Zweites Gold für Maria Riesch: Tränen des Triumphs, Tränen der Trauer

Aus Whistler berichtet Susanne Rohlfing

Grenzenloser Jubel und tiefe Enttäuschung nach dem olympischen Slalomrennen: Maria Riesch feierte ihre zweite Goldmedaille in Kanada, Susanne Riesch beweinte einen Patzer kurz vor der Ziellinie - und die vergebene Chance, aus dem Schatten der großen Schwester zu treten.

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Olympisches Slalomrennen: Maria überglücklich, Susanne untröstlich
Am Ende liegen beide Schwestern im Schnee, flach auf dem Rücken, die Arme ausgebreitet. Die gleiche Geste für Gefühle, die entgegengesetzter kaum sein könnten. Susanne Riesch liegt im Hang, bitter enttäuscht, aller Medaillenträume beraubt. Im zweiten Lauf des olympischen Slalomwettbewerbs war sie kurz vor dem Ziel in Führung liegend ausgeschieden. Maria Riesch liegt wenig später im Zielbereich, unendlich erleichtert und überglücklich, als Doppel-Olympiasiegerin.

Als die Schwestern aus Garmisch-Partenkirchen sich wenig später begegnen, fallen sie einander um den Hals und halten sich weinend in den Armen. Trost scheint in diesem Moment wichtiger als Siegesjubel.

Nachdem sich das erste Gefühlschaos gelegt hat, trägt Maria Riesch eine recht abgeklärte Analyse des "Zwiespalts" vor, in dem sie sich nun befinde: "Für mich ist das der größte Tag meines Lebens", sagt sie. "Und für meine Schwester ist eine Welt zusammengebrochen." Natürlich leide sie mit ihr. Und natürlich würde Susanne Riesch sich bestimmt gerne mit ihr, Maria, freuen. "Aber das ist jetzt schwer, das kann ich verstehen."

Nach dem ersten Lauf hatten die Riesch-Schwestern noch auf Rang eins und vier gelegen. Plötzlich schien nicht nur möglich, dass Maria Riesch ihr zweites Gold nach dem Sieg in der Super-Kombination gewinnen könnte und dass die deutschen Alpin-Frauen nach den Siegen von Katja Seizinger (Kombination und Abfahrt) und Hilde Gerg (Slalom) 1998 in Nagano wieder einmal mit drei Goldmedaillen nach Hause reisen könnten.

Und es bot sich der 22-jährigen Susanne Riesch die Chance, auf der größten sportlichen Bühne aus dem Schatten ihrer drei Jahre älteren Schwester zu treten. Zumindest ein bisschen. Das war der ganzen Familie ein Anliegen. Den im Zielbereich mitleidenden Eltern ebenso wie Maria Riesch, die im Vorfeld gesagt hatte: "Wenn ich wüsste, dass die Susanne Gold gewinnt, wäre ich auch mit Bronze zufrieden."

Der Freitag in Whistler Creekside war einer dieser Tage, an denen ein warmes Bett oder ein Platz am Ofen verlockender sind als alles, was sich vor der Haustür abspielt. Von der grandiosen Berglandschaft war nichts zu sehen, alles verschwand hinter Nebel und dicken, nassen Schneeflocken. Maria Riesch störte sich daran nicht. Sie sagt: "Ich kann das nicht erklären, es gibt einfach so Tage, da ist man gut drauf im Kopf." Und in den Beinen. Dann kommt eben olympisches Gold dabei raus.

Lange schien es, als würde auch Susanne Riesch den widrigen Bedingungen und dem großen Erwartungsdruck trotzen. Sie flog den Hang hinab, die Slalomstangen klappten zur Seite, der Schnee spritzte. Doch dann fädelte sie kurz vor dem Ziel mit ihrem Ski an einer Stange ein - aus der Traum. Zwei weitere Starterinnen folgten, die Österreicherin Marlies Schild übernahm in 1:43,32 Minuten die Führung, die Tschechin Sarka Zahrobska (1:43,90) landete direkt hinter ihr. Fehlte noch Maria Riesch.

Keine Infos zum Pechlauf der Schwester

Dass ihre Schwester ausgeschieden war, habe sie nicht gewusst, sagt Riesch später. "Darauf achten unsere Physios und Trainer zum Glück." Sie habe aber den Jubel der Österreicher nach dem Lauf von Marlies Schild gehört, deshalb habe sie schon geahnt, dass es jetzt an ihr sei, die Familie Riesch in Sachen Medaillen weiter voranzubringen. "Ich wusste, dass ich voll attackieren musste."

Am Ende zeigt die Anzeigetafel im Ziel 1:42,89 Minuten. Das bedeutet Gold für Riesch, Silber und Bronze für Schild und Zahrobska. "Ich kann nicht beschreiben, wie sich das anfühlt", so die Siegerin.

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Olympische Winterspiele: Alle Goldmedaillengewinner vom 26. Februar
Susanne Riesch dagegen zog wortlos von dannen. Schon im vergangenen Jahr kehrten die Schwestern gemeinsam von einem wichtigen Wettkampf in die Heimat zurück: Maria Riesch war Slalom-Weltmeisterin, Susanne im ersten Lauf ausgeschieden. Jetzt ist der Schatten der Älteren nicht kleiner, sondern noch größer geworden. Die Chaotin der Familie hatte wieder einmal das Nachsehen gegenüber der organisierten großen Schwester.

