Aus Whistler berichtet Susanne Rohlfing
Als die Schwestern aus Garmisch-Partenkirchen sich wenig später begegnen, fallen sie einander um den Hals und halten sich weinend in den Armen. Trost scheint in diesem Moment wichtiger als Siegesjubel.
Nachdem sich das erste Gefühlschaos gelegt hat, trägt Maria Riesch eine recht abgeklärte Analyse des "Zwiespalts" vor, in dem sie sich nun befinde: "Für mich ist das der größte Tag meines Lebens", sagt sie. "Und für meine Schwester ist eine Welt zusammengebrochen." Natürlich leide sie mit ihr. Und natürlich würde Susanne Riesch sich bestimmt gerne mit ihr, Maria, freuen. "Aber das ist jetzt schwer, das kann ich verstehen."
Nach dem ersten Lauf hatten die Riesch-Schwestern noch auf Rang eins und vier gelegen. Plötzlich schien nicht nur möglich, dass Maria Riesch ihr zweites Gold nach dem Sieg in der Super-Kombination gewinnen könnte und dass die deutschen Alpin-Frauen nach den Siegen von Katja Seizinger (Kombination und Abfahrt) und Hilde Gerg (Slalom) 1998 in Nagano wieder einmal mit drei Goldmedaillen nach Hause reisen könnten.
Und es bot sich der 22-jährigen Susanne Riesch die Chance, auf der größten sportlichen Bühne aus dem Schatten ihrer drei Jahre älteren Schwester zu treten. Zumindest ein bisschen. Das war der ganzen Familie ein Anliegen. Den im Zielbereich mitleidenden Eltern ebenso wie Maria Riesch, die im Vorfeld gesagt hatte: "Wenn ich wüsste, dass die Susanne Gold gewinnt, wäre ich auch mit Bronze zufrieden."
Der Freitag in Whistler Creekside war einer dieser Tage, an denen ein warmes Bett oder ein Platz am Ofen verlockender sind als alles, was sich vor der Haustür abspielt. Von der grandiosen Berglandschaft war nichts zu sehen, alles verschwand hinter Nebel und dicken, nassen Schneeflocken. Maria Riesch störte sich daran nicht. Sie sagt: "Ich kann das nicht erklären, es gibt einfach so Tage, da ist man gut drauf im Kopf." Und in den Beinen. Dann kommt eben olympisches Gold dabei raus.
Lange schien es, als würde auch Susanne Riesch den widrigen Bedingungen und dem großen Erwartungsdruck trotzen. Sie flog den Hang hinab, die Slalomstangen klappten zur Seite, der Schnee spritzte. Doch dann fädelte sie kurz vor dem Ziel mit ihrem Ski an einer Stange ein - aus der Traum. Zwei weitere Starterinnen folgten, die Österreicherin Marlies Schild übernahm in 1:43,32 Minuten die Führung, die Tschechin Sarka Zahrobska (1:43,90) landete direkt hinter ihr. Fehlte noch Maria Riesch.
Keine Infos zum Pechlauf der Schwester
Dass ihre Schwester ausgeschieden war, habe sie nicht gewusst, sagt Riesch später. "Darauf achten unsere Physios und Trainer zum Glück." Sie habe aber den Jubel der Österreicher nach dem Lauf von Marlies Schild gehört, deshalb habe sie schon geahnt, dass es jetzt an ihr sei, die Familie Riesch in Sachen Medaillen weiter voranzubringen. "Ich wusste, dass ich voll attackieren musste."
Am Ende zeigt die Anzeigetafel im Ziel 1:42,89 Minuten. Das bedeutet Gold für Riesch, Silber und Bronze für Schild und Zahrobska. "Ich kann nicht beschreiben, wie sich das anfühlt", so die Siegerin.
Erste Glückwünsche von US-Star Lindsey Vonn
Zu den ersten Gratulanten Maria Rieschs gehörte auch die US-Amerikanerin Lindsey Vonn. Nach ihrem Sturz im Riesenslalom war sie mit gebrochenem Finger angetreten und im ersten Lauf ausgeschieden. "Beim Slalom stößt man die Stangen ja mit der Hand beiseite, das muss sehr weh getan haben", sagt Riesch, für die Vonn nicht nur Konkurrentin, sondern auch gute Freundin ist.
Doppelweltmeisterin Vonn war im Vorfeld der Spiele als die kommende Goldqueen von Vancouver gehandelt worden, blieb mit Gold in der Abfahrt und Bronze im Super-G jedoch hinter den Erfolgen der Maria Riesch zurück. Diese sieht ihren Triumph als wegweisend für die deutschen Skifrauen: "Wir haben einige schwere Jahre hinter uns, aber das war ein richtiger Befreiungsschlag."
Schon bei der WM im vergangenen Jahr hatten die Deutschen mit Slalom-Gold durch Riesch und Riesenslalom-Gold durch Kathrin Hölzel überrascht. Und jetzt also noch dreimal Olympia-Gold dazu. Im Riesenslalom durch Viktoria Rebensburg, in der Super-Kombination und im Slalom durch Riesch. Maria Riesch muss lachen, als sie sich das durch den Kopf gehen lässt. Sie gluckst und sagt: "Nur Gold, das ist ja alles nur Gold, das ist Wahnsinn."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Wintersport | RSS |
| alles zum Thema Olympische Winterspiele 2010 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH