biathlon-Wettkampf ist mit 15 Kilometern bei den Frauen sowie 20 Kilometern bei den Männern der längste. Viermal wird geschossen, zweimal liegend, zweimal stehend - im Wechsel. Pro Fehlschuss gibt es eine Strafminute, der Zeitschnellste gewinnt.
Sprint
Mit 7,5 Kilometern bei den Frauen und 10 Kilometern bei den Männern der kürzeste Wettkampf. Erst wird liegend geschossen, dann stehend. Pro Fehler muss eine Strafrunde von 150 Metern absolviert werden. Der Zeitschnellste gewinnt.
Verfolgung
Auch Jagdrennen genannt. Der Sieger des Sprints geht als Erster in die Loipe. 10 (Frauen) beziehungsweise 12,5 (Männer) Kilometer sind zu absolvieren. In den Zeitabständen aus dem Sprintrennen jagt das restliche Feld den Führenden. Viermal wird geschossen, erst zweimal liegend, dann zweimal stehend. Pro Fehler gibt es eine Strafrunde. Wer als Erster das Ziel erreicht, gewinnt.
Massenstart
Die 30 Starter ergeben sich anhand der Weltcupwertung. Bei Weltmeisterschaften und Olympischen Winterspielen sind zudem alle Medaillengewinner der vorherigen Wettbewerbe automatisch qualifiziert. Vier Schießeinlagen (liegend, liegend, stehend, stehend) stehen auf dem Programm, die Laufstrecke beträgt 12,5 (Frauen) beziehungsweise 15 (Männer) Kilometer. Geht ein Schuss daneben, wartet die Strafrunde (150 Meter). Sieger ist, wer zuerst die Ziellinie überquert.
Staffel
Gestartet wird im Quartett - die Frauen müssen 4x6 Kilometer laufen, die Männer 4x7,5 Kilometer. Jeder Läufer hat bei seinen zwei Schießeinlagen (liegend und stehend) jeweils drei Nachlader (Zusatzschüsse). Reichen diese nicht aus, muss pro nicht getroffener Scheibe eine Strafrunde absolviert werden. Beim Wechsel muss es zwischen den Teamgefährten in der 30 Meter langen Wechselzone einen eindeutigen Körperkontakt geben, sonst droht die Disqualifikation. Die schnellste Staffel gewinnt.
Mixed-Staffel
Das Quartett besteht aus zwei Frauen und zwei Männern. Erst laufen die Frauen jeweils 6, dann die Herren jeweils 7,5 Kilometer. Jeder Starter muss zweimal schießen (liegend und stehend). Es gibt drei Nachlader pro Starter, sonst droht die Strafrunde. Sieger ist das Quartett, welches als erstes im Ziel ist. Das Mixed-Rennen ist 2014 erstmals olympisch.

Quellen: dpa und sid
Erfolgreichste Biathleten bei Weltmeisterschaften
Name (Land) Gold Silber Bronze
O. Bjørndalen (Norwegen) 18 11 9
F. Luck (Deutschland) 11 5 4
A. Tichonow (UdSSR) 11 4 2
E. Svendsen (Norwegen) 11 4 1
R. Groß (Deutschland) 9 5 6
F. Ullrich (Deutschland) 9 4 1
R. Poirée (Frankreich) 8 3 7
S. Fischer (Deutschland) 7 6 7
M. Kirchner (Deutschland) 7 1 2
W. Melanin (UdSSR) 6 1 -