Erste Glückwünsche von US-Star Lindsey Vonn

Zu den ersten Gratulanten Maria Rieschs gehörte auch die US-Amerikanerin Lindsey Vonn. Nach ihrem Sturz im Riesenslalom war sie mit gebrochenem Finger angetreten und im ersten Lauf ausgeschieden. "Beim Slalom stößt man die Stangen ja mit der Hand beiseite, das muss sehr weh getan haben", sagt Riesch, für die Vonn nicht nur Konkurrentin, sondern auch gute Freundin ist.

Doppelweltmeisterin Vonn war im Vorfeld der Spiele als die kommende Goldqueen von Vancouver gehandelt worden, blieb mit Gold in der Abfahrt und Bronze im Super-G jedoch hinter den Erfolgen der Maria Riesch zurück. Diese sieht ihren Triumph als wegweisend für die deutschen Skifrauen: "Wir haben einige schwere Jahre hinter uns, aber das war ein richtiger Befreiungsschlag."

Schon bei der WM im vergangenen Jahr hatten die Deutschen mit Slalom-Gold durch Riesch und Riesenslalom-Gold durch Kathrin Hölzel überrascht. Und jetzt also noch dreimal Olympia-Gold dazu. Im Riesenslalom durch Viktoria Rebensburg, in der Super-Kombination und im Slalom durch Riesch. Maria Riesch muss lachen, als sie sich das durch den Kopf gehen lässt. Sie gluckst und sagt: "Nur Gold, das ist ja alles nur Gold, das ist Wahnsinn."

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Forum - Vancouver 2010 - welches Land gewinnt die Medaillen-Wertung?
insgesamt 381 Beiträge
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    Seite 1    
1. Doping
MadMad 11.02.2010
nach den Doping Gerüchten (?) der letzten Tage lässt sich laum etwas sagen. Gute Chancen haben die Deutschen, wenn sie nicht erwischt werden ... MadMad von www.diemeinungen.de
2.
Umberto 11.02.2010
Zitat von MadMadnach den Doping Gerüchten (?) der letzten Tage lässt sich laum etwas sagen. Gute Chancen haben die Deutschen, wenn sie nicht erwischt werden ...
Die Geschichte mit dem Doping wird hier auch diskutiert. (http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=11998) Aber Sie haben natürlich Recht, wenn die Deutschen sich beim Dopen nicht erwischen lassen, wird der Medaillenspiegel wohl einen erfreulichen Anblick bieten.
3. Doping wahrscheinlich.
puter70 11.02.2010
Olympische Höchstleistungen/Siege sind ohne unerlaubte Mittel kaum mehr möglich, deshalb steht jeder Medaillengewinner unter Dopingverdacht. Da es auch um viel Geld und die anschließende Vermarktung der Erfolge geht, haben die Athleten auch kein schlechtes Gewissen, sondern hoffen nur, dass sie nicht erwischt werden.- Übrigens sind die Zeiten vorbei, dass sich nationale Größe über die Anzahl der gewonnenen Medaillen definiert. Deshalb ist es verständlich, dass vielen Mitmenschen das Vancouver-Spektakel mit den zu erwartenden Doping-Siegern ziemlich gleichgültig ist.
4.
krafts 12.02.2010
Zitat von puter70Olympische Höchstleistungen/Siege sind ohne unerlaubte Mittel kaum mehr möglich, deshalb steht jeder Medaillengewinner unter Dopingverdacht.
Doping wurde schon in gefühlten 1000 Threads diskutiert. Ich will auch nicht drumreden. Klar ist Doping ein Problem und wird es auch immer bleiben. Aber dass man in einem Forum gar nicht mehr die Leistungen der Sportler diskutieren kann, nervt mich. Bis jetzt kein einziger Beitrag hier, in dem nicht das Wort Doping fehlt so nach dem Motto : sind ja eh alle gedopt. Diskutieren Sie doch in den dafür eigens geschaffenen Threads. Nun zum Thema: Sicher wird es für die deutschen Sportler einige Medaillen geben. Dass es so viele werden, wie in Turin glaube ich nicht. Aber meiner Meinung nach wird der Medaillenspiegel eh überbewertet und spiegelt auch nicht exakt die Leistung des ganzen Teams wieder.
5.
MadMad 12.02.2010
Zitat von kraftsNun zum Thema: Sicher wird es für die deutschen Sportler einige Medaillen geben. Dass es so viele werden, wie in Turin glaube ich nicht. Aber meiner Meinung nach wird der Medaillenspiegel eh überbewertet und spiegelt auch nicht exakt die Leistung des ganzen Teams wieder.
Ich glaube auch nicht, dass die Deutschen so stark werden wie in Turin. Allein schon die Biathleten laufen hinter der Form von Turin hinterher und das sind doch bald 50% der Miete. Mal sehen, was die Rodler bringen. Ist eigentlich Cross-Ski oder wie das heisst jetzt offiziel im Programm ? MadMad von www.diemeinungen.de
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Olympische Winterspiele: Alle Goldmedaillengewinner auf einen Blick

Deutsche Alpin-Olympiasiegerinnen
Vancouver 2010
Maria Riesch (Slalom und Super-Kombination)
Viktoria Rebensburg (Riesenslalom)
Nagano 1998
Hilde Gerg (Slalom)
Katja Seizinger (Abfahrt und Kombination)
Lillehammer 1994
Katja Seizinger (Abfahrt)
Calgary 1988
Marina Kiehl (Abfahrt)
Innsbruck 1976
Rosi Mittermaier (Abfahrt und Slalom)
Squaw Valley 1960
Heidi Biebl (Abfahrt)
Cortina d'Ampezzo 1956
Rosa "Ossi" Reichert (Riesenslalom)
Garmisch-Partenkirchen 1936
Cristl Cranz (Kombination)
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